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Interview : Wie das B. zum Johannes kam

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Moderator Kerner über 50 Jahre Farbfernsehen – und eine Liebeserklärung an die gedruckte Zeitung.

svz.de von
erstellt am 05.Aug.2017 | 10:00 Uhr

Als Willy Brandt am 25. August 1967 mit einem symbolischen Knopfdruck das Farbfernsehen im damaligen Westdeutschland startete, war Johannes Baptist Kerner gerade mal zweieinhalb Jahre alt. Mittlerweile aber mischt er seit drei Jahrzehnten kräftig mit und moderiert ab 17. August im ZDF vier Jubiläumsshows zu 50 Jahren Farbfernsehen. In seinem Hamburger Büro erzählt er seine ganz persönlichen Fernsehgeschichten, warum er Tatort nicht mag, wie das B. in seinen Vornamen kam und warum er eine Zeitung schätzt.

Herr Kerner, laufen Sie eigentlich noch Marathon?
Ja, und ich würde sagen: Der schnellste kommt noch.

Wie schnell wäre das?
Ich will mal unter vier Stunden laufen, und das muss ich mir bis heute immer ein bisschen zurechtlügen. Meine Bestzeit ist 4:08, ich sage aber lieber 3:68. Ansonsten laufe hier meine Alsterrunden, aber aktuell bin ich nicht im Marathon-Training. Ich bin überhaupt erst dreimal Marathon gelaufen.

Ein Marathon sind 42 Kilometer – welcher ist der schwerste?
Ich glaube, die schweren Kilometer sind die zwischen 30 und 35. Mir haben die Leute immer erzählt, es würden Endorphine ausgeschüttet, wenn man dann über die Ziellinie läuft – da warte ich heute noch drauf (lacht).

Beim Fernsehen sind Sie seit 31 Jahren – schaffen Sie die 42?

Solange die Zuschauer das nicht als ernsthafte Bedrohung empfinden. Ich hab jedenfalls noch ein bisschen was vor und bin noch nicht durch mit Fernsehen.

Welches der 31 Jahre war das schwerste?
2009, als ich zu Sat.1 zurück gewechselt bin und das nicht funktioniert hat.

Was wäre bloß aus Ihnen geworden, wenn’s kein Fernsehen gäbe?
Vielleicht ein passabler Betriebswirt. Vielleicht aber auch ein Verlagskaufmann – das wollte ich tatsächlich mal werden oder konnte es mir eine Zeit lang wenigstens vorstellen. Ich habe mich auch mal beworben, was allerdings nicht geklappt hat. Aber heute bin ich schon sehr da zu Hause, wo ich bin, und ich klopfe auch jeden Tag mehrfach auf Holz, weil ich sehr demütig und dankbar bin, dass es so gekommen ist.

Als Willy Brandt 1967 auf den berühmten Knopf drückte und damit das Farbfernsehen startete, war der kleine Johannes zweieinhalb. In welchem Alter setzen Ihre Erinnerungen ans Fernsehen ein?
Das WM-Endspiel 1974, Deutschland gegen Holland. Das war ja eine WM im eigenen Land, und damals ist mein Wunsch, Sportreporter zu werden, noch manifester geworden. Ich war neun und mit zunehmender Zeit immer faszinierter und besessener davon. Dass Deutschland damals Weltmeister geworden ist, habe ich als gutes Omen genommen.

Haben Sie jemals etwas in schwarz-weiß gesehen?
Natürlich. Es gab ja trotz des Farbfernsehens noch viele Sendungen in schwarz-weiß. „Dick und Doof“ oder „Dinner for one“ kann ich mir gar nicht anders vorstellen als in schwarz-weiß. Oder „Väter der Klamotte“, das war auch schwarz-weiß. Aber die Kinderserien, die ich damals geguckt habe, die waren schon in Farbe: „Lassie“, „Daktari“, „Flipper“. Das war meine heile Welt.

„Daktari“ lief doch zeitgleich zur „Sportschau“.
Den Spruch kenn ich auch: „Daktari“ kann man gar nicht gucken, weil im Ersten die „Sportschau“ läuft. Das sagt man immer so, aber es lief einen Tick früher im ZDF. Und wenn der Löwe dann schielte, konnte man auch schon mal hängenbleiben. Im Übrigen war’s ja so, dass die „Sportschau“ nicht alle Bundesligaspiele zeigte. Da gab’s Tage, an denen ich richtig verärgert war, wenn meins nicht dabei war.

Sie haben immer auf Hertha gewartet?
Damals noch 1.FC Köln, später dann aber Hertha.

Was waren für Sie damals die großen Fernseherlebnisse?
Große Shows. „Am laufenden Band“, donnerstags „Dalli dalli“ und „Der große Preis“, „Aus los geht’s los“ mit Joachim Fuchsberger und natürlich auch die Anfänge von „Wetten, dass..?“.

Welche Sendungen haben Ihre Eltern Ihnen verboten?
Mittwochsabends gab’s immer die internationale Version von „Spiel ohne Grenzen“. Samstags konnte man in Deutschland Kleinkleckersdorf gegen Oberwollenheim sehen und durch ein System, das ich nicht verstand, hat sich eine Mannschaft für die internationale Version qualifiziert. Das kam immer erst abends gegen zehn, und ich war stinksauer, weil ich nicht gucken durfte.

Ab wann durften Sie Tatort gucken?
Das musste man mir gar nicht erlauben, weil ich es nicht wollte. Ich gehöre vermutlich zu den wenigen Deutschen, die noch nie einen Tatort komplett gesehen haben.

Warum das denn?
Mein Leben ist aufregend genug, da brauche ich keine künstliche Anspannung. Ich habe totalen kollegialen Respekt vor dem Erfolg dieser ganzen Schauspieler, der Tatort ist eine fantastische Marke. Aber dass er auch ohne mich funktioniert, ist ja auch eine schöne Erkenntnis.

Sie haben vier Kinder – wie haben Sie deren Fernsehverhalten beeinflusst oder gesteuert?
Sport gucken wir zusammen, das ist ja etwas Generationenübergreifendes und emotional Verbindendes. Shows sehen wir uns auch mal an. Aber dann gibt’s auch Sachen, die ich nicht gucke – die Mädels sehen zum Beispiel gerne „Topmodel“. Im Gegensatz zu „Let’s dance“, das könnte ohne Probleme auch im ZDF laufen. Eigentlich ist das eine öffentlich-rechtliche Sendung. Der größte Unterschied ist, dass die Kinder nicht mehr so linear gucken wie meine Generation.

Sondern?
Sie nutzen die Mediatheken viel intensiver und gucken, wann Sie wollen oder Zeit haben. Oder sie gucken sich nur Ausschnitte an, auf die sie über irgendein soziales Netzwerk hingewiesen worden sind. Viele Fernsehleute leiten daraus ab, dass der Kuchen kleiner wird, aber das stimmt ja nicht. Der Kuchen bleibt der Kuchen, er wird nur anders gegessen. Ob jemand meine Sendung um 20.15 Uhr guckt oder in der Mediathek, ist mir zwar nicht wurscht – aber es ist alles Kuchen.

Eine aktuelle Studie besagt, dass sich Jugendliche wieder verstärkt dem klassischen Fernsehen zuwenden.
Mein Sohn liest sogar Zeitung, das fand ich völlig verrückt. Den Wirtschaftsteil, das hat mir ein bisschen Angst gemacht.

Und Sie?
Ich lese auch Zeitung, in letzter Zeit verstärkt abends, weil ich morgens nicht dazu komme. Je größer das Format, desto besser. Natürlich lese ich auch die „Bild“-Zeitung, aber vor allem „FAZ“ und „Süddeutsche“ – Mann, sind da kluge Leute. Ich liebe aber auch dieses Knistern und Rascheln des Papiers. Da bin ich gern der Letzte von gestern, wenn’s denn jemand so sieht. Zum Beispiel im Flugzeug, wo man ja mit den entsprechenden Zugängen und Hotspots auch online lesen könnte, würde ich immer die Zeitung vorziehen. Das hat was Gemütliches, ist ein haptisches Erlebnis und den Geruch hab ich auch gern. Zeitunglesen ist ein Lebensgefühl.

Können Sie sich noch an Ihren allerersten Auftritt vor der Kamera erinnern?
Das muss 1987 bei Sender Freies Berlin gewesen sein. Da hatte ich erste kleine Auftritte, Aufsager vor der Kamera. Ich hab dann auch schnell moderiert – „Berliner Abendschau“, ein regionales Magazin, dann auch in der ARD und schließlich bei Sat.1. Richtig los ging’s 1992, als „ran“ anfing. Am 14. August 1992 habe ich die allererste „ran“-Sendung moderiert, das weiß ich heute noch.

