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Flüchtlinge in Boizenburg Auf der Flucht ohne die Familie

Von Katharina Hennes | 30.09.2011, 11:52 Uhr

Yusuf war 15, als er nach Deutschland kam. Er kam mit dem Flugzeug ohne seinen Vater, den Bruder und die Schwestern. "Meine Mutter ist tot und mein Vater schwer krank", erzählt er.

Yusuf war 15, als er nach Deutschland kam. Er kam mit dem Flugzeug ohne seinen Vater, den Bruder und die zwei jüngeren Schwestern. "Meine Mutter ist tot und mein Vater schwer krank", erzählt er. Zwei Jahre hat er seine Familie nicht gesehen. "Es geht ihnen sehr schlecht." Manchmal kann er mit seinem Vater am Telefon sprechen. "Ich würde ihm so gern helfen." Heute ist Yusuf 17. Er lebt in einem kleinen Zimmer im Boizehaus, dem Kinder- und Jugendwohnheim des Internationalen Bundes (IB). Wand an Wand mit Aboubacar aus Mauretanien und Nasim aus Afghanistan. Jeder hat seine eigene Geschichte. "Manchmal dauert es ein halbes Jahr, bis wir ihre wirkliche Geschichte erfahren", sagt Christine Müller vom Jugendamt des Landkreises. "Manchmal erfahren wir sie auch nie." Seit 15 Jahren ist sie verantwortlich für die Vormundschaft minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge. "Es ist eine sehr aufreibende, sehr intensive und auch sehr spannende Aufgabe", sagt sie. Zeit sei das wichtigste bei ihrer Arbeit. "Wir brauchen Zeit für das Vertrauen der Kinder. Und wir brauchen Zeit, die jungen oft traumatisierten Menschen auf ihrem Weg zu eigenständigen Persönlichkeiten zu begleiten."

Vieles habe sich in den 15 Jahren zum Positiven gewendet. Das Zusammenspiel zwischen Behörden, der Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Horst und dem Boizehaus des IB klappe hervorragend. "Vor Jahren habe es Monate gedauert, bis die Kinder aus Horst in die betreute Wohneinrichtung kommen konnten. Heute dauert es einen halben Tag. Oft reicht ein Anruf beim IB, ein Fax zum Amtsgericht, um den Antrag auf Vormundschaft unbürokratisch zu regeln. Für derzeit acht Flüchtlingskinder im Landkreis ist Christine Müller zurzeit der Amtsvormund. "Sie kommen zu uns, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, wir wissen nicht wie alt sie sind und manchmal erzählen sie uns Geschichten, die ihnen der Schlepper offensichtlich gleich mitverkauft hat."

Yusuf hat Vertrauen gefasst. "Natürlich würde ich lieber arbeiten", sagt er. "Aber dafür muss ich erst Deutsch lernen." Drei Mal in der Woche fährt er mit Abu und Nasim nach Ludwigslust zum Intensivsprachkurs an der Volkshochschule. In Boizenburg spielt er mit Aboubacar Fußball bei Aufbau. "Deutsch fluchen auf dem Fußballfeld können sie schon prima", sagt Michael Hallmann. Der Geschäftsführer des IB freut sich vor allem über das selbstverständliche Zusammenwirken vieler in der Kleinstadt. "Ob Schulen, Ärzte oder Vereine. Wir haben keine Probleme, die Flüchtlingskinder hier zu integrieren."

Weniger Reaktionen als erhofft hatte jedoch der Medienaufruf des Jugendamtes an die breite Öffentlichkeit, sich für eine ehrenamtliche Vormundschaft für minderjährige Flüchtlingskinder zu bewerben. Christine Müller: "Nur fünf haben sich gemeldet und zwei davon kommen in Frage."

Knapp einhundert Flüchtlingskinder hat Christine Müller bis heute in die Volljährigkeit begleitet. Vorfälle, wie vor 17 Jahren, als ein Flüchtling aus dem Gülzer Jugendwohnheim an seinem 18. Geburtstag nachts in einem Bus abtransportiert wurde, habe es seitdem nie wieder gegeben. Christine Müller. "Sicher, einige sind uns auf dem Weg abhanden gekommen. Aber viele andere stehen selbstbewusst auf eigenen Beinen mitten im Leben." Hungh aus Vietnam zum Beispiel. Er arbeitet als Koch und lebt mit seiner Freundin in Wismar. Oder Aisha. Die Mauretanierin hat gerade ihre erste eigene Wohnung in Schwerin bezogen, und Gholem aus Afghanistan absolviert eine Lehre zum Mechatroniker. Auch Yusuf will es schaffen. Sein Traum? "Ich will als Krankenpfleger arbeiten, bald mein eigenes Geld verdienen und damit meiner Familie in Somalia helfen."