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Umstrittene Akquisemaßnahme ADAC auf Mitgliederfang

Von DABE | 20.02.2014, 21:57 Uhr

Vertragsabschluss auch ohne Führerschein: Freiberufliche Werber sind in Fahrschulen unterwegs

Der 18-jährige Stefan Haller* aus Boizenburg hat noch nicht einmal seinen Führerschein in der Tasche und trotzdem ist er Mitglied im ADAC: Es ist das Ergebnis einer fragwürdigen Mitgliederakquise. Freiberufliche Werber gehen im ganzen Land in Fahrschulen auf Mitgliederfang und machen den Jugendlichen ein vielversprechendes Angebot. Sie bekommen ein Jahr lang kostenlos das Sorglospaket: Pannen- und Unfallhilfe, Abschleppdienst und Bergung in Deutschland. Obendrauf gibt es ein Gutscheineheft im Wert von 50 Euro und Werbegeschenke. Der ADAC lässt in Zeiten der Krise scheinbar nichts unversucht, um an neue Mitglieder heranzukommen.


Gutscheineheft als Lockstoff

Wie viele andere Jugendliche in seiner Fahrschule, ließ sich auch Stefan Haller nicht lange überreden und unterschrieb den Mitgliedsvertrag beim ADAC. Dass seine Führerscheinprüfung zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne lag, interessierte weder ihn noch den Werber.

Knapp ein Jahr nach Vertragsabschluss steht der junge Mann immer noch ohne Führerschein da und kann von seiner ADAC-Mitgliedschaft nicht profitieren. Diese wird nach einem Jahr kostenpflichtig, wenn sie nicht fristgemäß gekündigt wird. Die Mutter des 18-Jährigen ist wütend. Es sei einfach der falsche Ort, um neue Mitglieder zu werben. In der Fahrschule sollten die jungen Leute lieber die Theorie büffeln, anstatt über mögliche Auto-Pannen nachzudenken. „Das ist eine ganz miese Masche. Wäre mein Sohn nicht volljährig gewesen, hätte ich definitiv Einspruch eingelegt“, sagt die 51-Jährige aus Boizenburg.

Was ihr Sohn erlebt hat, ist offenbar kein Einzelfall, sondern gängige Praxis bei der ADAC-Mitgliederakquise. Marcus Küntzel war sehr überrascht, als er Ende vergangenen Jahres zu seiner Theorieprüfung in der Nähe von Schönberg in Nordwestmecklenburg kam und plötzlich ein Vertreter das ADAC das Mitglieder-Angebot vorstellte. „Nach allem was ich über den ADAC gehört habe, wirkt das aus heutiger Sicht ziemlich unseriös“, sagt der 30-Jährige. Er habe das Angebot damals abgelehnt, andere allerdings unterschrieben den Vertrag. Eine junge Frau aus MV berichtet anonym, dass sie sich in ihrer Fahrschule regelrecht genötigt gefühlt habe, den Vertrag zu unterschreiben. Mit ihren damals 17 Jahren habe sie sich einfach nicht getraut, „Nein“ zu sagen.

Wenn der Schweriner Fahrschullehrer Bernd Thom Geschichten wie diese hört, ist er alles andere als überrascht. Er kennt die Masche der ADAC-Werber und sei selbst schon mehrfach angesprochen worden. „Die wollten, dass ich ihnen zehn Minuten meiner Unterrichtszeit zur Verfügung stelle, damit sie ihr Angebot vorstellen können“, so der Fahrlehrer.


Werber bekommen Provisionen

Er habe die Anfragen immer wieder abgeblockt, weil er seinen Schülern keine Werbeveranstaltung zumuten wollte.

ADAC-Sprecher Jochen Oesterle verteidigt die Akquisemaßnahmen in den Fahrschulen: „Der ADAC nutzt sämtliche Kanäle zur Mitgliedergewinnung. Dabei setzen die Regionalclubs eigene Schwerpunkte.“ Die Jugendlichen in den Fahrschulen würden letztlich von dem Angebot profitieren. Keiner werde gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben. Zudem müssten die Eltern der unter 18-Jährigen den Mitgliedsvertrag mitunterzeichnen. „Die Zusammenarbeit mit den Fahrschulverbänden hat jahrelang einwandfrei funktioniert“, sagt Oesterle. Und das beweisen auch die Zahlen: Bundesweit sind mehr als eine Million ADAC-Mitglieder zwischen 18 und 23 Jahre alt, eine weitere Million Mitglieder ist sogar jünger als 18 Jahre.

*Name von der Redaktion geändert