Haben Sie sich ganz am Anfang auch schon Johannes B. genannt oder wann kam das B. dazu?
Nee, da war Alkohol im Spiel und Reinhold Beckmann (lacht). Um genauer zu sein: Es war das Ergebnis einer versoffenen Nacht mit ihm. Als es wieder hell wurde, hatte ich das B. als Unterscheidungsmerkmal ausgemacht und er hat mich dazu ermutigt. Aber ich will nicht Reinhold als Schuldigen dafür benennen, das bin ich schon selbst. Und schließlich heiße ich ja wirklich mit zweitem Namen Baptist.

Ihr persönlicher Fernsehsessel hat vier Beine: Show, Sport, Talk und Kochen. Auf welchem stehen Sie am liebsten?
Ich bin von Haus aus Sportreporter. Das ist meine berufliche Herkunft und das werde ich nie vergessen. Da habe ich auch die großen Highlights erlebt – mit Jürgen Klopp an der Seite eine WM im eigenen Land zu machen, ist schon ein Brettchen. Und mit Franz Beckenbauer durch Europa zu Champions League-Spielen zu reisen, hat sich auch als Erinnerung eingebrannt. Kochen läuft so nebenher – es einfach ein Zufall, dass es so gut funktioniert hat. Show macht mir großen Spaß – davor habe ich Respekt, aber ich liebe auch die große Bühne. Und Talk habe ich elf Jahre lang gemacht, und zwar brutal viel. Das müsste ich mir jetzt nicht mehr antun, das war wirklich anstrengend.

Gibt’s Sendungen, von denen der beseelte Moderator sagen würden: Die vergess ich nie?
Na klar. Der Talk mit Bill Clinton oder fünfmal Helmut Kohl. Der kam so gern zu mir in die Sendung – nur um mit mir in der Maske über den 1.FC Kaiserslautern zu reden. Kohl wollte immer wissen, was in Kaiserslautern los ist – und ich konnte es ihm nicht wirklich sagen, weil ich gar nicht so richtig im Stoff war. Er hat mir dann erzählt, Kurt Beck habe den Verein zugrunde gerichtet – immer das Gleiche. Aber wenn wir in der Maske gesessen und gequatscht haben, hat er sich wohl gefühlt. In der Sendung habe ich dann streng journalistisch meine Fragen gestellt – und er hat sie nicht beantwortet. Er sagte dann immer: Das ist jetzt gar nicht die Frage, aber ich will Ihnen sagen…

Gibt’s auch eine Sendung, die Sie gern ungeschehen machen würden?
Ungeschehen nicht. Ich stehe zu allen positiven Dingen, aber auch zu allen Fehlern. Als Bosbach die Maischberger-Sendung verlassen hat, erinnerten sich einige auch wieder an meine Sendung mit Eva Herman und an den Rausschmiss. Wobei Rausschmiss gar nicht der richtige Begriff ist – ich habe es ja viel zurückhaltender formuliert: „Ich möchte mich an der Stelle von Dir verabschieden…“

Das war…
…natürlich ein gefühlter Rausschmiss und heute finde ich: Jemand, der einen anderen in sein Wohnzimmer einlädt, kann ihn nicht so einfach rauskomplimentieren. Ich will’s nicht ungeschehen machen, aber ich würd’s nicht noch mal machen.

Gibt es einen Punkt in Ihrer Karriere, an den Sie sich gern noch mal zurückbeamen würden?
WM-Halbfinale 2006, Verlängerung Deutschland gegen Italien in Dortmund. Jürgen Klopp hat sich gerade noch mal ne Zigarette angezündet und wir richten und so langsam aufs Elfmeterschießen ein. Und dann schießen die Italiener noch zwei Tore. Dahin würde ich mich gerne zurückbeamen und das Ergebnis verändern.

Gab’s eine Begegnung durch das Fernsehen, für die Sie bis heute richtig dankbar sind?
Ich bin Vater von vier Kindern und ich hab die Mutter dieser Kinder kennengelernt, weil ich Sportreporter war und sie Sportlerin. Das war zwar kein Fernsehmoment, sondern ich moderierte eine Veranstaltung für einen Automobilhersteller, von dem sie gesponsert wurde, und am Ende hatte ich doch noch ein paar Fragen mehr. Daraus sind 20 Jahre Ehe und vier Kinder geworden.
 

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