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75 Jahre Schwimmtauchen : „Wie ein Fisch unter Fischen“

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Aus der Onlineredaktion

Vor 75 Jahren erprobte Hans Hass mit seinem neuartigen Tauchgerät und Schwimmflossen erstmals eine ganz neue Art der Fortbewegung unter Wasser.

svz.de von
erstellt am 01.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Wer früher Tauchen ging, der hatte keinen Spaß. Entweder saß er in einer monströsen Tauchglocke, die über einen Schlauch von der Oberfläche aus mit Atemluft versorgt wurde, oder trug einen unhandlichen Helm, der ebenfalls über einen langen Atemschlauch mit der Überwasserwelt verbunden war. Schwere Bleischuhe gewährleisteten die aufrechte Körperhaltung und einen sicheren Tritt auf dem Meeresboden. Das war auch notwendig, denn wer Tauchen ging, tat das, um zu arbeiten, und nicht, um die Schönheit der Unterwasserwelt zu betrachten.

Das änderte sich erst am 12. Juli des Jahres 1942, als der österreichische Meeresbiologe Hans Hass in der Nähe der griechischen Insel Ari Ronisi ein neuartiges Tauchgerät erprobte, das ohne Verbindungsschlauch zur Oberfläche auskam, und seinen Sauerstoffvorrat mit sich führte. Hass wollte sich selbst geräuschlos den Tieren unter Wasser nähern, um sie zu fotografieren. „Ich wollte mich wie ein Fisch unter Fischen bewegen“, sagte der Meeresforscher einmal. An den Füßen trug Hass eine weitere Innovation: Schwimmflossen. Mit dieser Kombination war es ihm erstmals möglich, unter Wasser frei „schwimmen“ zu können: Das Schwimmtauchen war erfunden, und der Österreicher wurde zum Vater des modernen Gerätetauchsports.

„Ich ließ mich gleich 10 Meter weit hinabsinken“, beschrieb Hass das Erlebnis damals. „Es war ein herrliches Gefühl, einmal so ohne jegliche Atemnot unter Wasser verweilen, und sich doch vollkommen frei bewegen zu können.“ Eine derartige Bewegungsfreiheit war bis dahin nur den Freitauchern vergönnt, doch die hatten ein massives Zeitproblem, mussten sie doch mit nur einem einzigen Atemzug auskommen.

Perlen- und Schwammtaucher hatten diese wohl älteste Form des Tauchens schon früh perfektioniert und konnten erstaunlich lange unter Wasser bleiben, indem sie die Luft anhielten. Heute ist daraus mit dem Apnoetauchen ein Sport geworden. Während für Otto Normaltaucher in der Badewanne bei etwa ein oder zwei Minuten Schluss ist, schaffte es der aktuelle Weltrekordhalter im Zeittauchen, der Franzose Stephane Mifsud, mit nur einem einzigen Atemzug ganze 11 Minuten und 35 Sekunden unter Wasser zu bleiben.

Je größer die Tiefe allerdings wird, in die ein Apnoetaucher vordringt, desto gefährlicher wird es für ihn aber auch. Bei dem Versuch, seinen Weltrekord von 214 Metern Tiefe zu überbieten, verunglückte der österreichische Apnoetaucher Herbert Nitsch am 6. Juni 2012 schwer, nachdem er eine Tiefe von 253 Metern erreicht hatte.

Das Problem, mit dem Taucher zu kämpfen haben, ist der Wasserdruck. Dieser nimmt nämlich je 10 Meter Tiefe um etwa 1 bar zu. Bei erhöhtem Druck reichert sich aber Stickstoff im Blut und im Gewebe an, der in Gasbläschen wieder ausperlt, wenn zu schnell aufgestiegen wird und sich der Druck so zu rasch wieder verringert. Das Ganze funktioniert ähnlich wie bei einer Sprudelflasche, die beim Öffnen Druck verliert und kleine Gasbläschen entstehen lässt. Eine derartige Gasblasenbildung ist für den menschlichen Organismus lebensbedrohlich, und bei Tauchern als Taucherkrankheit beziehungsweise Dekompressionskrankheit gefürchtet.

Zeitnot ist unter Wasser also ein echtes Problem, und so wurde schon oft versucht, dieses mit einem überlangen Schnorchel oder Schlauch zu lösen. Doch so einfach ist das nicht. Zum einen ist der Wasserdruck im Weg, der auf den Körper des Tauchers einwirkt, während seine Lunge über den Schnorchel mit dem Luftdruck der Oberfläche verbunden ist. Dieser Druckunterschied kann bereits in einer Wassertiefe von 60 Zentimetern dazu führen, dass Blut und Gewebeflüssigkeit in die Lunge einströmt, und ein lebensbedrohliches Lungenödem entsteht.

Zum anderen reicht die Ausatemluft nicht aus, um längere Schnorchel kräftig durchzupusten, damit Frischluft nachströmen kann. Mit anderen Worten: Man atmet die eigene verbrauchte Luft wieder ein. Schon früh kamen Entwickler auf die Idee, die Atemluft mittels einer großen Luftpumpe beziehungsweise eines Blasebalgs durch längere Schläuche zu pumpen, um so Taucherglocken oder Helme mit Frischluft versorgen zu können.

Auch Hans Hass benutzte anfangs einen Tauchhelm, der auf diese Weise von der Oberfläche aus mit Atemluft versorgt wurde. Neben der Bewegungseinschränkung durch den Schlauch störte ihn vor allem das laute Geräusch, das die Luftblasen verursachten, wenn sie an der Seite des Helmes ins Wasser entwichen. Das neue Tauchgerät, das er im Sommer 1942 verwendete, war dann auch ein Kreislauftauchgerät, das keine Gasblasen abgab. Es machte sich die Tatsache zu Nutze, dass Atemluft etwa 21 Prozent Sauerstoff enthält, von denen aber nur gute 4 Prozent für einen Atemzug verbraucht werden. Theoretisch beeinhaltet die ausgeatmete Luft also noch genügend Sauerstoff, um weitere Male geatmet werden zu können. So braucht unter Wasser weniger Sauerstoff mitgeführt zu werden. Allerdings entsteht beim Atmen auch giftiges Kohlenstoffdioxid, das aus der Luft entfernt werden muss (zum Beispiel durch Kalk), wenn diese ein weiteres Mal eingeatmet werden soll.

Tauchgeräte, die genau das konnten, gab es schon vor 1942. Die deutschen „Tauchretter“ ermöglichten havarierten U-Boot-Besatzungen die Flucht an die Wasseroberfläche, die kleineren und leichteren „Badetauchretter“ waren für die Rettung von Schwimmern gedacht. Nochmals optimiert wurde die sogenannte „Gegenlunge“ (patentiert 1928). Sie war dann auch die Basis für das Tauchgerät von Hans Hass, das dieser mit Hermann Stelzner bei Dräger in Lübeck entwickelte. Derartige geschlossene Systeme werden heute noch von Militärs eingesetzt, da sie keine verräterischen Blasen abgeben.

Im Freizeitbereich setzt man heute meist auf offene Systeme, die die ausgeatmete Luft ins Wasser abgeben, während ein Atemgas, wie etwa Pressluft, in einer Flasche auf dem Rücken mitgeführt wird. Ein Atemregler sorgt dafür, dass die 200 bis 300 bar nicht ungehindert in die Lunge einströmen, sondern bei Bedarf mit geringem atembaren Druck abgerufen werden können. Da reiner Sauerstoff schon in geringen Tiefen toxisch wirkt, setzen moderne Geräte auf Pressluft beziehungsweise Gasgemische wie etwa Nitrox (Sauerstoff-Stickstoff) oder Trimix (Helium-Stickstoff-Sauerstoff).

Die Zukunft des Tauchens könnte der Flüssigkeitsatmung gehören, mit der extreme Tauchtiefen möglich werden. Kein Wunder also, das zur Zeit kräftig daran geforscht wird. Nicht nur im Science-Fiction-Film „Abyss – Abgrund des Todes“ von 1989 funktioniert das schon ganz gut. Bereits in den 1960er Jahren konnte der Niederländer Johannes A. Kylstra erste Erfolge mit Mäusen vorweisen, deren Lungen er mit sauerstoffangereichertem Wasser flutete. 1969 versorgte Kylstra eine ganze Stunde lang einen der beiden Lungenflügel des Tauchers Francis J. Falejczyks mit sauerstoffangereicherter Atemflüssigkeit. Er habe in dem flüssigkeitsgefüllten Lungenflügel „kein wesentlich anderes Gefühl“ gehabt, urteilte Falejczyk damals.

Inzwischen wird die Flüssigkeitsbeatmung schon in der Medizin eingesetzt, um etwa Lungenschäden zu behandeln. Dennoch sind längst nicht alle Probleme behoben, die diese Art des Tauchens mit sich bringt, und so dürfen wir gespannt sein, was uns in Zukunft noch so alles abtauchen lässt.

 

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