Wochenend-Interview: Sido : „Wir sind keine Idioten“

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Rapper Sido über seinen neuen Lebenswandel und weshalb der Ruhestand noch warten muss .

svz.de von
19. September 2015, 16:00 Uhr

Seit 2003 mischt Sido die Musikszene auf. Früher trug er eine Maske, heute sitzt eine Brille auf seiner Nase. Im Interview spricht er über sein Familienglück, den Wunsch, von seinen Nachbarn akzeptiert zu werden, und was aus seiner alten Totenkopfmaske geworden ist.

Sido, vor Kurzem haben Sie auf Twitter ein altes Foto mit Andreas Bourani gepostet. Mit Ihrem gemeinsamen Song „Astronaut“ ist Ihnen Ihr erster Nummer-eins-Hit gelungen. Hätte der jüngere, rebellischere Sido diesen Mainstream-Erfolg gefeiert?

Der junge Sido hätte es gefeiert, und er hätte auch zugeben können, dass er es feiert. Früher war ich aber auch neidischer. Oft habe ich über bekanntere Rapper was Schlechtes gesagt. Wenn ich heute einen Strich darunter ziehe und mich frage, warum war das so? Dann kann ich ganz ehrlich sagen: Ich war neidisch auf deren Erfolg.

Wo entstand das Foto?

Das Foto ist im Studio von Peter Maffay entstanden. Rap-Rock hieß das damals und lag am Starnberger See in Tutzing. Dort haben wir Songs für andere Künstler geschrieben und Andreas hat seine Anfänge und die ersten Schritte gemacht. Danach haben wir uns aus den Augen verloren und hatten nur sporadisch Kontakt. Als er dann nach Berlin gezogen ist, haben wir uns wiedergetroffen.

Wie kam es zu dem Song?

Ich habe „Astronaut“ für Andreas geschrieben. Ich hatte diesen Beat und wusste bei der Stelle „Ich heb ab“, dass Andreas das singen muss. Dieser Druck und dieses Gefühl in der Stimme, das kann nur Andreas singen. Das ist Andreas’ Song.

Früher waren Ihre Texte härter und extremer. Wie erklären Sie diese Ihrem ältesten Sohn?

Ich habe ihm das gleich erklärt. Ich erzähle ihm viel aus meinem Leben, das fällt auch meiner Frau auf. Wenn ich mit meinem ältesten Sohn rede, ist ganz oft eine Anekdote dabei. Er kennt mich, versteht meinen Humor, wie ich rede und bin.

Wie findet er Ihre Songs?

Ganz okay. Aber es ist nicht so seine Musik. Er hört so diesen ganzen amerikanischen Rap. Das kenne ich alles nicht, und finde es auch nicht gut. Wir teilen uns einen iTunes-Account, und da sehe ich immer, was er sich für Songs runterlädt. Das kann ich einfach nicht hören.

Rap war Ihr Sprungbrett aus den armen Verhältnissen in ein besseres Leben. Was hat Sie damals angetrieben?

Ich wollte da rauskommen. Rap war meine einzige Perspektive. Ich bin in der Schule nicht der Schlauste gewesen. Ich halte mich nicht für dumm. Ich habe immer Sachen gegen den Strom gemacht. Ich wusste immer, dass ich für anderes bestimmt bin, als dem System zu folgen. Und ich wusste schnell, dass ich unterhalten kann. Dann wird man Künstler, Musiker, Entertainer.

Wenn die Musik Sie nicht rausgebracht hätte, was wäre Ihr Plan B gewesen?

Ich habe Erzieher gelernt. Das wäre schon irgendwie ein Plan B gewesen. Aber das war Plan B, und den habe ich ganz weit nach Plan A gestellt. Nach A kam erst mal eine ganze Weile nichts.

Wer an Ihre früheren Weggefährten denkt, dem fällt Bushido ein. Sie beide haben sich in den letzten Jahren in verschiedene Richtungen entwickelt. Während er seinem rebellischen Image treu bleibt, ist Ihre Musik mit Ihnen gereift. Warum?

Das ist der Anspruch an mich selbst. Ich will immer ehrlich bleiben. Bushido wollte das übrigens auch. Er hatte eine Zeit, wo er gesagt hat: Okay, ich bin geläutert. Aber er wurde einfach nicht akzeptiert. Er war immer noch die Angriffsperson für alle. Niemand hat ihm seinen Bambi gegönnt. Die Politiker haben auf ihn eingedroschen. Dann ist klar, dass du irgendwann so eine „Scheiß-drauf-Haltung“ bekommst. Das kann ich komplett nachvollziehen. Nur dann stehst du wieder am Anfang. Aber er hat auch so eine Entwicklung durchgemacht, nun aber wieder dahin zurück – aus Trotz nehme ich an. Aber er hat es auf jeden Fall versucht. Bei mir ist es genauso. Ich will einfach authentisch bleiben. Mein Leben hat sich verändert, und wenn ich authentisch sein will, dann verändern sich zwangsläufig meine Musik und meine Texte mit.

Früher haben Sie im Plattenbau gewohnt, heute leben Sie in einem Berliner Vorort. Wie läuft’s am Stadtrand?

Wo ich jetzt wohne, bin ich den Leuten einfach zu „Viertel“. Wir bekommen Briefe, in denen steht: „Geht wieder zurück in euer Getto, ihr Zigeunerpack.“ Ohne Spaß. Anonym natürlich. Ich bin nicht angesehen da, das merke ich. Wenn wir mit dem dicken Auto vorbeifahren und nett grüßen, weil es unsere Nachbarn sind und wir eine nette Nachbarschaft möchten, dann werden wir nicht mal mit dem Arsch angeguckt.

