zur Navigation springen

Katarina Witt : „Wie groß muss die Not sein?“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Katarina Witt wirkt politisch interessiert wie nie zuvor. Die Flüchtlinge liegen der Eiskunstlauf-Ikone am Herzen.

svz.de von
erstellt am 02.Dez.2015 | 21:00 Uhr

Das Schicksal der Flüchtlinge bewegt Katarina Witt vor ihrem heutigen 50. Geburtstag. „Das letzte halbe Jahr hat Deutschland vor eine epochale Herausforderung gestellt, und wir müssen diesen leidgeplagten Menschen die Chance der Integration geben“, sagte die zweimalige Eiskunstlauf-Olympiasiegerin (1984 und 1988) in Berlin. „Wie groß muss die Not sein, dass man alles zurücklässt, alle Bindungen, um mit Nichts neu anzufangen?“, fragte die Weltenbummlerin, die jahrelang in Eisshows durch Amerika tourte.

Für Verunglimpfungen von Politikern und Gewalt gegen Flüchtlinge hat sie kein Verständnis. Es gehöre nun große Besonnenheit dazu, die grausamen Terroranschläge von Paris und die Flüchtlingssituation nicht miteinander auf falsche Weise zu verbinden. „Wenn es Deutschland und Europa schaffen, diese Menschen zu integrieren, kann es eine Bereicherung sein“, betonte Witt. Eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Miteinander sei die Gleichstellung der Frau.

Sie selbst sei eigentlich ihr ganzes Leben lang unterwegs und oft auf Hilfe angewiesen gewesen. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen mischt sie sich nun ein: „Ich war immer schon politisch und im Freundes- und Familienkreis wurde viel diskutiert. Wir stehen ja auch vor völlig neuen Herausforderungen. Da möchte ich mich schon einbringen.“

Auch zu den Schlagzeilen über große Sportverbände hat sie eine Meinung: „Heutzutage muss sich mehr Transparenz durchsetzen – die männliche Kumpanei-Politik ist einfach von Gestern.“ Als Kuratoriumsvorsitzende der Münchner Olympia-Bewerbung 2018 bekam sie Einblicke in die Sportpolitik und empfand sie glatter als die gewohnten Eisflächen.

Die jüngsten Enthüllungen zur Doping-Problematik in Russland habe sie mit Interesse verfolgt, sei selbst aber in jungen Jahren nie mit dem Thema konfrontiert worden: „Nein, ich habe gedacht, dass wir ehrlichen Sport betreiben. Aber ich habe mich gewundert, dass manche Athletin so eine tiefe Stimme hatte.“ Später habe sie sich erschrocken, wie flächendeckend in der DDR gedopt wurde. „Ich habe nichts bekommen und wäre auch ehrlich erbost gewesen, schon wegen des Angebotes. Ich wäre mir wie eine Betrügerin vorgekommen“, behauptet die Kufen-Königin.

Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland kann die 50-Jährige auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung etwas Gutes abgewinnen. „Natürlich muss es gleiche Gehälter und Renten geben. Aber wir witzeln manchmal in Gesprächen über Ostfrauen und Westmänner“, sagte sie. „Ich fände es schade, wenn diese unterhaltsamen und manchmal nicht ganz ernst zu nehmenden Diskussionen schon abgeschlossen wären.“

Sie lebt mitten in Berlin und hat niemals erwogen, wie andere Sportgrößen aus steuerlichen Gründen ins Ausland zu ziehen. Nach den Profi-Jahren in Amerika habe sie einen Anker gebraucht, den ihr die Hauptstadt und besonders ihre Eltern gaben. Zum Geburtstag wird es keine große Party geben, ein Essen mit Freunden und Familie reicht der viermaligen Weltmeisterin.

Nach dem Projekt des Bildbandes „So viel Leben“, das im November erschien, und einer ARD-Dokumentation will sich Witt in den nächsten Wochen etwas zurücklehnen. „Das heißt ja nicht, dass ich Rentnerin werde“, sagt sie. Die „Carmen on Eis“ wird eine Arbeitsmaus bleiben, aber entspannter als noch vor Jahren.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen