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WOCHENEND-INTERVIEW : Zen-Party mit Tarantino

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ihre Revolverheldin aus „The Hateful 8“ hat Jennifer Jason Leigh die erste Oscar-Nominierung eingebracht.

Seit ihren Teenager-Rollen wurde Jennifer Jason Leigh der Oscar prophezeit. Für Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ ist sie nun endlich nominiert worden. In dem blutigen Western spielt die 53-Jährige eine Revolver-Heldin in der Gewalt eines Kopfgeldjägers – dessen Schläge sie mit herablassendem Spott kontert. Im Interview spricht Leigh über doppelte Oscar-Hoffnungen, Dreharbeiten mit Kurt Russell in Handschellen und über das Unglück, aus dem allerletzten Film von Stanley Kubrick rausgeschnitten worden zu sein.

Am Anfang von „The Hateful 8“ haben Sie ein blaues Auge, am Ende sind Sie mit Blut und Hirn etlicher Personen übergossen und haben keine Schneidezähne mehr. Haben Sie jemals eine so zerschundene Figur wie Daisy Domergue gespielt?
Nie.

Warum macht es so viel Spaß, sich von Quentin Tarantino verprügeln zu lassen?
Er ist brillant und einer unserer größten Filmemacher. Er fordert alles, man gibt alles. An einem Tarantino-Set gibt es keine Divas; keiner kommt zu spät aus dem Trailer, keiner beschwert sich. Die Arbeit an einem Tarantino-Film ist die größte Zen-Erfahrung deines Lebens, weil du in jeder Sekunde ganz in der Gegenwart aufgehst. Es gibt keine Ablenkung, man nimmt alles in sich auf, und trotz all des Bluts und der Gewalt liegt eine gelassene Heiterkeit über allem. Und Tarantino erinnert einen daran, dass Darstellen ein Spiel ist, auch unter extremen Bedingungen. Man versucht, so wahrhaftig wie möglich zu sein, indem man so viel Spaß wie möglich hat.

Tarantino wollte sein Drehbuch zunächst nicht mehr verfilmen, nachdem es geleakt worden war. Stattdessen hat er eine Lesung mit einem Großteil der späteren Darsteller veranstaltet. Sie waren nicht auf der Bühne, aber angeblich eine von 1600 Zuschauern. Stimmt das?
Allerdings, und ich habe nicht mal über die Möglichkeit nachgedacht, Teil des Films zu werden. Für mich war das nur eine Lesung, die ich geliebt habe. Einen Monat später kam der Anruf.

Ich habe gelesen, dass Ihr fünfjähriger Sohn am Set war. Man kann nur hoffen, dass er seine Mutter unter all dem Kunstblut nicht erkannt hat.
Ich habe ihn sehr früh mitgenommen und in der Maske zugucken lassen. Für den Großteil des Films habe ich nicht viel mehr als ein blaues Auge und Blutergüsse. Er sollte sehen, wie es gemacht wird, die Schminke, das Paintbrush-Equipment. Wenn er nur das Resultat gesehen hätte, wäre es Furcht einflößend gewesen, aber so war es mehr wie ein Kunstprojekt. Später hat er noch mal reingeluschert, als ich schon den künstlichen Nasenbeinbruch hatte. Das mochte er weniger.

Sie sind gerade in gleich zwei Oscar-nominierten Filmen zu sehen. Mit „The Hateful 8“ können Sie beste Nebendarstellerin werden; Charlie Kaufmans „Anomalisa“, in dem sie einer Figur die Stimme geben, gehört zu den besten Animationsfilmen. Wo sind die Chancen größer?
Huh, das weiß ich wirklich nicht. Ich liebe beide Filme so sehr und bin einfach nur glücklich. Auch wenn ich beiden Filmen noch mehr Nominierungen gewünscht hätte, für ihre Regisseure und für die Darsteller auch. Es ist eine große Sache, nominiert zu sein. Die Anerkennung ist mir wichtig.