Was wünschen Sie sich stattdessen?

Ich will da nicht auf Rebell machen. Aber ich will eine gute Nachbarschaft. Das ist mir schon wichtig. Wenn zum Beispiel die Regel ist, dass die Mülltonnen auf der Straße eine Faust breit voneinander entfernt auf der gleichen Höhe stehen, damit der Kran die besser einpacken kann, dann sorgen wir dafür, dass unsere Tonne so steht. Wir wollen nicht die schwarzen Schafe sein in der Gegend. Aber wir wollen auch nicht um jeden Preis akzeptiert werden. Wenn sie nicht wollen, dann wollen sie nicht. Wir benehmen uns trotzdem. Die Tonne steht trotzdem so, wie sie soll. Wir sind keine Idioten, wir sind zivilisierte Leute.

Woher kommt die Abneigung?

Dort gibt es nicht so viele 34-Jährige, die an Hals und Hand tätowiert sind und ein dickes Auto fahren. Wenn dann noch in der Zeitung Scheiße steht und für sie „finstere Gestalten“, aber das sind meine Freunde, vorbeikommen, das finden die komisch. Das wollen sie in ihrer behüteten Welt nicht.

In einem Song rappen Sie, dass Sie noch nicht sterben wollen. Wofür brauchen Sie noch Zeit?

Erst seit drei Jahren, seit ich verheiratet bin, hat sich mein Leben krass geändert. Morgens stehe ich auf und freue mich aufs Leben. Damals habe ich einfach geackert wie eine Maschine. Ich habe alles für meine Karriere getan. Jetzt bin ich angekommen und zur Ruhe gekommen. Ich nehme Dinge nicht mehr so ernst.

Früher haben Sie gesagt, dass es mit Mitte 30 Zeit für den Ruhestand wird. Gehen Sie also bald in Rente?

Ich habe das gesagt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man mit 35 Jahren noch Hip-Hop machen kann, weil das was für junge Leute ist. Das finde ich aber mittlerweile scheiße. Es muss einfach auch Hip-Hop-Musik für 35-Jährige gemacht werden. Ich kann verstehen, dass man sich als 35-Jähriger nicht damit befassen will, was ein 20-Jähriger denkt, und dessen Probleme auf einem Album thematisiert. Das fand ich peinlich damals. Ich habe eine neue Sparte aufgemacht: Hip-Hop-Musik für jedermann.

Apropos frühere Zeiten. Damals haben viele mit Rap auch Cannabis verbunden…

Ja, früher war es noch viel mehr so. In unserer Zeit war Kiffen so das sechste Element.

Sie haben sich immer für die Legalisierung eingesetzt. Was sagen Sie zur aktuellen Debatte?

Ich bin immer noch für die Legalisierung. Solange Alkohol legal ist, muss Kiffen auch legal sein. Aber Alkohol hat eben einfach eine zu krasse Lobby. Damit wird zu viel Geld verdient. Aber der Umkehrschluss muss sein: Du musst alles verbieten, was an Genussmitteln und Drogen da ist. Und Alkohol ist definitiv auch eine Droge. Ich habe Tausend mehr Menschen an Alkohol kaputtgehen sehen als an Gras.

Empfinden Sie Cannabis als ungefährlich?

Ich bin natürlich für einen verantwortungsbewussten Umgang mit allem. Aber ich finde, Gras ist von allem, bewusstseinserweiternd oder betäubend, das Ungefährlichste. Man darf auch nicht vergessen, dass Cannabis einen medizinischen Aspekt hat.

Sie rappen über Arbeitslosigkeit, Kinderarbeit, Fremdenfeindlichkeit. Wie nehmen Sie die Flüchtlingssituation wahr?

Hardcore. Auch dass darüber so lange diskutiert wird, finde ich schlimm. Rein aus menschlichen Aspekten müsste man schon längst mehr getan haben. Deutschland hat die Möglichkeiten. Das Problem ist auch, dass die Braunen momentan die lauteste Stimme im Land haben. Am lautesten klingt doch durchs Land: Wir haben keinen Bock, dann zünden wir lieber die Heime an. Das ist doch ein Riesenproblem. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass der größte Teil des Landes gar kein Problem damit hat.

Was sollten Bürger tun?

Wenn das Volk genug Druck ausübt und sagt, holt die rein, dann holen die Politiker die Flüchtlinge doch. Natürlich verstehen viele nicht, warum Flüchtlinge kommen, wenn sie sich damit nicht auseinandersetzen. Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg, sagen sie. In vielen Deutschen kommt so ein dummer Patriotismus auf. Das ist dumm und uninformiert. Wenn die wüssten, welche Leute fliehen und aus welchem Grund, dann muss doch in jedem Menschen so viel Menschlichkeit sein, dass man sagt: Lass uns denen helfen. Das ist doch ein Klacks für uns.

Kommen wir wieder zu einem leichteren Thema: Können Sie noch ohne Selfie-Wünsche einkaufen gehen?

Bei uns zu Hause hat es sich ein bisschen reduziert. Die Leute wissen, dass ich beim Einkaufen keine Fotos machen möchte. Beim Einkaufen gibt es das nicht. Ich kaufe gerade ein, stehe vor dem Klopapier und suche mir das beste Klopapier aus. Nein, wir machen jetzt kein Foto.

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