Wochenend-Interview: Nina Petri : Wie toll ist das denn?

Schauspielerin Nina Petri.
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Schauspielerin Nina Petri.

Zwillingstöchter „zwingen“ die Schauspielerin und Mutter Nina Petri dazu, durch die Welt zu reisen.

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27. Mai 2017, 16:00 Uhr

Sie sind selten geworden, die Auftritte der wunderbaren Schauspielerin Nina Petri im deutschen Fernsehen. Mangels guter Rollenangebote hat sie sich mehr auf Hörbücher, Lesungen und das Theater verlegt. Nächsten Freitag aber ist sie mal wieder zu sehen – als kinderfeindliche Top-Architektin in einer ARD-Komödie über die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Im Garten eines Hamburger Cafés unterhalten wir uns über ihren Werdegang und ihre deutsch-brasilianischen Zwillingstöchter:

Frau Petri, ganz Hamburg hat mal wieder um den HSV gebangt – Sie auch?
Das geht mir so was von am Arsch vorbei, auch wenn mich alle dafür hassen werden. Aber selbst wenn man in Hamburg kein Fußballfan ist, steht man ja ideologisch entweder zum HSV oder zu St. Pauli – und da bin ich dann ganz klar für Pauli.

Fußball ist also nicht Ihr Ding?
Ich bin die klassische Frauennummer. Ich gucke mir Welt- und Europameisterschaften an, und das liebe ich auch total. Aber alles andere ist mir schnurz. Wär doch ganz spannend gewesen, wenn der HSV mal absteigt, dann wäre mal wieder was passiert. Die Bundesliga ist finde ich ansonsten total uninteressant. Der Verein, der richtig viel Geld hat, nämlich Bayern München, gewinnt sowieso alle Meisterschaften.

Ein anderes großes Hamburg-Thema ist seit einiger Zeit die Elbphilharmonie. Waren Sie schon da?
Nein, leider nicht. Und ich war auch echt etwas enttäuscht, dass ich als sogenannter Promi nicht zur Eröffnung eingeladen war. Das Spektakel hätte ich schon gern miterlebt.

Sie machen ja auch Musik mit Ihrem Trio „Nina between Don & Ray“. Träumt man dann schon mal von einem Auftritt in der Elphi?
Ich bin ja nur ein ganz kleines bisschen größenwahnsinnig – dafür reicht mein Größenwahn nicht aus. Zumal wir unser Programm momentan auf Eis gelegt haben. Mein großer Wunsch und Plan ist es, eigene Songs herauszubringen. Ich will nicht mehr covern, sondern was Eigenes machen.

In welche Richtung geht denn Ihre eigene Musik? Jazz wie mit dem Trio?
Nee, Jazz ist es eher nicht. Es gibt Balladen und es gibt einen düsteren Elektro-Dub-Sound. Mehr was aus der schrägen Ecke. Ein bisschen Tom Waits ist natürlich auch wieder dabei.

Ihre Zwillingstöchter Papoula und Moema studieren in Freiburg und in Schottland. Das klingt nach möglichst weit weg von Hamburg.
Die beiden sind ja Halb-Brasilianerinnen und allein durch ihre Bi-Nationalität schon sehr weltoffen. Und ich fänd’s auch ein bisschen blöd, wenn sie zum Studieren hier in Hamburg geblieben wären. Papoula studiert in Schottland Psychologie, hat sogar schon ihren Bachelor-Abschluss gemacht, sucht sich jetzt einen Job und bleibt auch erst mal auf der Insel. In einem dreiviertel Jahr hat sie fünf Jahre da gelebt und trotz Brexit ihre uneingeschränkte Aufenthaltserlaubnis.

Und Moema?
Die hatte immer schon ein Auge auf Freiburg geworfen, und da wurde auch Russisch und Chinesisch angeboten, was sie studieren wollte. Seit September letzten Jahres ist sie jetzt für ein Jahr in Twer und studiert dort.

Schauspielerei war nie ein Thema für Ihre Töchter?
Eigentlich nicht, auch wenn Moema mal eher halbherzig ein paar Aufnahmeprüfungen gemacht hat. Aber die beiden natürlich mitgekriegt, dass der Beruf nicht nur Sonnenseiten hat. Sie fanden es auch gar nicht so prickelnd, eine prominente Mutter zu haben. Da kamen eher Sprüche wie: Mama, wieso sprechen die dich schon wieder an? Können wir jetzt mal weitergehen?

Jetzt sind die beiden aus dem Haus. Hat das wehgetan oder war es eher eine Erleichterung für Sie?
Sowohl als auch. Als sie 15 waren, sind die beiden für ein Jahr nach Brasilien gegangen, da hatte ich schon mal ein Übungsjahr. Seit zwei Jahren finde ich es sogar richtig genial, denn ich besuche jetzt meine Kinder da, wo sie sind. Eine meiner Töchter hatte einen Freund in Ruanda, also war ich auch mal in Ruanda. Ich war in China, über Weihnachten und Silvester war ich in Russland, natürlich schon ein paar Mal in Freiburg und bald fahre ich wieder nach Schottland. Wie toll ist das denn? Meine Töchter zwingen mich dazu, durch die Welt zu reisen.

