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Tribsees Abgesackte A20: Happy End für Dorfbewohner?

Von LIKL | 16.01.2018, 05:00 Uhr

Ende Oktober versank ein Stück der A20 bei Tribsees im Moor. Anwohner und Urlauber hoffen auf eine Entspannung der Lage bis Sommer

Für das Dorffest in Langsdorf ist es zu spät. Dieses Jahr wird es wahrscheinlich das erste Mal in 14 Jahren ausfallen. Und damit auch der beliebte traditionelle Familientriathlon, meint Hartmut Kolschewski, parteiloser Bürgermeister der Gemeinde Lindholz, zu der auch Langsdorf gehört. Denn selbst wenn das Land – wie versprochen – an den Plänen festhält, eine Umleitungsstrecke entlang des abgerutschten Teilabschnitts der A 20 nahe Tribsees bis zum Sommer in Betrieb zu nehmen – eine Garantie sei das nicht.

„Wir müssten jetzt schon mit den Vorbereitungen beginnen. Wenn bis zum Dorffest Ende August die Strecke doch nicht fertig ist, wäre alles umsonst“, meint Kolschewski. Lieber gehe er da auf Nummer sicher. Doch die Absage des Dorffestes sei nur ein kleiner Wermutstropfen, wenn mit der Eröffnung der Baustraße im Sommer wieder Ruhe im Dorf herrsche.

Denn da, wo sonst im August jedes Jahr Hobby-Triathleten die Straße erobern, rollen derzeit gewaltige Blechlawinen. Der gesamte Verkehr der Autobahn fließt durch den kleinen Ort bei Tribsees, seit Ende Oktober die A 20 wenige hundert Meter entfernt im Moor versinkt. Zwischen 8000 und 10  000 Fahrzeuge sind es täglich. Vorher waren es gerade einmal 1500. Bis 2021 sollen die Bauarbeiten auf der A 20 andauern.

Die Lage im Dorf habe sich inzwischen etwas verbessert, meint Kolschewski. Der Landkreis setzte zügig eine Geschwindigkeitsbegrenzung und in diesem Zusammenhang Kontrollen um. Das war nur eine von drei Forderungen eines Petitionsschreibens, das 482 der 600 Einwohner der Gemeinde Lindholz unterschrieben. Punkt eins war, die alte Baustraße wieder zu öffnen. Sie stammte noch aus der Bauphase der A 20 und diente bereits damals als Umgehung des Dorfes. Die von der Landesregierung zuerst favorisierte Behelfsbrücke an der Abbruchstelle lehnte Kolschewski hingegen ab: „Es wird nicht die letzte Baustelle an der A 20 sein. Und wenn es keine direkte Umleitung gibt, wird der Verkehr weiter durch Langsdorf fahren“, sagte er.

Schienenersatzverkehr Bad Kleinen

Knoten für die Region

Meinung – Carlo Ihde
Unter der dicken Jacke noch zwei Pullover: Pendlerin Jenniver-Louise Tayebi-Grant aus Schwerin hat sich für den Heimweg gegen die Kälte gerüstet. Um 7 Uhr ist sie nach ihrer Nachtschicht in Lübeck in den Zug gestiegen. Beim Umstieg in Bad Kleinen um kurz vor 8 Uhr steht der Bus in die Landeshauptstadt schon bereit. Frieren muss sie heute nicht. „Ich arbeite als Dauernachtwache in einem Lübecker Pflegeheim“, erzählt die Schwerinerin. Das Pendeln mit Baustellen habe sie oft erlebt, die jetzige verlängert ihre Heimfahrt nur um 15 Minuten. „Ich bin daher wirklich entspannt, es klappt alles gut“, sagt sie. Seit vergangener Woche ist die Bahnstrecke zwischen Schwerin und Bad Kleinen gesperrt. Bis zum 14. April bleibt die Hauptader des Schienenverkehrs in MV gekappt. Die Bahn investiert 62 Millionen Euro, um mit den Trassen in und um Bad Kleinen einen Knotenpunkt für den mecklenburgischen Regionalverkehr zu schaffen. Bad Kleinen bekommt für 25 Millionen Euro einen neuen Bahnhof. Nun muss vor Lübstorf auf 450 Metern das Kronsdorfer Moor mit Stahlbeton neu überspannt werden, damit auf der Strecke Züge mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde fahren können.

