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Schwerin Alt, einsam, depressiv

Von Karin Koslik | 26.03.2012, 09:13 Uhr

Zusammen ist man weniger allein.

Das ist nicht nur der Titel eines später auch verfilmten Romans von Anna Gavalda - es ist schlicht die Wahrheit. Doch mit anderen zusammen sein zu können, ist für immer mehr Menschen ein unerreichbarer Idealzustand: Dass klassische Großfamilien immer seltener werden und dafür die Zahl der Ein-Personen-Haushalte steigt, stellt viele Bereiche der Gesellschaft vor neue Herausforderungen - vor allem, wenn es um Krankheit und Pflege geht. In den Fokus geraten zunehmend aber auch Erkrankungen, die durch Vereinsamung hervorgerufen oder befördert werden, betont Dr. Lutz Michael Drach, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie an den Schweriner Helios Kliniken.

Die meisten Menschen sehnen sich nach Gemeinschaft. Doch längst nicht jedem gelingt es, dem Alleinsein zu entfliehen: Gerade bei Älteren ist das oft die Folge körperlicher und sozialer Veränderungen. "Der Partner ist bereits verstorben, gleichaltrige Freunde oder Gesprächspartner gibt es kaum noch, und Kinder und Enkel wohnen möglicherweise weit entfernt. Wenn dann auch noch ihre Beweglichkeit eingeschränkt ist, können Senioren die Wohnung kaum noch verlassen und haben daher so gut wie keine Möglichkeiten, Bekanntschaften zu schließen oder zu pflegen", so Drach.

Nun heißt allein zu sein nicht auch automatisch, einsam zu sein. "Einsamkeit ist etwas Subjektives", betont der Mediziner. Während viele gut damit fertig werden, macht andere die Einsamkeit regelrecht krank - erst recht, wenn die objektiven Erschwernisse des Alters dazukommen. Eine ganze Reihe psychischer Erkrankungen werden durch dieses Bedingungsgefüge gefördert, so Dr. Drach: An erster Stelle stehen Depressionen, Angsterkrankungen und somatoforme Störungen, also körperliche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursache.

An den Schweriner Helios Kliniken gibt es für Betroffene eine spezielle Altersdepressions-Station. "Es ist die einzige in Mecklenburg-Vorpommern, bundesweit gibt es erst zwölf derartige Stationen", so Dr. Drach. Das hänge mit einem erst langsam in Gang kommenden Umdenken unter Psychiatern und Krankenhausträgern zusammen. Depressive ältere Menschen beispielsweise gemeinsam mit Demenzkranken unterzubringen und zu behandeln, sei alles andere als förderlich - vielerorts aber ganz einfach räumlichen Zwängen geschuldet.

Depressionen im Alter müsse man zudem weiter fassen als bei jüngeren Patienten, betont der Schweriner Klinikchef. Häufig sei beispielsweise ein Übergang zu Ängsten und zu körperlichen Beschwerden zu beobachten. "Es gibt auch ältere Alleinlebende, die durch die Einsamkeit wahnhaft werden. Sie fühlen sich dann abgehört, verfolgt oder überwacht - was nicht selten zu Nachbarschaftskonflikten oder immer wiederkehrenden Polizeieinsätzen führt. Im schlimmsten Fall greifen diese Personen zur Selbsthilfe und versuchen, den vermeintlichen Störenfried unschädlich zu machen", erzählt Dr. Drach.

Manche Patienten würden schließlich von ihrem Hausarzt in die Klinik eingewiesen - Dr. Drach zufolge sind das allerdings wahrscheinlich nur ca. zehn Prozent der insgesamt Betroffenen. Neben der üblichen Behandlung - Medikamente, Psycho- und Ergotherapie - würde stets versucht, sie so schnell wie möglich wieder "auszuwildern", sie also quasi zu Sozialkontakten und damit zum Ausbrechen aus der krank machenden Einsamkeit zu zwingen. "Bereits bei der Erhebung der Krankengeschichte fragen wir danach, welche Interessen oder Hobbys der Patient früher einmal hatte. Viele behaupten dann, dass sie diesen Interessen heute nicht mehr nachgehen könnten, weil es einfach keine entsprechenden Angebote gibt. Aber für solche Fälle sind wir gewappnet", erzählt der Chefarzt. " In einer umfangreichen Datenbank, die unter Federführung unserer leitenden Psychologin Brigitte Terner aufgebaut wurde, haben wir Angebote aus unserem gesamten Einzugsgebiet gespeichert. Selbst im kleinsten Ort wissen wir, was los ist." Bei vielen Patienten würde es auf diese Weise gelingen, für sie passende, befriedigende Aktivitäten zu finden. Mancher lebt wieder auf, wenn man ihn zu einem Treffen der Vertriebenen einer bestimmten Landsmannschaft schickt. Ein anderer bäckt gerne Kuchen für den Sonntagskaffee der Pfarrgemeinde - und kommt so wieder unter Menschen. Wo es möglich sei, würden Angehörige mit in diese "Auswilderungs-Phase" einbezogen. Oft verzichten die Therapeuten allerdings auch bewusst darauf, denn "die Fixierung ausschließlich auf Angehörige kann Teil des Problems unserer Patienten sein."

Aber wie bringt man alte, kranke Patienten dazu, sich wieder dem Leben zu öffnen? Das sei gar nicht so schwer, meint Dr.Drach. "Menschen, die erst im Alter depressiv geworden sind, waren in ihrem Leben meist erfolgreich", hat der Mediziner beobachtet. "Sie haben Ressourcen, man muss sie also nur wieder auf diese Schiene zurückschicken."

Durchschnittlich 40 Tage würde es dauern, bis depressive alte Menschen wieder allein mit dem Leben in ihrer gewohnten Umgebung zurecht kommen. Nur einen Teil dieser Zeit werden diese Patienten stationär betreut, danach kommen sie in die Tagesklinik. In dieser Phase wird bereits stundenweise - abends und an den Wochenenden - trainiert, wieder ganz allein zurechtzukommen, ohne zu vereinsamen

Nicht jedem gelingt das. "Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die die von uns angeregten Aktivitäten auch nach ihrer Entlassung fortsetzen, seltener wiederkommen als die, die aufgeben", so Dr. Drach.