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70 Jahre SVZ: Die Zusteller „Ich fahre lieber ohne E-Bike die Zeitung aus“

Von Anja Bölck | 01.07.2022, 06:58 Uhr

Seit 20 Jahren fährt Edith Schneider die SVZ aus – mit voller Beinkraft und in aller Herrgottsfrühe. Und erlebt dabei regelmäßig kuriose Dinge.

Täglich grüßt das Murmeltier. Um 3 Uhr nachts klingelt bei Edith Schneider für gewöhnlich der Wecker. Da ist sie längst wach. Sie braucht ihn nicht wirklich. Manchmal klingelt er noch, wenn sie zurückkommt.

Kurz nach 3 verlässt die Schwerinerin das Haus. Klack. Ihr Mann dreht sich auf die andere Seite. Edith Schneider könnte jetzt neben ihm schlummern. Sie ist schließlich Ruheständlerin. Nichts da. Sie will das tun, was sie seit 20 Jahren tut.

Nur etwas für Frühaufsteher

In der Einfahrt liegt ein Stapel mit „Schweriner Volkszeitungen“. Die 72-Jährige verteilt sie in ihren Fahrradtaschen, eine vorne, zwei hinten. Knapp zwei Kilometer liegen vor ihr. Treten, absteigen, einwerfen, aufsteigen, treten. „Um diese Uhrzeit aufstehen und Zeitungen austragen, das schafft nur jemand, der früh aufstehen kann“, sagt sie gut gelaunt bei einem Kaffee in ihrem Garten. „Sonst muss das wohl der Horror sein.“

Für Edith Schneider ist Zeitungaustragen das beste Gesundheitselixier. „Ich war nicht einmal krank, seitdem ich das mache“, sagt sie. „Keine Erkältung, nichts. Auch körperlich fühle ich mich fit.“ Sie liebt vor allem die Sommertage, in denen morgens die Dämmerung einsetzt. Und die Vogelkonzerte beginnen. Manchmal möchte sie stehen bleiben und lauschen.

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Dann gibt es die stürmischen Tage, an denen die Zustellerin mit ihrem schwer beladenen Fahrrad gegen den Wind ankämpft und schon mal leise vor sich hinflucht. Gut, dass sie noch niemand hört. „Ich muss das Rad dann sicher abstellen, damit es nicht umfällt“, sagt sie. „Es hat schon viele Stürze erlebt. Und ich bin auch schon herumfliegenden Zeitungen hinterhergelaufen.“

Selbst bei Schnee fährt sie Rad

Alles kein Weltuntergang. Selbst dem Winter kann Edith Schneider etwas Gutes abgewinnen. „Wenn es frisch geschneit hat und man hinterlässt als Erste seine Spur im Schnee.“ Bevor sie losradelt, testet sie mit dem Fuß, ob die Straße glatt ist. Wenn ja, lässt sie das Rad stehen. Vergangenen Dezember war so ein Morgen. Ihr Mann begleitete sie fix. Aber mit fix war nichts. Just an diesem Morgen rutschte Edith Schneider auf einer klitzekleinen Pfütze aus und brach sich unglücklich den Arm. Danach hatte sie viel Zeit zum Zeitunglesen. Sie mag die SVZ. „Ich bin froh, dass sie nicht so ist wie die „Bild“-Zeitung. Wenn ich da schon die reißerischen Überschriften lese…“

Angefangen mit dem Zeitungaustragen hat Edith Schneider, als ihre Tochter zum Medizinstudium ging. „Ich wollte sie noch ein bisschen mehr unterstützen. Außerdem bin ich schon immer gern Fahrrad gefahren.“ Aufgewachsen ist Edith Schneider im Grenzgebiet bei Gadebusch. Später arbeitete sie als Drogistin und HO-Filialleiterin. Die letzten 15 Jahre bis zur Rente war sie im Modekaufhaus Kressmann in Schwerin beschäftigt.

Leute lassen draußen ihre Schlüssel stecken

Inzwischen ist der Armbruch geheilt und Edith Schneider steigt wieder mutig aufs Rad. Ein Drahtesel mit Elektroantrieb würde ihr die Arbeit erleichtern. Aber Umsteigen kommt nicht in Frage. Da hat sie ihren Stolz. „So lang ich noch fit bin. Ich fahre lieber ohne E-Bike die Zeitung aus.“ Edith Schneider ist gern gesehen in ihrem Stadtteil Neumühle. Sie trägt nämlich einmal die Woche auch das Anzeigenblatt „Schweriner Express“ aus. Und das zu einer Zeit, in der die meisten längst wach sind. „Eigentlich bräuchte ich dafür eine Stunde“, sagt sie. „Aber durchs Schnattern vergehen schon mal vier Stunden.“

Hat sie denn manchmal, des Nachts beim Austragen der SVZ, auch ein wenig Angst, so allein im Dunkeln herumzuradeln? Edith Schneider schüttelt den Kopf. „Nein, nein, ich staune nur immer, wie viele Leute nachts ihren Schlüssel draußen stecken haben.“ Froh ist sie, wenn sie wieder zu ihrem Mann ins Bett krabbeln kann, um noch ein bisschen weiterzuschlafen. Am nächsten Morgen wird der Wecker wieder um 3 Uhr klingeln. Edith Schneider hofft, dass er das noch ewig tut. Denn so lange es geht, will sie den Leuten die SVZ bringen.

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