„Es ist aus Fahrgastsicht absolut zu bemängeln, dass man bei einer zweigleisigen Strecke eine Vollsperrung durchführen muss“, sagt Marcel Drews, vom Fahrgastverband Pro-Bahn MV. Für Kunden, die etwa auf einen Rollstuhl angewiesen sind, kann ein Umstieg von Bahn zu Bus in Bad Kleinen aktuell nicht gewährleistet werden. Sie sollen in Ventschow/Blankenberg, Lübstorf oder Schwerin zusteigen. Da die Bahn Reisenden aus Hamburg auch die Umfahrung Schwerins über Lübeck empfiehlt, wäre, so Drews, eine Direktverbindung ohne Umstieg von Lübeck nach Rostock sicher zielführender gewesen. Die Bahn verteidigt die Vollsperrung. „Aufgrund von Umweltschutzauflagen an der Moorstelle ist das sonst übliche Anlegen von Baustraßen nicht möglich. Das Moor ist daher vom Gleis aus abzutragen“, erklärt Gisbert Gahler vom Berliner Regionalbüro Kommunikation der Bahn AG.

Im Schienennahverkehr werden zwischen Rostock und Schwerin im Jahresmittel täglich 3000 Personen befördert, dazu kommen 2000 Fahrgäste in Fernverkehrszügen der DB, teilte Renate Gundlach, Pressesprecherin im Infrastrukturministerium MV, mit. Zwischen Wismar und Schwerin sind es 1700 Fahrgäste pro Tag. Der Schienenersatzverkehr sei nach diesen Zahlen bemessen. „Sollten Kapazitätsprobleme auftreten, wird kurzfristig nachgesteuert“, so Gundlach.

Auch wenn die Buskapazitäten am Montagmorgen zumeist reichen, spätestens am Freitagnachmittag seien die Busse in Richtung Schwerin voll, berichtet Jenniver-Louise Tayebi-Grant. Aber all das sei gut zu ertragen und sie ergänzt: „Beim Bahnfahren kann ich entspannen und Musik hören. Ein Auto wäre für mich daher keine wirkliche Option.“

















Zum Kommentar

Die Dorfbewohner hatten Glück: Untersuchungen ergaben, dass der ebenfalls auf der Moorlinse liegende Teil der A 20 hinter der abgesackten Unglücksstelle nicht ausreichend tragfähig ist, um während der mehrjährigen Bauzeit den Verkehr tragen zu können. Mit Hochdruck arbeitet man nun an der Wiederherstellung der alten Behelfsstraße. „Mit Inbetriebnahme kann auch eine Umfahrung von Langsdorf erreicht werden, so dass die aktuellen Umweltbelastungen durch den Autobahnverkehr in den Ortslagen entfallen“, sagte Energieminister Christian Pegel (SPD).

Dass die alte Baustraße östlich des Dorfes bis Sommer fertiggestellt wird, darauf hofft auch die Tourismusbranche. Die Ost-West-Achse stellt für die Ostsee-Urlauber die wichtigste Verkehrsroute dar. Pegel hatte bei einem Krisentreffen in der vergangenen Woche nochmals erklärt, an den Plänen festhalten zu wollen, nachdem er kurz zuvor Zweifel am Bautermin aufkommen lassen hatte. Bis dahin solle eine bessere Verkehrsführung die Touristen zügig an ihre Urlaubsorte bringen. Zusätzlich habe das Land zugesagt, das Verkehrsmanagement zu verbessern und zusammen mit dem ADAC und dem Innenministerium beispielsweise bei Staugefahr in Navigationssystemen Alternativstrecken anzubieten, sagte Bernd Fischer, Chef des Landestourismusverbandes.

Komme es doch einmal auf Umgehungsstraßen zu Staus, solle Urlaubern geholfen und beispielsweise Wasser angeboten werden. Mit Hoteliers, Pensionsbetreibern und Ferienwohnungsbesitzern auf den Inseln Rügen und Usedom solle zudem darüber beraten werden, die Zeiten für den Bettenwechsel zu erweitern, sagte Fischer. Es sei aber auch klar: Trotz des gesperrten Autobahnabschnitts bleibe das Urlaubsland MV weiter gut erreichbar. „Die ist nur eine von Hunderten Baustellen in Deutschland.“

Die Wiederherstellung der A 20-Umfahrung ist mit hohem Aufwand und einigen Unwägbarkeiten verbunden, teilt das Verkehrsministerium in MV unterdessen mit. Die Stützen, die die Straße im moorigen Untergrund früher trugen, wurden beim Rückbau der Straße nach Fertigstellung der A 20 mit schwerem Gerät abgebrochen. Grünes Licht für die Bauarbeiten gebe es bereits von den Umweltverbänden, teilt Hartmut Kolschewski mit. Und etwas Gutes hatte das A 20-Drama für Langsdorf doch: „Uns wurde vom Land ein Radweg versprochen“, sagt der Bürgermeister. Auch die Straße im Ort solle erneuert und in diesem Zuge zur Verkehrsberuhigung etwas schmaler gemacht werden, so Kolschewski freudig: „Dann wären alle Forderungen der Petition erfüllt. Damit hätte ich so nicht gerechnet.“