In „The Hateful 8“ ist Ihre Figur Daisy Domergue von der ersten Szene an im Bild, alles dreht sich um sie, und sie überlebt das Tarantino-Massaker länger als die meisten Figuren. Wieso ist das eine Nebenrolle?
Es ist eben eine. „The Hateful 8“ ist ein Ensemble-Film, da wäre eine Nominierung für die beste Hauptrolle nicht sinnvoll.

Um die Oscar-Nacht tobt gerade eine Rassismus-Debatte, weil zum zweiten Mal in Folge nur weiße Darsteller nominiert sind. Zugleich ist „The Hateful 8“ ausgesprochen rassismus-kritisch. Gehen Sie mit gemischten Gefühlen in die Verleihung?
Ich finde es wichtig, dass wir diese Debatte führen. Und unser Western spielt zwar im 19. Jahrhundert, aber in seiner Auseinandersetzung mit dem Rassismus handelt er von den Zeiten, in denen wir jetzt gerade leben.
Die Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs reformiert jetzt das Verfahren der Oscar-Nominierung. Sind die Veränderungen sinnvoll?
Veränderungen sind immer, na gut, vielleicht nicht wirklich immer sinnvoll. In diesem Fall aber schon.

Sie sind für eine sehr präzise Vorbereitung Ihrer Rollen bekannt. Wie bereitet man sich darauf vor, über drei Stunden im Film an Kurt Russell gefesselt zu sein? Erlaubt es Ihr Method Acting überhaupt, ohne Handschellen zum Essen zu gehen?
Wir mussten nicht gefesselt essen gehen; wir haben ja auch so schon sehr viel Zeit gemeinsam in Handschellen zugebracht. Zwei Wochen lang haben wir geprobt, immer gefesselt. Das hat unser Spiel stark geprägt, unsere Figuren und ihr Verhältnis zueinander. In Handschellen kann man sich ohne den anderen nicht bewegen. Erst ist es ein Riesenhindernis, dann geht es einem ins Blut über. Kurt und ich begreifen jetzt das Stockholm-Syndrom. Nach einer Weile hat es sich richtig komisch angefühlt, mal nicht an ihn gekettet zu sein.

In einem Interview vergleichen Sie das Verhältnis der Gefangenen Daisy zu ihrem Kopfgeldjäger mit dem selbstzerstörerischen Ehepaar aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“.

Genau, die beiden benehmen sich wie in einer Ehe, wenn auch nicht wie in einer der gesundesten. So wie in einer Ehe, die nach ihren eigenen Regeln funktioniert.

Sie kommen aus einer Hollywood-Familie und haben schon als Teenager Sommercamps besucht, in denen Sie zur Schauspielerin ausgebildet wurden. War das Drill oder Erfüllung?
Ich wollte immer Schauspielerin werden, aber meine Mutter hat mich lange hingehalten, bis sie die Kurse erlaubt hat. Ich war schon so etwa 14 Jahre alt. Schauspielen war für mich immer die natürlichste Sache der Welt. Ich bin in Los Angeles aufgewachsen, meine Familie war beim Film, meine Mutter als Drehbuch-Autorin, mein Vater als Schauspieler, mein Stiefvater als Regisseur.

Ist Schauspielen mehr Begabung oder mehr Handwerk?
Man braucht natürlich beides. Wenn Sie alle technischen Tricks draufhaben, aber ohne Talent spielen, ist es offensichtlich nichts wert. Talent ohne Technik kann immerhin manchmal okay sein. Film ist das Medium des Regisseurs. Ein guter Regisseur kann auch aus einem Schauspieler etwas rausholen, der womöglich überhaupt nichts anderes spielen könnte als diesen einen Film. In dieser Hinsicht ist das Kino einzigartig, weil es die Wirklichkeit sieht. Wenn du jemanden geschickt besetzt, muss er nicht viel Technik beherrschen.

Obwohl Sie mit Kubrick gedreht haben, tauchen Sie jetzt in keinem seiner Filme auf ...
... weil er für meine Rolle in „Eyes Wide Shut“ nachdrehen wollte. Ich war damals schon mit David Cronenbergs „eXistenZ“ beschäftigt. Cronenberg hätte mich ein paar Tage freigestellt. Aber Kubrick brauchte mehrere Wochen. Als das nicht möglich war, hat er nachträglich umbesetzt. Es ist traurig, dass ich im Film nicht mehr auftauche. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, mit ihm zu arbeiten. Das bleibt mir.

Sie haben mit ganz unterschiedlichen Regisseuren gedreht: Altman, Cronenberg, Kubrick. Wie unterscheidet sich die Arbeit mit ihnen?
Altman liebt seine Schauspieler enorm, das Drehbuch ist bei ihm nur ein Skelett. Die Wörter sind ihm nicht sehr wichtig. Er hat insofern viel verlangt, als du ihm das Fleisch liefern musstest. Manchmal wollte er nicht mal darüber reden, sondern es einfach nur sehen. Es gab bei ihm keine Markierungen auf dem Boden, man konnte sich frei bewegen; die Kamera folgte einfach. Cronenberg ist ein sehr stiller, milder, nachdenklicher Mensch. Am Set ist er ein großer Familienmensch; seine halbe Verwandtschaft arbeitet ja mit, und so fühlt man sich auch selbst sehr familiär. Das ist komisch, weil seine Filme hinterher dann so befremdend sind. Bei Cronenberg geht’s ruhig zu, bei Tarantino ist das Drehen eine Party. Kubrick war dagegen vollkommen einzigartig. Er hat eine Einstellung gedreht, dann hat er die Muster gezeigt und auf das daran hingewiesen, was er mochte. Dann erst kam der nächste Take dran, und immer gab es neue Diskussionen. Filmen war für ihn eine Sache, bei der es ungeheuer viel zu besprechen gibt.

Ich habe mich sehr gefreut, Sie auf der Besetzungsliste für die neue „Twin Peaks“-Staffel zu sehen. Sind Sie in mehr als der ersten Episode dabei?
Ich darf noch nicht mal zugeben, davon zu wissen.

Man kann es beim Branchendienst imdb.com schon lesen.
Da kann man viel lesen. Das beweist nichts.

Einige Serien haben Sie ja wirklich schon gedreht: „Weeds“ und „Revenge“.
Wobei das schon eine ganze Weile her ist, fünf Jahre oder so.

Klingt, als wäre es Ihnen ganz lieb, dass es eine Weile her ist.
Das nicht. In Wahrheit würde ich sogar gern mehr fürs Fernsehen drehen, da läuft viel Gutes. Es würde mir Spaß machen, das auszukundschaften. Ich habe bislang noch in keiner dieser Serien gespielt, in der man seine Figur wirklich über zwölf Stunden weiterentwickeln kann – aber es muss Spaß machen.

Es ist immer interessant zu erfahren, welche Rollen Schauspieler ausschlagen. Bei Ihnen scheint es besonders interessant zu sein – weil so viele berühmte Filme darunter sind.
Ich habe viele Filme abgelehnt, bei denen ich es heute bereue. Aber die, über die überall geschrieben wird, hatte ich in Wahrheit gar nicht angeboten bekommen. Lesen Sie mal ein paar vor; ich bin mir ziemlich sicher, dass alle falsch sind.

Jodie Fosters Rolle in „Taxi Driver“.
Falsch.

Die in „Schweigen der Lämmer“.
Nein.

„Flight Plan“, „Pretty Woman“, „Ghost“.
Nein.

„Die blaue Lagune“.
Kein Grund zur Reue.

Verraten Sie, was Sie wirklich ausgeschlagen haben?
Lieber nicht; das finde ich unhöflich. Ich bereue ja gerade deshalb, dass ich bestimmte Filme abgelehnt habe, weil sie sich dann als großartig herausgestellt haben. Und zwar mit den Schauspielern, die es am Ende gemacht haben. Aber sie waren nicht in der Liste dabei, ehrlich.

Eins Ihrer Interviews wurde später zu einem Punkrock-Song. Meinen Sie, dass uns das mit diesem auch passiert?
Man kann nie wissen, was passiert. Aber was soll das für ein Song sein? Welche Band hat meine Interviews vertont? Das möchte ich mir anhören.

Kennen Sie das gar nicht? Das ist ein Song aus dem Jahr 1995. Die Band hieß J Church.
Und der Song?

„Jennifer Jason Leigh“.
Das kann ich mir merken.

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