Und Sie spielen jetzt eine Karrierefrau, die nichts mehr verabscheut als Kinder.
Es ist ja nicht gerade so, dass man mal eben Karriere macht und gleichzeitig Kinder hat. Manchmal denke ich auch, dass ich ohne Kinder auf dem Höhepunkt meiner Karriere ganz andere Entscheidungen getroffen hätte und vielleicht ganz woanders gelandet wäre als ich jetzt bin. Aber die Kinder haben meinen Entscheidungen immer mit beeinflusst: Können Sie mitkommen, wenn ich im Ausland drehe? Was passiert mit ihnen, wenn ich nicht da bin? Für eine Alleinerziehende ist das noch mal ein ganz anderer Schnack. Da darf man sich nicht vormachen, dass Kinder und Karriere uneingeschränkt funktionieren. Jedenfalls nicht, wenn man in einem relativ mittelständischen Umfeld lebt und die Kinder nicht von ihren Nannys, sondern von einem selbst erzogen werden.

Sie haben ja mehrfach sehr offen über die Schattenseiten Ihres Berufs gesprochen. Was für Reaktionen haben Sie darauf bekommen?
In meiner Branche habe ich unfassbar viel positiven Zuspruch bekommen. Wobei ich nicht geahnt hatte, dass es fast so ist, als würde man sich ausziehen. Bis heute werde ich immer wieder darauf angesprochen. Wenn wir am Theater arbeiten oder Filme drehen, zahlen wir immer in die Sozialkassen ein, also auch in die Arbeitslosenversicherung. Und dann kommt es wie bei mir: Ich hatte letztes und vorletztes Jahr mehrere Theaterengagements und war mir eigentlich total sicher, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Anspruch auf Arbeitslosengeld habe. Am Ende fehlten mir acht Tage – Ende im Gelände.

Was kriegen Sie dann?
Gar nichts. Mir geht’s ja gut, ich hab ja Geld. Meine Situation ist okay, aber Kollegen, die nicht noch so viel freiberuflich arbeiten können wie ich mit meinen Lesungen und Hörbüchern, stehen ganz anders da. Die kriegen Hartz IV. Was nutzt eine Tagesgage von 2000 Euro, wenn Sie nur vier solche Drehtage im Jahr haben? Ich habe übermorgen meinen zweiten voll bezahlten Drehtag in diesem Jahr und ich bin richtig froh, dass ich diese anderen Bereiche habe, denn vom Drehen könnte ich schon lange nicht mehr leben und die Kinder hätte ich davon seit mindestens zehn Jahren nicht mehr durchfüttern können. Eine Zeitlang hatte ich den Eindruck, dass man mich immer fragt, wenn es um No- oder Low-Budget-Filme geht. Aber wenn Geld da ist, nimmt man die anderen.

Sind die Gagen nicht auch ungerecht verteilt? Maria Furtwängler kassiert angeblich pro Tatort 220  000 Euro und hat am Ende vielleicht neun Millionen Zuschauer – wenn Nina Petri Tatort-Kommissarin würde, hätte sie vielleicht 8,8 Millionen Zuschauer, aber eine deutlich geringere Gage.
Mir ist es so was von egal, was andere Leute verdienen. Ich möchte einfach von dem leben können, was ich tue. Bei den Sendeanstalten sitzen jede Menge Redakteure, die jeden Monat ihr festes Gehalt haben und darüber bestimmen, ob ich einen Job kriege oder nicht. Sie und nicht mehr die Regisseure besetzen die Filme, und wie tun sie es? Sie achten auf die Einschaltquoten und gucken bei Facebook, wie viele Likes jemand hat. Es gibt kaum noch Leute bei den Sendern, die einen Stoff wirklich mit Leidenschaft behandeln. Deswegen sehen wir ja auch immer dieselben Gesichter im Fernsehen.

Mehr Abwechslung wäre Ihnen lieber?
Ich will doch nicht in der zehnten Rolle sehen, wie dieser oder jene Schauspieler mit den gleichen Bewegungen und dem gleichen Gesichtsausdruck wieder was anderes versucht zu spielen. Da würde ich auch irgendwann an meine Grenzen kommen und denken: Was soll ich denn jetzt noch anders machen? Irgendwann nützt auch das Haarefärben nichts mehr. Was ist denn das Schöne an diesen ganzen Serie aus England, Amerika und den nordischen Ländern? Dass man auf der ganzen Linie neue Schauspieler und neuen Stoff geliefert bekommt.

