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Wochenend-Interview : Zwischen Uni und Hollywood

vom
Aus der Onlineredaktion

Schauspielerin Alicia von Rittberg über ihr Leben auf der Überholspur

svz.de von
erstellt am 18.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Diese Frau führt ein Leben auf der Überholspur: Alicia von Rittberg ist gerade mal 23, hat aber bereits ein Jahr lang Südafrika, Südamerika und Südostasien bereist, schließt im Sommer ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften ab, stand schon als Schülerin vor der Kamera, hat mit Weltstars wie Brad Pitt und Ewan McGregor gedreht und ist ab Dienstag in ihrer bislang größten Rolle im deutschen Fernsehen zu sehen – als 18-Jährige in Sönke Wortmanns historischer Krankenhausserie „Charité“.

Alicia, fangen wir mal mit dem spritzigsten Thema des Interviews an: Mathematik. Für Generationen von Schülern ein Graus – und für Sie?
Ich mochte Mathematik eigentlich immer schon, da gibt es für jedes Problem eine Lösung. In vielen anderen Fächern lernt und lernt man und weiß am Ende dennoch nicht, ob man es erfasst hat und richtig liegt. Mathematik ist wie Rätsel lösen. Wenn man’s einmal verstanden hat, weiß man immer, ob man richtig oder falsch liegt.

Träumen Sie manchmal von Zahlen?
Ja, tatsächlich, vor allem während des Studiums. Leider sind das fast immer Albträume. Wenn ich für ein mathematisches Fach lerne und dann abends ins Bett gehe, kann ich einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken.

Sie haben auch mal davon geträumt, Popstar zu werden.
Als ich klein war und obwohl ich nie richtig singen konnte und stattdessen ganz viel getanzt habe. Aber ich war ein glühender Britney Spears-Fan, die war ein Popstar wie ich auch einer werden wollte (lacht).

Und wovon träumen Sie heute, wenn Sie an Ihre Zukunft denken?
In drei Monaten bin ich mit meinem Bachelor fertig, ich habe gerade angefangen, meine Arbeit zu schreiben. Und dann wird es sicher aufregend, sich erst mal nur auf die Schauspielerei zu konzentrieren. Für die weitere Zukunft ist es eine Kombination aus ganz vielen Dingen. Ich bin ein ausgesprochener Familienmensch, deshalb ist es ein Traum von mir, später mal eine große Familie zu haben. Ich habe ja selbst drei Brüder und es sehr geliebt, mit so vielen Geschwistern aufzuwachsen. Das mit der Schauspielerei oder einem anderen Beruf, der mich glücklich macht, verbinden zu können, ist mein ganz großer Wunsch.

Zurzeit läuft ja alles auf Schauspielerei hinaus, oder?
Ja, es ist ja bald das erste Mal überhaupt, dass ich mich ausschließlich darauf konzentrieren kann. Bislang habe ich die Schauspielerei ja immer neben der Schule und dem Studium betrieben. Ich möchte dann auch Coachings, Sprachunterricht und solche Sachen machen. Aber ich kann mir auch gut vorstellen, noch etwas anderes nebenbei zu machen.

Was hat Sie denn an Wirtschaftswissenschaften gereizt?
Natürlich diese mathematische Komponente, die ich ja schon immer gerne mochte. Ich habe mich ja gegen die Schauspielschule entschieden, hatte andererseits aber viele unterschiedliche Interessen. Das Wirtschaftsstudium erschien mir da am offensten und formbarsten. Damit hat man schon mal eine hervorragende Grundlage, die man in der Praxis dann mit allen möglichen anderen Sachen auffüllen kann. Ich habe kein typisches Wirtschaftsstudium gemacht, sondern immer versucht, es relativ kreativ auszulegen und zum Beispiel viele Psychologiekurse belegt. Meine Bachelorarbeit handelt von Filmökonomie und Filmproduktion, da ist das Studium gar nicht so trocken wie es sich vielleicht anhört.

