zur Navigation springen

Interview: Moritz Bleibtreu : „Zu Hause bin ich Chefkoch“

vom
Aus der Onlineredaktion

Warum Moritz Bleibtreu Abwasch keine fünf Minuten stehen lassen kann.

Tiefenentspannt und bester Laune sitzt Moritz Bleibtreu auf dem Sofa einer Suite im schicken Berliner Hotel „Soho House“. Gerade aus Marokko von den Dreharbeiten für „Lommbock“ (Fortsetzung von „Lammbock“) zurückgekehrt, beantwortet der 45-jährige Schauspieler Fragen zu aktuellen Filmen, aber auch zu Privatem.

Moritz, was ist neben der Schauspielerei Ihr größtes Talent?
Es gibt vieles, was ich ausprobiert habe und was mir Spaß macht. Ich schreibe sehr gerne. Ich würde auch gern mal Regie führen, weiß aber nicht, ob ich das gut kann. Aber kochen kann ich gut.

Sind Sie zuhause der Chefkoch?
Kann man sagen. Das Kochen ist mein großes Hobby. Es macht mir sehr viel Spaß, für meine Familie und für Freunde zu kochen und sie zu verwöhnen. Das Kochen ist mein einziger Zeitvertreib, der nicht mit meinem Beruf zu tun hat. Ich bin wohl auch der größte Koch-TV-Junkie, den es gibt. Ich gucke wirklich jede Sendung, die es gibt. Klasse fand ich Tim Mälzers Sendung „Kitchen impossible“, wo er immer gegen jemanden im Ausland kochen muss, gegen eine Oma in Portugal zum Beispiel.

Kochen Sie nach Anleitung oder nach eigener Fantasie?
Sowohl als auch. Ich habe mittlerweile ein großes Repertoire an Speisen drauf. Ich koche aber nicht streng nach Rezept, es gibt immer wieder neue Dinge, die ich ausprobiere. Ich lese unheimlich gern gut illustrierte Kochbücher. Nicht, um das alles nachzukochen, sondern um mir Inspirationen zu holen.

Was ist Ihr größtes Laster?
Wahrscheinlich immer noch die Zigaretten. (lacht)

Sind Sie eher der Chaos-Typ oder ein organisierter Mensch?
Ich bin ein sehr organisierter Mensch und hasse Unordnung. Ich bin jetzt nicht spießig, aber liebe nun mal Ordnung.

Zwei Tage Abwasch?
Geht gar nicht, gibt es bei mir auch nicht. Der steht nicht mal fünf Minuten herum. Eine unaufgeräumte Wohnung ertrage ich auch nicht lange. Und dreckige Autos hasse ich wie die Pest. Da muss immer alles schön sauber sein. Selbst der Aschenbecher.

Woher kommt dieser Drang?
Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in relativ chaotischen Umständen großgeworden bin. Das Leben in meiner Kindheit war nicht gerade geordnet. Ich habe sehr früh so einen Ordnungs-Tick entwickelt. Je geordneter die Welt um mich herum ist, desto verrückter kann ich sein.

Sind Sie ein Tagesmensch oder eine Nachteule?
Eindeutig Tagesmensch. Überhaupt keine Nachteule. Das ist auch einer der Gründe, warum das Theater nie so richtig für mich in Frage kam. Die Idee, den ganzen Tag über frei zu haben und dann abends noch mal loszumüssen, ist nichts für mich. Der Höhepunkt meiner Energie liegt am Mittag, ich stehe morgens super auf, damit habe ich überhaupt kein Problem, und der Abend ist eher zum Füße-Hochlegen. Da bin ich ein Melatonin-Serotonin-Mensch, der Natur entsprechend – mit dem Tageslicht habe ich volle Power, abends muss ich ausruhen.

Was liegt dann an, Fernsehen?
Wie bei den meisten Menschen: Ich bin gern mit meiner Familie zusammen und mit meinen Freunden. Für jede Minute, die ich mit ihnen habe, bin ich dankbar und genieße es einfach.