Hatten Sie im Laufe Ihrer Karriere mal das Gefühl, ganz unten zu sein und die Brocken hinwerfen zu müssen?
Früher war das schlimmer, und es war auch schlecht für meine Kinder, wenn Sie mitkriegten, dass ihre Mutter ein bisschen Panik schiebt. Da war ich nicht cool genug, aber ich war ja auch allein und hatte keinen Partner, der das hätte ausgleichen können.

Woran hat es denn gehapert?
Nachdem ich mit Anfang 30 mit Filmen wie „Tödliche Maria“, „Lola rennt“ und „Bin ich schön?“ sehr erfolgreich war, hatte ich gedacht, dass es jetzt losgeht. Es ging aber nicht los. Ich habe es bis heute nicht verstanden. Damals habe ich mal darüber nachgedacht, einen anderen Plan aufzumachen. Aber das, was ich mir hätte vorstellen können, war eigentlich ähnlich bescheuert: Archäologie und Linguistik zu studieren. Am Ende hat’s ja immer irgendwie hingehauen. Irgendwann gewöhnt man sich ein wenig an diese Existenzängste und merkt: Irgendwie kommt immer was.

Als Schauspielerin Mutter zu werden, ist vermutlich auch nicht ganz einfach.
Als ich meine Kinder kriegte, war ich gerade 31 geworden und die ganze Branche wusste Bescheid. Mein Mann und ich waren gerade superarm. Nur ein Caster hatte es nicht mitbekommen. Und der rief mich an: Du, Nina, ich hab da ne Rolle Dich. Zehn Drehtage für die Serie „Westerdeich“, eine belgische Produktion.

Und?
Ich habe ihn gefragt: Hast Du gar nicht mitgekriegt, dass ich Zwillinge gekriegt habe? Und ich still die voll, das heißt, die kriegen nichts anderes. Wenn Du dem Produzenten klarmachen kannst, dass ich meine Kinder mitnehme, dazu noch meinen Mann oder meine Mutter, und dass ich voll stille, ihnen also alle drei Stunden die Brust gebe, dann versuch das mal. Ich will aber meine volle Tagesgage. Wenig später rief er wieder an und sagte: Ist gebongt. Und dann stand tatsächlich auf jeder Disposition: Den Bedürfnissen der Zwillinge von Frau Petri ist unbedingt Folge zu leisten.

Wie sah das dann aus?
Wir haben in Cuxhaven gedreht. Mein Mann ist dann am Deich mit den Kindern spazieren gegangen, und wenn die sich bemerkbar gemacht haben, hat er sich übers Walky Talky gemeldet – damals gab’s noch keine Handys. Dann brauchte er noch maximal zehn Minuten, wir hatten einen extra Raum zum Stillen, ich hab den Dreh unterbrochen, die beiden angelegt – eine links, eine rechts – ,dann haben sie getrunken und schließlich habe ich ihnen noch die Windeln gewechselt. Das dauert alles in allem eine Stunde. Und dann bin ich wieder zum Dreh. Das hat uns damals gerettet, weil endlich mal wieder Geld floss.

Der Vater Ihrer Töchter ist Brasilianer.
Ja, er war Menschenrechtler in Brasilien. Ein Kämpfer für die Rechte der Schwarzen, er selbst ist ja auch Schwarzer. In Rio ist er ziemlich berühmt, Antirassismus und Menschenrechte sind seine Lebensthemen. Aber seinen Verpflichtungen als unterhaltspflichtiger Vater ist er nie nachgekommen. Das war schon krass, da ist bis zum heutigen Tag nichts zu erwarten.

Wie alt waren Ihre Töchter, als Sie sich getrennt haben?
Drei, das ist schon ewig lange her. Bis vor fünf Jahren hat er in Deutschland gelebt und meine Töchter hatten auch immer Kontakt zu ihm und besuchen ihn jetzt in Brasilien.

Ihr Film „Eltern und andere Wahrheiten“ behandelt ein ernstes Thema – die Doppelbelastung einer Frau durch Beruf und Familie – in komödiantischem Tonfall. Muss das so sein?
Ich finde es gar nicht schlecht, ernste Themen komödiantisch zu verarbeiten. In deutschen Komödien ist aber auch mal so, dass der Humor so na ja ist.

Ist die Figur der Lena ein Gegenentwurf zu Ihnen?
Das würde ich nicht sagen. Ich fand es toll, dass sie so etwas Divenhaftes und Schnippisches hat nach dem Motto „Zack, zack, zack, ich bin die Herrscherin der Welt“. Das hat mir ganz gut gefallen. Ich denke mir ja immer aus, was die Figur so macht, wenn man sie gerade nicht sieht, und da glaube ich, dass sie einsam ist, ganz komische Filme guckt und viel heult bei irgendwelchen Serien. Aber das weiß natürlich niemand.


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