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Prozess in Hessen Kinder nach Insolvenz brutal getötet

Von Sonja Jordans | 07.06.2019, 12:00 Uhr

Als die vom Luxus verwöhnte Familie H. Insolvenz anmelden musste, geriet ihr Leben in eine Schieflage. So sehr, dass Werner und Christiane H. am Ende ihre zwei Kinder umgebracht haben sollen.

Nichts ist mehr übrig von dem, was Werner und Christiane H. einst wichtig war im Leben. Die drei Ferrari: ebenso veräußert wie die beiden Porsche und die zwei Audi. Die wertvollen Modellautos: gepfändet. Das Boot: zu Geld gemacht. Die 2800 Paar hochhackigen Schuhe, über die Christiane H. sogar eine Excel-Tabelle angelegt hatte: in die Insolvenzmasse geflossen.

Nur das große Haus in einem Weiler bei Mörlenbach an der hessischen Bergstraße, das Werner H., wie er sagte, mit seiner Familie „zumindest nicht lebend“ verlassen wollte, steht noch. Etwas zu groß, etwas zu kantig, etwas zu protzig passt der weiß geklinkerte Bau nicht in diese Provinz. So wie Werner H., ein wuchtiger 160-Kilo-Mann, Zahnarzt und Kieferchirurg mit Hang zu Arroganz und Angeberei. Vielleicht deshalb sitzt seit Ende März oft das halbe Dorf im Zuschauerraum des Darmstädter Landgerichts und blickt mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Voyeurismus - „wir haben immer schon geahnt, dass mit dem was nicht stimmt“ - auf Werner H. (59).

Im Emsland aufgewachsen

Ihr Nachbar, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Sögel, Emsland, soll vergangenen Sommer seine beiden Kinder, zehn und 13 Jahre alt, so brutal getötet haben, dass Details darüber selbst den Vorsitzenden Richter fassungslos machen. Er tat es laut Staatsanwaltschaft, weil alles, worüber sich der Arzt mit den gleich zwei, ihm auch ungemein wichtigen Doktortiteln definierte, nicht mehr da war: Geld, Haus, Autos, Boot, Status. Gepfändet, weil das Ehepaar Schulden hatte. Werner H., der sich als „Macher“ sieht, sich mit allen anlegte und andere gern spüren ließ, wie überlegen er sich ihnen fühlte, hatte verloren. Zum ersten Mal im Leben. Ein Gefühl, das H. rasend gemacht haben muss. Und für das seine Kinder offenbar mit ihren Leben bezahlten.

In den frühen Morgenstunden des letzten Augusttages 2018 sollen H. und seine zweite Ehefrau – ebenfalls Zahnärztin – die Kinder Anton und Emilia mit Zimmermannshammer und Messer getötet, Benzin im Haus verteilt und angezündet haben.

Danach, so die Staatsanwaltschaft, habe sich das Paar in ein von Bekannten überlassenes Auto gesetzt und versucht, sich mit Abgasen das Leben zu nehmen. Rettungskräfte fanden die Eheleute lebend in der Garage, die Kinderleichen im Haus. Dessen neue Eigentümer wollten es an jenem Tag übernehmen.

Werner H. hat eingeräumt, die Kinder getötet zu haben. Ansonsten habe er Erinnerungslücken. Das erzählt auch seine Frau (46). Aber: „Die Kinder zu töten, dazu wäre ich nie in der Lage gewesen“.

Elternpaar kühl und abgeklärt

Ansonsten erleben Prozessbeobachter ein Elternpaar, das kühl, abgeklärt und unbeteiligt wirkt. Wenn die Eheleute sprechen, dann vorrangig darüber, dass sie jahrelang gegen die ihrer Meinung nach unbegründete Insolvenz kämpften. Der Tod der Kinder scheint für beide nur eine Randnotiz. Beim angeklagten Vater seien Zorn, Verbitterung und Hass über andere, die seiner Ansicht nach schuld an der Insolvenz der Familie seien, Auslöser der Tat gewesen, sagt dann auch ein Psychiater, der beide Elternteile untersucht hat. „Tabula rasa, jetzt mache ich alles kaputt“, benennt der Sachverständige das Motiv. So simpel, so erschreckend.

Der Angeklagte, groß, mit riesigen Händen und ausrasiertem Nacken sowie seine Frau, schmal, mit mädchenhaftem Auftreten und braunem, langen Haar, haben sich offenbar fatal ergänzt: „Sie ist mir ähnlich“, so Werner H. zum Psychiater. Das Paar fand 2000 zusammen, als sie bei ihm arbeitete. Sie bekamen zwei Kinder, um die sich die Mutter kümmerte. In der Praxis ihres Mannes half sie nur noch. Deswegen will Christiane H. nicht bemerkt haben, was sich spätestens 2014 zusammenbraute. Weil er Beiträge in Höhe von 9.000 Euro nicht bezahlt haben soll, erhob die kassenzahnärztliche Vereinigung Forderungen gegen Werner H. Er weigerte sich zu zahlen, und ein Kreislauf aus Forderungen, Widersprüchen und weiteren Forderungen begann.

Die Insolvenz 2015 kam für die Angeklagte dennoch „völlig überraschend“. Und ungerechtfertigt, sagt sie, obgleich gegen sie und ihren Mann aktuell noch Verfahren wegen Betrugs und Bankrotts anhängig sind und beide trotz Insolvenz versucht haben sollen, Geld beiseite zu schaffen.

Das Paar „legte es meiner Meinung nach geradezu darauf an, wirtschaftskriminell tätig zu sein“, so der Insolvenzverwalter. Bereits seit 2011 habe der Arzt für seine Praxis keine ordentliche Geschäftsführung mehr vorweisen können, 2013 letztmals eine Einkommenssteuererklärung vorgelegt. Genau zu jener Zeit, also für die Jahre 2012 und 2013, findet er sich übrigens in Arztverzeichnissen mit einer Adresse im Emsland wieder. Dabei hatte H. vor Gericht betont, nicht mal dann in seine Heimat zurückgewollt zu haben, als 2015 die Insolvenz über die Familie rollte. Eine Unterkunft hätte die Familie hier aber gehabt: Das Haus, in dem H. aufwuchs und wo seine Mutter, einst Grundschullehrerin, bis zuletzt gelebt hatte, liegt nahe der Schlossanlage Clemenswerth. Auch dort hat die Polizei ermittelt: Fotos zeigen ein Siegel über Schloss und Rahmen der Eingangstür.

Die Familie blieb also in Hessen, bis die Räumung des dortigen Hauses bevorstand. „Das war das Ende“, so Christiane H.. Am Vormittag des 30.8.2018 hatte sie noch versucht, Einspruch dagegen einzulegen. Vergeblich. Mit den Kindern sei man daraufhin ins nahe Frankfurt am Main gefahren. „Um auf andere Gedanken zu kommen“, so Christiane und Werner H. übereinstimmend. Doch hier endet die Einigkeit.

Werner H. erklärt wenige Stunden nach der Tat gegenüber der Polizei, „meine Frau und ich haben die Kinder getötet“. Das habe man zuvor gemeinsam beschlossen. Die auf Tonband aufgezeichnete Aussage wird im Gericht abgespielt. Ruhig, fast überheblich und in geschäftsmäßigem Ton berichtet der Arzt darin, dass er die Art, wie die Kinder getötet wurden, so nicht wollte: „Ich habe mir eine professionell-medizinische Lösung vorgestellt“, ist zu hören. „Aber jetzt, in Anbetracht der Zeit, haben wir dann mehr oder weniger ein Gemetzel gemacht“. Unter dem Einfluss von Bier und Medikamenten sei das „eine Dilettantenleistung“ gewesen.

Aussagen widersprüchlich

Die Frau bestreitet all das. Und auch H. will davon inzwischen nichts mehr wissen. Er habe allein gehandelt. Seine Aussage könne er sich nur dadurch erklären, dass er benebelt gewesen sei. Noch bevor er die Kinder tötete, habe er hochdosiert ein Beruhigungsmittel eingenommen.

Das allerdings schließen sowohl ein Toxikologe als auch der Psychiater aus. Hätte H. bereits vor der Tat eine Überdosis genommen, wäre er zu strukturierten Handlungen nicht mehr fähig gewesen. Auch die Art, wie Werner H. auf dem Band spricht, wirke „nicht wie jemand, der Unsinn redet oder gar etwas erfindet“, so der Psychiater. Überdies seien beide Angeklagte voll schuldfähig.

