Horror auf hoher See : Massengrab Mittelmeer

Kein seltenes Bild: Flüchtlinge kentern mit einem Boot im Mittelmeer.
Kein seltenes Bild: Flüchtlinge kentern mit einem Boot im Mittelmeer.

svz.de von
20. April 2015, 20:15 Uhr

Hunderte Leichen vor Libyen, Drama vor Italien und immer wieder neue Hilferufe: Mehr als 1300 Flüchtlinge sollen innerhalb einer Woche im Mittelmeer ertrunken sein.  „Im Mittelmeer trägt sich ein Völkermord zu“, sagt Joseph Muscat, der Premier von Malta. „Und wir alle drohen uns an ihn zu gewöhnen.“ Seit über 20 Jahren sterben massenhaft Verzweifelte bei dem Versuch, der Not zu entkommen. An den Küsten Nordafrikas sollen bereits eine Million Flüchtlinge auf die Überfahrt nach Europa warten. Wie viele werden es überleben? Der Ruf nach Konsequenzen wird immer lauter. Doch  Europa ringt weiter um Antworten.

Totenstille - Wie Zeugen die jüngsten Tragödien erlebten

 

Fernsehkameras gibt es hier auf dem offenen Meer nicht. Auch keine Mikrofone und kein Blitzlicht. Nur eine große erschütternde Stille. Totenstille. Insgesamt 18 Schiffe, darunter Frachter, Fischerboote, die Küstenwache, Finanzpolizei und Marine sind in der Nähe der Unglücksstelle, 70 Seemeilen vor der libyschen Küste. Der Himmel ist klar, der Seegang ruhig. Außer ein paar Schlieren von Dieselöl  ist am Morgen nach der Tragödie nichts mehr zu sehen.

So hat es Vincenzo Bonomo erzählt. Der Kapitän des sizilianischen Fischkutters „Francesco Padre“ hat das Grauen mit eigenen Augen gesehen. Er hat Holzstücke im Wasser gesehen, Schwimmwesten, Schuhe, ein Heft und einen Rucksack. Und dann hat er den leblosen Jungen gesehen, vielleicht zehn Jahre alt, dessen Gesicht in einer Dieselöl-Pfütze schwamm und hinunter auf den Meeresgrund gerichtet war. Er wolle gar keinen Überlebenden mehr finden, das sei ohnehin aussichtslos, berichtet Bonomo  erschüttert. Nur einen einzigen Körper und diesem eine würdige Bestattung möglich machen. „Dann könnte ich vielleicht ein bisschen besser schlafen.“

Am Wochenende hieß es erst, 700 Menschen seien  vor der Küste Libyens ertrunken. Dann behauptete einer der 28 Überlebenden es seien 950 Menschen auf dem Boot gewesen. 200 Frauen und 40 bis 50 Kinder. Ein neuer trauriger Superlativ. Gestern gar die Nachricht, vor Rhodos sei ein Flüchtlingsboot mit 200 Menschen auf Grund gelaufen. Im Internet findet man Bilder von Menschen, die sich an Planken festhalten.

Ein junger, dunkelhäutiger Mann liegt im Krankenhaus von Catania auf Sizilien. Er war am Sonntag gerettet worden. Er berichtete, dass sich 950 Menschen auf dem Boot befunden hätten. Eng aneinander gepresst an Deck des Kutters und eingeschlossen in den Bauch des Schiffes. Als sich der zur Hilfe gerufene portugiesische Frachter King Jacob näherte, sei der Kutter gekippt. Die meisten der Körper liegen nun wohl in 400 Meter Tiefe.

Der sizilianische Fischer Vito Margiotta war beim jüngsten Rettungsversuch  einer der Ersten an der Unglücksstelle. „Ein Inferno, überall Teile. Wir fuhren sehr vorsichtig, um niemanden zu gefährden.“ Leider seien alle Körper, die er im Meer erspäht habe, schon leblos gewesen, vom Wasser aufgebläht. „Uns sind die Tränen gekommen“, erzählt Margiotta. „Wir haben an diejenigen gedacht, die unten auf dem Grund liegen und für die alle Hilfe zu spät kam. Die Körper werden nie geborgen werden können.“

Mission Flüchtlingsrettung - EU-Sondergipfel am Donnerstag

 

„Wir werden alles tun, um zu verhindern, dass weiter Opfer im Mittelmeer vor unserer Haustür umkommen auf quälendste Art und Weise“, versichert die Kanzlerin. „Das vereinbart sich nicht mit unseren Werten.“ Die Anstrengungen zur Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge müssten verstärkt werden. Am Donnerstag wollen sich die Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel zu einem Sondergipfel treffen. 

Doch Außenminister Frank-Walter Steinmeier  dämpft die Erwartungen: „Ganz schnelle Lösungen wird es nicht geben“, erklärt er am Rande des Krisentreffens der EU-Außenminister gestern in Luxemburg. „Wir stehen vor einer gewaltigen Aufgabe.“ Wie lassen sich solche Katastrophen verhindern? Einigkeit besteht offenbar, ein europäisches Seenotrettungsprogramm auf den Weg zu bringen. Bisher hatte die Bundesregierung dies mit der Begründung abgelehnt, dass dies von den kriminellen Schlepperbanden ausgenutzt und noch mehr Flüchtlinge nach Europa geschleust würden. Jetzt lenkt sogar Innenminister Thomas de Maizière ein: „Die Seenotrettung muss erheblich verbessert werden“, sagte er gestern in Brüssel.

Kurswechsel nach der Katastrophe. Der Vorschlag der EU-Kommission: Die bisherigen Mittel von drei Millionen Euro für die umstrittene, weil wenig effiziente Mission „Triton“ sollen verdoppelt werden. Eine Neuauflage der Operation „mare nostrum“ dürfte es aber nicht geben. Stattdessen soll jetzt nach den Worten des Innenministers geprüft werden, ob man nicht nach dem Vorbild der Aktion gegen Schiffspiraterie vor Somalia Einheiten zusammenzieht, die sehr frühzeitig Flüchtlingsschiffe aufbringt, Menschen rettet und dabei den Kampf gegen die Schlepper verschärfen kann.  Der EU-Gipfel kann die Weichen  für eine europäische Seenotrettung  stellen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen