Deckname „Uwe“ : Wie ein BND-Mitarbeiter zum Verräter wurde

Der Spitzel: Markus R.
Der Spitzel: Markus R.

Manches, was im Prozess gegen einen CIA-Spitzel beim Bundesnachrichtendienst zur Sprache kommt, könnte einem Spionage-Thriller entstammen - anderes erscheint dagegen erschreckend banal.

svz.de von
16. März 2016, 21:00 Uhr

Nein, so stellt man sich keinen Top-Spion vor. Markus R. ist ein äußerst schüchterner Mann. 32 Jahre alt, fast randlose Brille, braune, gewellte Haare, stets korrekt gekleidet. Aber er wirkt etwas verklemmt. Und das soll der Verräter sein, der jahrelang mehr als 200 teils streng geheime Unterlagen des Bundesnachrichtendienstes (BND) an den amerikanischen Geheimdienst CIA weitergeben hat?

Ja, tatsächlich: Markus R. hat die Kernvorwürfe der Anklage gestanden. Heute nun verkündet das Münchner Oberlandesgericht sein Urteil:

Der Angeklagte:

Markus R. ist gelernter Bürokaufmann, aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen in der DDR. Er war Einzelgänger, ging kaum aus dem Haus, saß viel vor dem Computer.

2007 fängt er beim BND an, zuerst in der Personalabteilung, dann wechselt er in die Abteilung „Einsatzgebiete Auslandsbeziehungen“, wo er Post und Akten verwalten muss. Nach außen, bei Eltern und Freundin, gibt er sich gerne als mehr aus: als „Agent“ oder „Nachrichtendienst-Offizier“.

Kontakt mit der CIA:

Im Sommer 2008 ist Markus R., so schildert er es in seinem Geständnis, von der Arbeit beim BND derart frustriert, dass er das „Abenteuer“ sucht: Er schreibt eine Mail an die US-Botschaft in Berlin, ob Interesse an einer Kooperation bestehe, er arbeite bei einer Sicherheitsbehörde. „Ich wollte etwas Neues, was Spannendes erleben“, sagt er im Prozess.

Und es besteht Interesse: Unter dem Decknamen „Uwe“ kommt Markus R. mit „Alex“ in Kontakt, seinem Verbindungsmann bei der CIA. Von da an schickt er immer und immer wieder, am Schluss wöchentlich, Dokumente an die Amerikaner, anfangs per Mail, später mit einem versteckten Programm auf einem Computer, den er eigens dafür bekommt. Es gibt auch einzelne direkte Treffen.

So läuft der Verrat:

Es ist erschreckend einfach: Mit einem Kopierer neben seinem Büro kopiert Markus R. nach Gutdünken geheime Dokumente, steckt sie in seine Tasche – und nimmt sie im Auto mit nach Hause.

Die stichprobenartigen Kontrollen bei der Ausfahrt vom BND-Gelände sind derart selten, dass keine Gefahr besteht. Zu Hause scannt er die Kopien ein, schickt sie an „Alex“ und speichert sie auf USB-Sticks.

Die Unterlagen:

Unter den mehr als 200 verratenen Dokumenten sind auch solche höchst brisanter Art: etwa ein internes Gegenspionage-Konzept - und eine Datenbank mit Deck- und Klarnamen von BND-Agenten im Ausland.

Der Agentenlohn:

Laut Bundesanwaltschaft soll Markus R. über die Jahre mindestens 80 000 Euro von den Amerikanern bekommen haben.

Das Verhängnis:

Im April/Mai 2014 will R. noch einmal „was Neues erleben“: Er schreibt - zwar von einem fingierten Postfach, aber unverschlüsselt - eine E-Mail an das russische Generalkonsulat in München, um sich dort als Informant anzudienen, und schickt sogleich drei Dokumente mit. Doch diese Mail wird vom BND abgefangen. Wenig später wird er festgenommen.

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