Und die Mutter? Wenn sie etwas sagt, dann mit fester Stimme nur das Nötigste. Zur Tatzeit habe sie einen Rucksack bei Nachbarn im Gebüsch versteckt, berichtet sie zu Prozessbeginn. Der Inhalt: Papiere, das letzte Geld und ein Zettel mit der Aufforderung, sich um die Schildkröten der Familie zu kümmern. Sie habe Angst gehabt, dass ihr diese Sachen ansonsten bei der Räumung auch noch abgenommen würden, behauptet sie. Einen Plan, die Kinder zu töten, habe es aber nie gegeben. Warum sie dann in ihrer Nachricht allein auf die „Schildis“, wie sie schreibt, nicht aber auf Anton und Emilia eingeht, die doch eigener Aussage nach ihr „Hobby“ gewesen sind, bleibt offen.

Später modifiziert sie ihre Aussage – nachdem eine Sachverständige erläutert hatte, dass unter anderem an einer Schlafanzughose der Angeklagten Blut der Kinder gefunden worden war. Sowohl großflächige als auch kleine, punktförmige Spritzspuren, wie sie bei ausschweifenden Bewegungen entstehen können, etwa wenn jemand mit einem blutigen Werkzeug ausholt oder erneut in eine Wunde schlägt.

Bei Christiane H. haben diese Aussagen offenbar Erinnerungslücken geschlossen. Nachdem sie den Rucksack deponiert hatte, ergänzt sie plötzlich, sei ihr zu Hause der Ehemann begegnet – mit blutverschmiertem Messer in der Hand. „Mit großer Geste“, ausholend, habe er ihr bedeutet, sie möge sich von den Kindern verabschieden. Da habe sie begriffen, was geschehen ist. Sie sei in die Kinderzimmer gegangen, habe den Sohn berührt und der Tochter einen Teddy in den Arm gelegt. Dann habe sie ihren Mann angefleht, auch sie zu töten, doch er habe gesagt, er könne das nicht noch mal. Dann setze ihre Erinnerung aus.

Der Psychiater beschreibt die Angeklagte als „nicht so arrogant und streitsüchtig“ wie ihren Mann, dennoch habe sie dessen Kampf gegen die Insolvenz mitgeführt. Dabei sei die Frau derart ausfallend geworden, dass der Insolvenzverwalter Anzeige erstattete, hatte dieser zuvor ausgesagt. Auch darin, dass sie mehr über die Insolvenz als ihre Kinder spreche, scheint die Angeklagte ihrem Mann ähnlich. Für den Psychiater jedenfalls sei „auffällig“ gewesen, „wie wenig emotionale Reaktionen“ sie auf den Verlust ihrer Kinder gezeigt habe. Traurig wirkt Christiane H. tatsächlich nicht. Am Ende des Tages, an dem der Psychiater sein Gutachten über beide Angeklagte erstattet hat, blickt sie lächelnd in Richtung ihres Vaters. Dieser, selbst Neurologe, reagiert mit aufmunternder Geste.

Womöglich zu früh? Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen einen rechtlichen Hinweis erteilt, der an Schärfe und Deutlichkeit kaum Zweifel lässt, worauf sie plädieren wird: Nach ihrer Ansicht könnten Christiane und Werner H. nicht nur wie zunächst angeklagt wegen heimtückischen Mordes verurteilt werden. Es kämen zusätzlich niedrige Beweggründe in Betracht. Das Paar habe mit der Tötung seiner Kinder jenen, die ihrer Meinung nach schuld an der finanziellen Situation waren, zeigen wollen, „was sie angerichtet haben“, so der Staatsanwalt: „Anton und Emilia mussten sterben, weil sich ihre Eltern in eigensüchtiger Weise als Opfer stilisieren wollten.“

Dass die Angeklagte unbeteiligt war, sieht der Staatsanwalt nicht. Die Tat habe „deutliche Züge einer Arbeits- und Planungsteilung“, das Paar habe darauf spekuliert, nach seinem „misslungenen Suizid“ aufgefunden zu werden – also gar nicht sterben wollen. Das Gericht erteilt kurz darauf den Hinweis, dass für die Mutter auch eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord oder Totschlag an Anton und Emilia in Betracht kommen könne. Christiane und Werner H. nehmen auch diese Worte äußerlich völlig unbeeindruckt zur Kenntnis.