Wochenend-interview: Michael Nast : Wir konsumieren Liebe

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Der Autor Michael Nast trifft mit Geschichten aus seinem Alltag den Nerv eines Millionenpublikums.

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19. Juni 2016, 09:00 Uhr

Mit seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ hat Michael Nast einen Bestseller geschrieben. Seine Lesungen füllen Stadthallen und Hörsäle. Die Texte, für die ihn seine Fans feiern, handeln von Dates, die scheitern, weil das Gegenüber nicht so aussieht wie auf den Instagram-Fotos oder den falschen Dialekt hat. Nast schreibt über Freunde und Bekannte, die Listen führen, damit sie nicht den Überblick über die Zahl ihrer Sexualpartnerinnen verlieren, und die getrennte Wohnungen ideal für eine Beziehung halten.

Herr Nast, Sie haben zwei Plattenlabels gegründet, waren als Grafikdesigner in Werbeagenturen tätig und arbeiten jetzt als Kolumnist und Buchautor. Welcher der Berufe war bislang die größte Erfüllung für Sie?
Die Arbeit als Schriftsteller ist schon diejenige, die mir am meisten Spaß macht. Meine Mutter erzählt immer wieder gern, dass ich unbedingt in die Schule kommen wollte, um lesen zu lernen. Ich hatte immer nur Talent für Dinge, die mich auch interessieren. Das war schon in der Schule so. In Deutsch hatte ich immer eine Eins, in den anderen Fächern sah es schlechter aus. Alle meine Jobs waren Hobbys, die ich zum Beruf gemacht habe.

Warum haben Sie angefangen zu schreiben? Gab es einen Auslöser?
Als ich 30 geworden bin, habe ich mir die Sinnfrage gestellt. Die Frage war für mich: „Ist es das, was du mit deinem Leben anfangen willst?“ Ich habe in meinem Job in der Werbeagentur angefangen, die Montage zu hassen, und habe mich immer mehr auf die Wochenenden gefreut. So etwas will ich eigentlich nicht. 2005 war für mich das Jahr der Zäsuren. Ich habe mich von meiner Freundin getrennt, meinen Job gekündigt und bin von Köln wieder nach Berlin gezogen. Als ich wieder in Berlin gewohnt habe, habe ich mich ins Schreiben gestürzt.

Sie hatten einen gut bezahlten Posten in einer Werbeagentur. Wie war es, plötzlich ohne festes Einkommen als Autor zu leben?

Ich habe mir eine Auszeit von einem Jahr genommen, um erst mal ins Schreiben reinzukommen. Nebenher hatte ich noch verschiedene Jobs und Rücklagen. Wenn man viel Geld hat, ist es schon schwer, plötzlich mit weniger auszukommen. Ich habe aber von Anfang an mit meinen Büchern verdient, vor allem über Lesungen. Seit 2014 kann ich vom Schreiben leben, und nach dem Erfolg meines aktuellen Buchs kann ich natürlich auch etwas besser davon leben. Das ist eine glückliche Situation. Die meisten Schriftsteller, die ich kenne, sind Hartz-IV-Empfänger.

Ihr Buch „Generation Beziehungsunfähig“ fußt auf einer gleichnamigen Kolumne, die Sie 2015 in einem Online-Magazin veröffentlicht haben. Wie wurde daraus ein Buch?
Nachdem die Kolumne erschienen ist, habe ich Tausende Mails von Leuten bekommen, die mir geschrieben haben, wie sehr sie sich in meinen Texten wiederfinden. Ich habe ihr Lebensgefühl in Worte gefasst. Ich hatte das Gefühl, dass es einen Bedarf an diesen Texten gibt. Journalisten schreiben meistens kühl, analytisch über Befindlichkeiten und Phänomene, und ich schreibe aus dieser Befindlichkeit heraus. Die Resonanz der Leute war schließlich der ideelle Grund, daraus ein Buch zu machen.

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres aktuellen Buchs? Schließlich findet man viele Gedanken und Aussagen auch in Ihrem Buch „Ist das Liebe oder kann das weg?“ und in Ihren Kolumnen wieder.
Die Online-Kolumne, die allein in der ersten Woche von einer Million Menschen gelesen wurde, hat eine große Reichweite erzielt. Das Thema hat einen Nerv getroffen. Ich dachte eigentlich, ich beschreibe nur mein degeneriertes Berlin-Mitte-Umfeld. Aber nachdem meine Kolumne online war, hat mir halb Deutschland geschrieben, auch Leute aus Dörfern in Bayern. Viele haben gesagt: „Das ist unser Leben, das sind unsere Probleme, über die du schreibst.“ Vielleicht ist das das Geheimnis meines Erfolgs.

Zu Ihren Fans gehören vor allem Frauen. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Single sind. Wie viele Anfragen haben Sie schon von Frauen bekommen, die mit Ihnen ausgehen wollten?
Ich bekomme jeden Tag Anfragen. Ein Kumpel hat zu mir gesagt, dass es jetzt ganz schwierig für mich werden wird, eine Frau kennenzulernen. Also noch schwieriger als vorher. Weil ich jetzt nicht mehr unterscheiden kann, ob die Frau an mir als Autor oder an mir als Mensch interessiert ist. Da muss ich jetzt vorsichtig sein. Auf meinen Lesungen bekomme ich regelmäßig Zettel mit Nummern zugesteckt. Vieles davon sind Spontansexangebote. Die nutze ich aber nicht. Viele Menschen scheinen davon auszugehen, dass ich nach jeder Lesung eine Orgie im Hotelzimmer bis in die frühen Morgenstunden feiere. Das ist aber überhaupt nicht so.

Wie sieht denn Ihr Leben während Ihrer Lesetour aus?
In erster Linie geht es darum, genug Schlaf zu bekommen und so wenig Alkohol wie möglich zu trinken. Sonst stehe ich das nicht durch. So eine Lesetour erfordert viel Disziplin. Um 24 Uhr sind die Veranstaltungen meist zu Ende, und gegen 0.30 Uhr bin ich dann auf dem Hotelzimmer. Das Ganze schlaucht mich schon sehr.

Sie bekommen viel Feedback von Ihren Lesern. Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Mir hat eine 16-Jährige geschrieben, die nicht liest, es sei denn, sie wird in der Schule dazu gezwungen. Meinen Text hat sie freiwillig zu Ende gelesen. Sie schrieb mir, dass alle Schüler in der Klasse viel lieber lesen würden, wenn es im Unterricht mehr Texte wie meinen gäbe.

Sie beschreiben in Ihrem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ Menschen, die selbstverliebt sind, die sich in ihrer Arbeit selbst verwirklichen wollen und keine dauerhafte Partnerschaft führen können. Wer gehört denn altersmäßig alles zu dieser Generation?
Ich beschreibe eine Haltung, die man nicht an Jahreszahlen festmachen kann. Die Jüngsten, die mir schreiben, sind so 16 Jahre alt und der Älteste war 53. Ich glaube, je jünger die Leute sind, desto schlimmer ist es. Ich beschreibe die Befindlichkeiten von Leuten, die sich oder ihr Umfeld für beziehungsunfähig halten. Es ist schon erschreckend, wie viele Leute sich dazurechnen. Darunter sind zum Beispiel auch viele Journalisten.

In Ihren Büchern finden sich viele persönliche Erlebnisse Ihrer Freunde und Bekannten wieder. Haben Sie sie um Erlaubnis gefragt, bevor Sie die Geschichten veröffentlicht haben?
Ja, ich habe alle gefragt. Ich verfremde die Personen und ihre Geschichten aber auch stark. So gab es nach der Buchveröffentlichung keine Kritik. Selbst meine Ex-Freundin hat sich nicht beschwert.

Sie schreiben auch sehr offen über Ihr eigenes Privat- und Liebesleben. Gibt es auch Dinge, die Sie nicht erzählen würden?
Ich schreibe gerade einen Roman, und ich glaube, in ihm findet sich viel von mir selbst wieder. Da kann ich auch über die eigenen Abgründe schreiben. In dem Roman wird man noch mehr über mich erfahren als in meinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“.

Sie vertreten in Ihrem aktuellen Buch die Ansicht, dass Männer nicht monogam leben können, andererseits schreiben Sie von der eigenen Sehnsucht nach der großen Liebe und einer dauerhaften Beziehung. Wie passt das zusammen?
Dazu, dass Männer nicht monogam leben können, gibt es wissenschaftliche Studien. Männer sollen am glücklichsten sein, wenn sie alle drei Jahre ihre Partnerin wechseln können. Ich glaube, es kommt auf die Partnerschaft an. Wenn man in einer guten Beziehung lebt, dann wächst man aneinander. Das ist eine gemeinsame Entwicklung der Persönlichkeit. Dann bleibt man auch länger zusammen und gibt sich gegenseitig etwas, aber die meisten Beziehungen sind nicht so.

Glauben Sie denn, dass es einen Partner fürs Leben gibt?
Ich bin Romantiker. Ich bin wie ein Teenager, wenn ich mich verliebe. Darum bin ich auch immer wieder Single zwischen den Beziehungen. Ich bin ein Alles-oder-nichts-Typ. Entweder es passt richtig oder gar nicht, aber ich gehe keine Kompromisse ein. Wenn ich verliebt bin, denke ich nicht daran, dass es irgendwann zu Ende sein könnte.

Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache dafür, dass viele Menschen beziehungsunfähig sind?
Wir sind so angepasst an unsere Konsumgesellschaft wie niemals zuvor. Wir agieren mittlerweile auch im zwischenmenschlichen Bereich als Konsumenten. Wir verkaufen uns bei Instagram und Facebook an unsere Freunde. Der Freundeskreis wird zu einer Zielgruppe, die Zielgruppe unserer eigenen Person. Likes und Follower sind die neuen Statussymbole unserer Zeit. Die Struktur von Dating-Apps ist dieselbe wie bei Online-Shops. Die Prinzipien, die beim Produktkauf gelten, finden mittlerweile auch bei der Partnerwahl statt. Das ist total erschreckend.

Wie sieht es bei Ihnen aus – haben Sie, nachdem Sie über Ihre eigenen Unzulänglichkeiten geschrieben haben, etwas verändert?
Ich arbeite permanent an mir. Meine Texte waren eine Art Selbsttherapie für mich. Ich habe mein Leben aus einer anderen Perspektive gesehen und angefangen, Dinge zu ändern.

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