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„Grâce à Dieu“ und „Systemsprenger“ Berlinale-Kinder in Not: Missbrauch, Trauma, Jugendamt

Von Daniel Benedict | 08.02.2019, 20:17 Uhr

Regie-Star trifft Debütantin: Ozon und Fingscheidt erzählen in „Grâce à Dieu“ und „Systemsprenger“ von Kindern in Not.

Der zweite Tag im Berlinale-Wettbewerb gehört den Kindern.

Ozons Missbrauch-Film „Grâce à Dieu“

Im März endet in Frankreich der Prozess gegen Kardinal Barbarin, dem die Vertuschung von Kindesmissbrauch vorgeworfen wird. Vier Wochen vor dem Urteil rollt der Berlinale-Beitrag „Grâce à Dieu“ die Vorgeschichte des Verfahrens auf. Im Zentrum stehen drei Männer, die einst Opfer eines pädophilen Priesters wurden und nun, Jahrzehnte später, mit Empörung sehen, dass der Täter immer noch mit Kinder arbeitet – obwohl es längst Hinweise auf seine Verbrechen gibt. Ausgehend von der Anzeige eines Betroffenen, gründet sich eine Opferinitiative, die erst den Missbraucher vor Gericht bringt und dann den Kardinal.

Mit dem aktuellen Stoff mischt François Ozon, einer der Regie-Stars dieser Berlinale, sich ungewöhnlich stark ins Zeitgeschehen ein. Ursprünglich, berichtet er in der Pressekonferenz, wollte er die Geschichte sogar dokumentarisch erzählen. Ein Spielfilm wurde erst im Gespräch mit den Betroffenen daraus: In der Fiktionalisierung, so Ozon, konnte er die Intimität ihrer Berichte abbilden, ohne sie zu entblößen und herausarbeiten, wie die juristische Aufarbeitung des Missbrauchs auch eine persönliche wird.

Ozons Helden müssen nicht nur die Widerstände innerhalb der Institutionen überwinden – in der Kirche, die den Priester sogar nach seinem Geständnis im Amt lässt. In einem Rechtssystem, das viele der Taten als verjährt ausklammert. Und auch im eigenen Umfeld: Die Aktivisten müssen Leidensgefährten wieder mit Trauma konfrontieren, Eltern mit ihrem Wegsehen, und einen Kräfte zehrenden Kampf ausfechten, der auch ihre Lebenspartner und Kinder über Monate belastet. Ein massives Hindernis, das vor allen anderen zu überwinden ist, sind aber zuallererst die Skrupel, die eigene Verletzung überhaupt vor sich und anderen einzugestehen. Immer wieder filmt Ozon neue Figuren, die sich offenbaren. Und diese Szenen der Selbstüberwindung sind es, die dem aufklärerischen Anliegen des Films seine melodramatische Kraft verleihen. Ein Kind fällt durchs Raster: „Systemsprenger“

Ozon erzählt von der langen Nachwirkung kindlicher Verletzungen. Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ dagegen stürzt sich direkt in den Ausnahmezustand eines neunjährigen Lebens: Bernadette, kurz Benni, fliegt aus einer Wohneinrichtung nach der anderen, weil sie in Tobsuchtsanfällen anderen Kindern die Köpfe blutig schlägt. Mitunter kommt sie dem Rausschmiss zuvor, reißt aus und trampt zu ihrer Mutter, die – ihrerseits hochunzuverlässig – sich von der Tochter überfordert fühlt. Dem riesigen Team aus Ärztinnen, Sozialarbeitern und Fallbetreuern, das der Staat um Benni versammelt, fällt nichts mehr ein, als sie weit weg in ein Erziehungsprojekt nach Afrika zu verschiffen – oder sie einzuweisen. Dafür ist Benni allerdings zu jung. Bevor es zum Äußersten kommt, mach ihr Schulbegleiter einen letzten Versuch. Der Mann, der sonst mit gewalttätigen Teenagern arbeitet, zieht mit Benni in eine Waldhütte.

Mit der explosiven Kinderdarstellerin Helena Zengel erzählt der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag eine ungewöhnliche Jugendamt-Geschichte: Statt ein vermeintliches Bürokratieversagen anzuprangern, beschreibt das Regie-Debüt ein schmerzhaftes Grundproblem: Gerade die engagiertesten Erzieher rund um den „Systemsprenger“ Benni stoßen an professionelle Grenzen, wenn sie sich zu sehr involvieren. Einem Kind, das mit aller Gewalt Bindung sucht, kann das System alles Mögliche anbieten – nur nicht die Liebe, die ihr die eigenen Eltern verweigern.

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