Haben Sie Schwedisch gelernt, seitdem Sie mit Ihrer schwedischen Freundin zusammen sind?
Nein.

Und ihr Sohn?
Auch nicht. Ich bin ja froh, wenn er richtig Deutsch lernt. (lacht) Er geht in die zweite Klasse.

Über unser Schulsystem lässt sich ja trefflich streiten...
Das stimmt. Aber ich versuche, diese ganzen staatlichen Institutionen so wenig ernst zu nehmen wie es eben geht. Ich habe die Schule damals gehasst und habe da auch nichts gelernt, was ich für mein späteres Leben gebraucht hätte. Zumindest nichts, was mir meine Mutter nicht auch hätte beibringen können. Was lernst du denn? Lesen, schreiben, rechnen und so weiter. Das kann ich meinem Sohn auch beibringen. Dafür bräuchte er nicht zu Schule. Ich versuche alles, um ihm diesen zunehmenden Druck, der da mittlerweile aufgebaut wird, zu nehmen. Und auch diese merkwürdige Haltung, dass Kinder schon untereinander gut sein wollen. In meiner Jugend war es noch so, dass der Streber was auf die Mütze bekommen hat.

Ecken Sie mit so einer Einstellung nicht an?
Sagen wir so: Ich versuche, politisch unkorrekt meinem Sohn zu vermitteln, dass er das nicht so ernst nehmen muss. Wenn es Widersprüche gibt, und er nicht weiß, wer recht hat, hat Papa recht. Und nicht die Lehrer. Ich betrachte das alles aus einer gesunden Distanz, ohne deren Autorität zu untergraben. Ich weiß ja, dass er zur Schule muss. Aber ich sage ihm bei jeder Gelegenheit: Mach dir keinen Stress, du bist ein Kind, du kannst ruhig Scheiße bauen, du darfst etwas nicht können. Und wenn es hart auf hart kommt, bringe ich dir das bei. Im Umkehrschluss mache ich die Lehrer niemals dafür verantwortlich, wenn mein Sohn etwas nicht kann.

Die meisten Eltern verhalten sich da anders…
Ich hasse diese Eltern, die stundenlang mit Lehrern diskutieren und denen vorhalten, mein Kind kann dies nicht und das nicht. Wahrscheinlich haben die zuhause eine Nanny, und verbringen mit dem Kind nur zwei Stunden in der Woche. Wenn mein Sohn mit sieben nicht schreiben kann, ist es meine Schuld und die der Mutter. Ich würde niemals eine staatliche Institution dafür verantwortlich machen. Das ist schließlich mein Kind.

Haben Sie Ihrem Sohn eigentlich mal Märchen vorgelesen?
Nein. Ich halte nicht so viel von Märchen. Die meisten Märchen sind ja – streng genommen – Geschichten für Erwachsene. Gerade die deutschen Märchen kommen aus einer Zeit, als sie als erzieherische Maßnahme galten. Die Leute haben ihre Kinder damals noch geschlagen. Das war völlig normal. Man hat Kinder im wahrsten Sinne erzogen, deswegen mag ich auch dieses Wort nicht. Da steckt ja das Wort ziehen drin. Märchen – vor allem die der Gebrüder Grimm – sind zu 95 Prozent Moralkeulen, mit denen man Kindern Angst gemacht hat. Im Jahre 2016 sollte man soweit sein, dass man Kindern nicht einfach sagt, du darfst nicht in den Wald, sondern erklärt, warum es vielleicht nicht so schlau ist, allein in den Wald zu gehen.

