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Schwerin/Malchin Abgehängt: Jungs als Bildungsverlierer

Von Angela Hoffmann | 09.05.2011, 08:00 Uhr

Sie haben ein Floß gebaut und in Zelten geschlafen.

Sie sind Drachenboot gefahren und durch die Nacht gewandert. Sie haben Felsen erklommen und Box-Techniken erlernt. Aber sie haben auch Küchenarbeiten und Tischdienste übernommen. Und sie haben ihre eigenen Kräfte, Ängste und Wünsche kennengelernt. Zwei Gruppen mit jeweils 14 Jungs im Alter von neun bis 14 Jahren erlebten im vergangenen Sommer eine Abenteuer-Woche auf der Insel Kaninchenwerder im Schweriner See. Mit ihrer "Ich-kann-was-Initiative" hatte die Telekom das Camp des Verbunds für soziale Projekte (VSP) gefördert. Die Jugendfirma von Kaninchenwerder, Sozial- und Erlebnispädagogen hatten sich dafür stark gemacht. "Es geht darum, den Teilnehmern in Jungen-Form soziale Fähigkeiten beizubringen, die vor allem in der Schule gefragt sind", erläutert der Schweriner VSP-Geschäftsführer Thomas Littwin. Die erlebnispädagogischen Camps sollen deshalb in diesem Sommer wiederholt werden.

Noch sind solche Projekte Einzelfälle im Land. Doch die Bemühungen um eine spezielle Förderung von Jungen nehmen zu. Der Grund: Spätestens seit Veröffentlichung der Pisa-Studien gelten männliche Schüler als Sorgenkinder. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern wird ihnen der Stempel "Bildungsverlierer" aufgedrückt. Immer wieder ist vor allem von gut ausgebildeten jungen Frauen die Rede, die das Land verlassen - und von häufiger schlecht qualifizierten jungen Männern, die zurückbleiben und nicht vom Fachkräftemangel in der Wirtschaft profitieren können.

Mehr Sitzenbleiber, weniger Abiturienten

Zahlen aus dem Bildungsministerium unterstreichen das Problem: Im Sommer 2010 haben 489 Schüler die allgemeinbildenden Schulen in MV ohne Abschluss verlassen. Darunter waren 65 Prozent Jungen. Auch bei den Sitzenbleibern sind die männlichen Schüler in der Mehrheit. 3856 Schüler mussten im Schuljahr 2008/2009 eine "Ehrenrunde" drehen, darunter 2271 Jungen. Rund zwei Drittel aller Förderschüler im aktuellen Schuljahr sind männlich. In der Minderheit befinden sich die Jungs dagegen bei der Hochschulreife. 3666 junge Menschen im Land machten im vergangenen Jahr das Abitur, darunter 1702 männliche Schüler.

Die Schulen würden inzwischen mit mehr geschlechterspezifischen Angeboten reagieren, so eine Sprecherin des Bildungsministeriums. Gerade erst sei eine entsprechende Fortbildungsreihe für Lehrer zu Ende gegangen. Auch die Hochschule Neubrandenburg lege beispielsweise bei ihrem Studiengang "Early Education" besonderen Wert auf das Thema.

Die Bundespolitik zeigt sich ebenfalls alarmiert. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) fördert deshalb die Bundesinitiative "Neue Wege für Jungs". Dazu gehört unter anderem eine bessere Berufsinformation. In mehreren Bundesländern gibt es mittlerweile neben dem "Girls Day" auch einen "Boys Day".

In Mecklenburg-Vorpommern heißt das schlichtweg "Jungstag" und findet in diesem Jahr erstmals am 5. Oktober statt. Während den Mädchen beim "Girls Day" im April auch traditionelle Männerberufe nahegebracht wurden, sollen die Jungen dann die Gelegenheit bekommen, pflegerische und erzieherische Arbeiten kennenzulernen. Allerdings nicht ausschließlich, wie Projektleiterin Margit Quilitz vom Bildungswerk der Wirtschaft in MV betont. Vorgesehen seien ebenso Treffen mit Unternehmern und Auszubildenden aus sogenannten Zukunftsbranchen wie Energie- oder Medizintechnik. Sie sollen den Schülern sagen, was von ihnen im Arbeitsleben erwartet wird.

"Die Ansätze sind o.k.", meint Dirk Siebernik von der "Gender-Fachstelle Mecklenburg-Vorpommern - Geschlechtergerechtigkeit in der Kinder- und Jugendhilfe". Gemeinsam mit der Landesarbeitsgemeinschaft "Jungen - Männer - Väter" bietet er Ende Juni einen Workshop für Fachkräfte aus der Jugendhilfe zum Thema an.

Experte warnt vor Schwarz-Weiß-Malerei

Siebernik warnt allerdings auch vor Schwarz-Weiß-Malerei. Denn nach der Schulzeit weisen Statistiken immer noch ein anderes Bild auf: In der Arbeitswelt haben nach wie vor Männer häufiger bessere und vor allem besser bezahlte Jobs als Frauen. Sich nur noch auf "Jungs als Bildungsverlierer" zu konzentrieren, greife deshalb zu kurz, findet Siebernik. Kritisch betrachtet er vor allem die These, dass der Frauenüberschuss in Kitas und Schulen schuld an den schlechten Noten von Jungs sein soll. Dabei verweist er auf eine österreichische Studie, die zeigt, dass Jungs von männlichen Pädagogen sogar schlechter bewertet wurden.

Unabhängig davon plädiert Thomas Littwin für mehr Verständnis für das Verhalten von Jungs. Action, Körperlichkeit, Wettbewerb, Durchsetzung - all das spiele für viele Jungen eine wichtige Rolle, sagt der Schweriner Sozialpädagoge, der auch in der LAG "Jungen - Männer - Väter" aktiv ist. Dieses Verhalten führe in der Schule oft zum Image des Störenfrieds, kritisiert Littwin. Er wirbt deshalb für pädagogische Ansätze, die Jungs die Chance geben, ihren Bewegungsdrang und ihre Energie positiv umzusetzen.

"Oft reichen Kleinigkeiten aus, um Jungen und Mädchen gleichermaßen für eine Sache begeistern zu können", sagt Rica Düde-Grandke, Sozialarbeiterin am Sonderpädagogischen Förderzentrum "Lindenschule" in Malchin (Landkreis Demmin). Die Diplompädagogin vom Sozialwerk der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Malchin/Teterow kümmert sich schon seit längerem um "Neue Wege für Jungs". Bei gemeinsamen Aktivitäten achte sie beispielsweise darauf, beide Geschlechter anzusprechen, sagt sie. Zum Beispiel beim Bemalen von Ostereiern in diesem Jahr. Während die Mädchen zum Pinsel griffen, konnten die Jungs die Eier auch in Metallicfarbe tauchen. "Sofort hatten alle gleich viel Spaß an der Sache", sagt die Diplompädagogin. Von getrennten Unterrichtsfächern hält sie dagegen wenig. Hauswirtschaft und Werken gibt es im Förderzentrum für alle Schüler. Denn Bildungsverlierer kann sich das Land auf keinem Gebiet leisten.