Ausreichend belastbar scheinen Sie ja zu sein. Während der Dreharbeiten zu „Charité“ sind Sie morgens um fünf aufgestanden, um halb sechs abgeholt worden und haben abends nach Drehschluss fürs Studium gelernt.
Ja, stimmt. Ich habe ein Händchen dafür, immer während der Prüfungsphasen zu drehen (lacht). Dann muss die Maske ganze Arbeit leisten, um mir morgens die Augenränder wegzuschminken. Das ist schon eher anstrengend, dass ich froh bin, wenn ich mir das nicht mehr antun muss. Beim ersten und zweiten Mal ging’s noch, beim dritten Mal wurd’s schon relativ anstrengend und nach dem „Charité“-Dreh habe ich dann eine Woche flachgelegen. Und trotzdem: Ich würde es immer wieder so machen.

Sie haben immer in Gegenwart eines Notars Ihre Prüfungen geschrieben?
Unterschiedlich. In Prag hat es geklappt, dass ich in einer Partner-Uni schreiben konnte. Bei „Herz aus Stahl“ war’s mit Notar und bei „Verräter wie wir“ gemischt.

Wie läuft das ab mit dem Notar?
Da kam ich mir wirklich völlig bescheuert vor (lacht). Ich kam im Hotel an, nur mit einem Stift und etwas Papier. Dann führte mich der Notar nicht etwa in mein Zimmer, sondern in ein anderes, weil ich in meinem ja etwas hätte vorbereiten können. Ich durfte nicht mal meine Jacke mit reinnehmen, obwohl der Notar direkt neben mir saß. Und dann hat er ständig auf die Uhr gesehen und seine Ansagen gemacht: Noch fünf Minuten – noch vier Minuten – noch drei Minuten... das war wirklich absurd und hat mich sehr nervös gemacht. Andererseits war es natürlich eine spannende Erfahrung. Ich habe direkt danach meine Kommilitonen angerufen, um zu fragen, wie es bei denen gelaufen ist. Wir mussten ja zeitgleich schreiben, damit keiner dem anderen etwas sagen kann.

Wie haben Sie abgeschnitten in diesen Prüfungen?
Unterschiedlich. Aber ich habe bestanden.

Sie haben mit 23 nicht nur schon jede Menge Filme gedreht und ein Studium fast abgeschlossen, sondern sind auch noch ein Jahr durch die Welt gereist.
Ja, das Jahr zwischen meinem Abitur und dem Studium habe ich mit Reisen und Praktika verbracht. Angefangen habe ich in Südafrika – in das Land hatte ich mich verleibt, als ich „Geheimnis der Wale“ gedreht habe. Da bin ich dann einfach mit dem Auto rumgefahren, danach war ich in Südamerika. Gestartet bin ich in Peru, da habe ich am Titicacasee in einer Schule gearbeitet und versucht, den Kindern Englisch beizubringen und dabei selbst etwas Spanisch zu lernen. Dann bin ich nach Vietnam, habe mir da den Reisepass klauen lassen und musste eine Woche länger als geplant bleiben, bevor es weiterging nach Burma. Wegen der Verzögerung musste ich leider auf Laos verzichten.

Wenn man Sie googelt, landet man schnell bei Brad Pitt und dem Film, den Sie mit ihm gedreht haben: „Herz aus Stahl“. Damals gab es dann Schlagzeilen wie „Diese Deutsche ist Brad Pitts Auserwählte“.
Da war ein Kollege von Ihnen sehr kreativ (lacht).

Wie ist das, so etwas über sich selbst zu lesen?
Ich musste schmunzeln. Ich weiß ja, wie ich die Rolle in „Herz aus Stahl“ bekommen habe – nämlich indem ich einen ganz normalen Casting-Prozess durchlaufen habe und das Glück hatte, dass für den Film ein deutsches Mädchen in meinem Alter gesucht wurde.

Ganz normaler Casting-Prozess ist ja auch relativ – Sie haben sich mit einem selbstgedrehten Handy-Video beworben.
Stimmt, das nennt sich E-Casting und wird mittlerweile so viel gemacht, dass es für mich schon fast wieder normal ist. Das vereinfacht den ganzen Prozess enorm – statt irgendwo hin zu reisen, schickt man eben ein Video, auf dem man eine Szene spielt.

Wissen Sie noch, was Sie für Ihr Video gespielt haben?
Ja, natürlich. Das war ja nicht so schwer, weil ich nicht so viele Szenen und auch nicht so viel zu sagen hatte. Es war die einzige Szene, die ich später mit Brad Pitt hatte: Ich musste ihm Spiegeleier servieren. Also stand ich da in meinem Schlafzimmer und habe so getan, als würde ich Spiegeleier braten.

Wie gut lernt man sich an so einem Set kennen? Sie waren ja wahrscheinlich nicht allzu lange da.
Doch, für die wenigen Szenen, die ich hatte, war ich erstaunlich lange da, weil wir lange Vorbereitungsphasen hatten, uns immer wieder getroffen haben, um uns kennenzulernen, aneinander zu gewöhnen und zu proben. Bevor ich meine Szenen gedreht habe, war ich tatsächlich einen Monat lang schon jeden Tag am Set.

Das ist wohl einer der großen Unterschiede zwischen Hollywood und deutschem Fernsehen. Gibt es noch mehr?
Was ich so in Deutschland noch nicht erlebt habe, ist die Schauspielmethode des method acting. Das bedeutet, dass man die Rolle tatsächlich lebt und nicht vor jeder Szene wieder reinschlüpft. Das ist natürlich nicht möglich, wenn man nur eine oder zwei Wochen zur Vorbereitung hat. Ansonsten gibt es gar nicht so viele Unterschiede.

Steht eine Hollywood-Karriere jetzt ganz oben auf Ihrem Wunschzettel?
Überhaupt nicht. Ich würde immer dahin gehen, wo die schönsten Rollen und Projekte auf mich warten. Das muss nicht unbedingt Hollywood, sondern kann genauso gut auch in Deutschland sein. Nur weil es Hollywood ist, würde ich niemals dorthin ziehen, sondern tatsächlich nur dann, wenn es für einen bestimmten Film erforderlich ist. Da fände ich es im Moment schon interessanter, nach London zu ziehen, wo ich auch eine Agentur habe, seit ich „Herz aus Stahl“ gemacht habe.

Andere Schauspieler würden alles Mögliche geben, um es nach Hollywood zu schaffen.
Wenn irgendwann mal ein ganz großartiger Film in Hollywood auf mich wartet, sage ich natürlich auch nicht nein. Man kann ja mal ein paar Jahre da bleiben und dann wieder zurück. Aber Deutschland ist schon meine Heimat und hier werden auch ganz großartige Filme gemacht.

Wie vielleicht „Charité“? Was ist für Sie das Beste an der Serie?
Ich finde es spannend, eine Geschichte zu drehen, die einen packt und mitreißt – und wenn man dann aufwacht, hat sie dir auch noch etwas mitgegeben. Das kann ein Stück Zeitgeschichte sein oder ein bisschen Medizinstudium. Wenn zu Emotionen auch noch Inhalt kommt, gefällt es mir am besten. Und das ist bei „Charité“ der Fall.

In dieser Zeit – „Charité“ beginnt im Jahr 1888 – spielen eigentlich sehr wenige Filme.
Stimmt, auch ich hatte mich bislang mit dieser Zeit sehr wenig beschäftigt. Vielleicht auch weil es so wenige Filme darüber gibt.

Was ist in Ihren Augen die große Stärke von „Charité“?
Man kann sich als Zuschauer aussuchen, wem man folgen, mit wem man sich assoziieren möchte. Es ist eben keine klassische Krankhausserie, sondern es ist für jeden was dabei – ob es um eine Liebesgeschichte geht, eine Sucht oder dann doch die Medizin. Jede noch so kleine Rolle hat einen Bogen und wird zuende erzählt. Es läuft nie jemand durchs Bild, den man dann nicht wieder sieht.

Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?
Ida ist eine junge Frau, die sich unverhofft in die Medizin verliebt und alles in ihrer Macht stehende versucht um dieser Leidenschaft folgen zu können. Dabei schwimmt sie zwar sehr gegen den Strom, aber sie kommt nicht erzwungen als Powerfrau und Rebellin rüber, sondern wie eine junge Frau, die es eben genau so hätte geben können.

Gab es eine Szene, die Ihnen richtig schwergefallen ist?
Im Laufe der Serie stirbt eine Person, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Ich hatte großen Respekt, das zu spielen. Ich konnte es auch nicht proben, weil ich schon dabei immer anfangen musste zu weinen. Allein die Vorstellung war so schlimm, dass mir die Tränen gekommen sind.
 

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