Jetzt spielen Sie aber in dem Märchenfilm „Das kalte Herz“ mit, der gruselig ist und Kindern Angst machen könnte  …
Deswegen ist der Film auch nicht ab sechs freigegeben. Der Film ist für eine ältere Zielgruppe konzipiert. Das ist auch gut so. Ich würde den Film meinem Kind nicht zeigen. Er ist etwas für junge Leute und Erwachsene und transportiert ein hoch aktuelles und immer währendes Thema. Eine Geschichte, die nicht oft genug erzählt werden kann – eine Parabel auf die Gier und den Kapitalismus in heutiger Zeit.

Ihr Outfit erinnert an Mad-Max-Filme. Wie kommt das?
Eine greifbare Zeitebene wurde dem Stoff entzogen. Man weiß nicht, wann es spielt. Ist es Vergangenheit, Prä- oder Post-Apokalypse? Das ist das Schöne daran und einer der Gründe, warum ich das so spannend fand. Johannes Naber ist für mich einer der vielversprechendsten Regisseure der letzten Jahre. Er hat mit der „Der Albaner“ und „Zeit der Kannibalen“ zwei Mega-Filme gemacht. Als ich gehört habe, er macht den Film, dachte ich schon: super. Er erschafft diesen Kosmos, der einerseits großes Kino ist, größer als das Leben, und reduziert es andererseits inhaltlich auf die Figuren und filmt es ab wie ein Autorenfilm. Klare, lange Sequenzen, keine großen Kamerabewegungen. Ganz konzentriert auf die Figuren. Das fand ich spannend. Johannes Naber hat einen stark geprägten Kinobegriff.

Im Hauffschen Märchen geht es um Gier und Geld. Können Sie auf Geld aufpassen?
Geld fließt mir durch die Finger. Aber das ist gerade der Grund, warum ich immer genug Geld haben wollte. Der größte Luxus ist für mich, eben nicht darüber nachdenken zu müssen. Gleichzeitig brauche ich keine völlig aus der Norm geratenen Luxusgüter. Das einzige, was mich interessiert, ist, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Und auch nicht die Leute, die ich liebe.

Wie schützen Sie Ihre private Atmosphäre für die Familie?
Gar nicht.

Keine Mauern mit Stacheldraht?
(lacht) Im Gegenteil, meine Türen stehen offen. Wenn du von dir aus, nicht weil du das entscheidest, sondern weil du so ein Typ bist, ein relativ zurückgezogenes Leben führst, dann passiert auch nichts. Du musst schon die Prominenz und Öffentlichkeit wollen, um dann von ihr erdrückt zu werden.

Wenn Sie nicht unbedingt müssen, halten Sie sich also von öffentlichen Auftritten fern?
Das hört sich jetzt an, als sei das ein bewusster Weg oder etwas, auf das ich verzichte. Nein. Ich übe diesen Beruf jetzt seit über 20 Jahren aus, habe früher ja alles mitgemacht, war auf allen Partys und roten Teppichen und bin nachts noch mit Bernd Eichinger um die Häuser gezogen. Das habe ich alles durch. Jetzt interessiert es mich nicht mehr so, ich habe keinen Spaß mehr daran. Ich war nie an einem Punkt, wo ich mir gesagt hätte: Oh, jetzt muss ich die Öffentlichkeit meiden, weil es mir zu viel wird. Das wäre kokett. Wenn du nicht berühmt sein willst, dann mach einen anderen Job!

Gerade haben Sie „Lommbock“ abgedreht. War der Spirit von „Lammbock“ nach 15 Jahren mit denselben Schauspielern noch vorhanden?
Absolut, der Spirit war noch da. Und ich kann jetzt schon sagen: Das war eine der schönsten Filmerfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe.

Der erste oder der zweite?
Der erste Lammbock sowieso, weil es eine Sternstunde der Comedy war, ein ganz besonderer Film zu einer besonderen Zeit mit besonderen Leuten. Aber dieser zweite Film ist fast noch schöner, weil wir alle es für so unmöglich gehalten haben, dass es jemals klappt. Es war auch die erste Fortsetzung, die ich überhaupt gemacht habe. Und es hat sich definitiv gelohnt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen