Interview Helmut Lotti : „Wenn ich nicht arbeite, ist mein Leben Urlaub.“

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WOCHENEND-INTERVIEW: Der Sänger und Komponist Helmut Lotti über seine Tour, sein Toupet und seine Tochter.

svz.de von
08. April 2017, 16:00 Uhr

Knapp 15 Jahre lang hat er das brave Künstler-Image des singenden Schwiegersohns verkörpert. Dazu gehörte auch ein Toupet. Jetzt – nach einer sechsjährigen Pause – hat sich Helmut Lotti davon befreit, wie der 47-jährige Belgier im Interview ganz offenherzig erklärt. Am 27. April startet Lotti seine Comeback-Tour.

Am 27. April beginnt Ihre Comeback-Tour. Haben Sie schon Herzklopfen?
Ich bin schon ein bisschen nervös. Es ist sechs Jahre her, dass ich so oft und viele Tage nacheinander auf einer Tour gesungen habe. Ich habe zwischendurch zwar noch kleine Tourneen in Belgien gemacht, aber das Programm war nicht so lang und ausgedehnt. Für mich wird es daher spannend.

Gibt es kurz vor dem Start noch einen Moment der Ruhe, bevor Sie sich wieder ins grelle Rampenlicht begeben?
Ich fahre eine Woche vorher noch in die Ardennen. Dort wohne ich jetzt. Ich führe im Moment ein ganz ruhiges Leben. Wenn ich nicht arbeite, ist mein Leben ein großer Urlaub.

Sie haben zu Hause ein Rennrad und fahren viel?

Ja. Ich habe diese Woche wieder angefangen. Das erste Mal auf meinem Rad habe ich gleich 5 x 2,5 Kilometer bergauf absolviert, also 12,5 Kilometer bei acht Prozent Steigung. Das ist ziemlich heftig für das erste Mal. Aber ich mache gerne Sport und brauche das für meine Energie. Ich singe auch den ganzen Tag im Haus.

Am Klavier?
Ich hatte ein Klavier, aber das ist bei meiner Frau geblieben. Ich habe mich gerade getrennt und das Klavier steht noch in unserem Stadthaus in Antwerpen. Da steht es besser. Ich spiele nicht wirklich Klavier. Auf Wikipedia habe ich gelesen, dass ich Pianist bin. Aber das stimmt nicht.

Wie erklären Sie sich und Ihrem Publikum Ihre lange Auszeit? War es eine Art künstlerisches Burnout?

Kein Burnout. Ich musste zu mir selbst zurückkommen. Ich wollte, dass alles wieder frisch wurde.

Fühlten Sie sich beengt wie in einem Käfig?
So kann man sagen. Das Schwiegersohn-Image hat mich eingeengt. Aber ich habe mich verändert und bin jetzt, wie ich eigentlich bin. Ich war nicht unglücklich mit meiner Karriere. Jeder möchte schließlich so eine Karriere haben. Aber ich hatte keine Lust, bis 70 immer das gleiche zu machen. Man lebt nur einmal und ich möchte gerne unterschiedliche Projekte versuchen.

Zum Beispiel?
Ich habe in der Pause ein ziemlich rockiges und düsteres Album auf Niederländisch herausgebracht. Es hat riesigen Spaß gemacht. Das hat natürlich auf dem Markt nicht funktioniert. Ich hätte es als Seitenprojekt unter einem anderen Namen machen sollen. Aber so wollte es niemand veröffentlichen. Also war es die neue Lotti-CD und zu schwierig für das Publikum. Aber ich freue mich trotzdem, dass ich es gemacht habe, denn da war das Biest endlich einmal raus.

Wie kam es zu dem Entschluss, aufs Toupet zu verzichten?
Das Toupet wollte ich eigentlich nie tragen. Ich habe es gehasst.

Wer hat es Ihnen vorgeschrieben?
Mein Management.

Mussten Sie sich davon befreien?
Ja. Ich hätte gleich meine Grenze ziehen sollen. Musikalisch war ich aber nie so weit von dem entfernt, wer ich bin. Trotzdem gab es irgendwann einen Punkt, an dem Image und Musik immer weiter auseinandergegangen sind. Da habe ich die Reißleine gezogen.

Haben Sie viele Heiratsanträge wegen Ihres Schwiegersohn-Images bekommen?

Die haben mich nie beschäftigt. Interessiert mich auch nicht.

Hat das Management Ihre Mails beantwortet?

Nein, ich habe meine Fan-Mails immer gelesen und selbst geantwortet, und die Fans sind meistens normale Leute. Ganz ehrlich, ich habe nicht viele komische Sachen erlebt.

Haben Sie in Hotels nie eindeutige Angebote von Frauen bekommen?
Nein.

Groupies?
Nein. Ich brauche meine Ruhe, genug Schlaf und gesundes Essen. Das Leben on Tour ist Top-Sport. Vielleicht gibt es Sänger, für die Ihre Stimme nicht die Hauptsache ist, aber ich muss da schon aufpassen.

Haben Sie darüber nachgedacht, Ihren echten Nachnamen „Lotigiers“ beim Comeback zu verwenden?
Nein, das kam nie in Frage, weil den Namen außerhalb Belgiens niemand aussprechen kann.(lacht)

Wer hat sich „Lotti“ ausgedacht?
Eine Frau aus Gent, die mich meinen ersten Plattenvertrag unterschreiben ließ. Sie hatte mich im holländischen Fernsehen gesehen, wo ich als einziger Belgier Erfolg hatte. Sie bot mir einen Plattenvertrag an und sagte „Ab jetzt heißt du Helmut Lotti“.

So einfach?
Ich fand es anfangs fürchterlich, denn mein Name Lotigiers wird nur mit einem „t“ geschrieben. Schon mein ganzes Leben versuche ich das den Leuten zu erklären. Seitdem ich Lotti heiße, kann ich es völlig vergessen. Immerhin gab es Antonio Lotti, einen italienischen Komponisten, der ein schönes Chorwerk namens „Crucifixus“ geschrieben hat. Als ich es zum ersten Mal hörte, fand ich den Namen nicht mehr ganz so schlimm. (lacht)

Und Helmut?
Das ist mein richtiger Vorname.

Gibt es den deutschen Helmut auch in Belgien als Vornamen?
Nein. Ich glaube, es gibt in Belgien keine zehn Helmuts.

Was haben sich Ihre Eltern dabei gedacht?
Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. (lacht)

Sie sind in einer sehr künstlerischen Familie aufgewachsen. Ihr Vater war klassischer Tenor, der Großvater Operndirektor.
Und mein Onkel war Bildhauer.

Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben?
Ich bin nicht in der Familie meines Vaters aufgewachsen. Er hat meine Mutter verlassen, als ich sechs Jahre alt war. Meine Mutter spielte Akkordeon. Meine Brüder singen auch alle, aber ich bin der einzige professionelle Sänger.

War Ihre Mutter alleinerziehend?
Zunächst ja. Dann habe ich bis zum 13. Lebensjahr einen Stiefvater gehabt.

Haben Sie den Kontakt zu Ihrem Vater behalten?
Ja, natürlich.

Hat er Sie gefördert und protegiert?
Nein. Der Großvater auch nicht.

Sie haben alles aus eigener Kraft geschafft?
Ja. Meine Mutter hat mich eines Tages für einen Imitationswettbewerb im holländischen Fernsehen angemeldet. Dabei hatte ich gar keine musikalische Ausbildung. Elvis hat mich das Singen gelehrt. (lacht) Wir hatten zuhause eine Menge alte Schallplatten und ich habe mir immer wieder Elvis angehört.

Was fanden Sie so faszinierend an Elvis?
Die Stimme. Ich hatte Gänsehaut.

Wie alt waren Sie damals?
Fünf. Ich habe auf diese Weise auch Englisch gelernt. Als ich zwölf war, musste ich mich in der Schule für Französisch oder Englisch als zweite Sprache entscheiden. Ich habe Englisch genommen. In der ersten Stunde fragte der Lehrer gleich, warum wir Englisch lernen wollen. Ich habe geantwortet „Weil Elvis nicht auf Französisch gesungen hat.“

Haben Sie in der Schule Elvis imitiert?
Ja. Wenn wir in der Grundschule Lieder lernten, habe ich die immer „elvisiert“. (lacht) Ich sang die dann mit diesem Elvis-Swing. Die Jungs auf dem Spielplatz kamen zu mir und sagten „Du hast das ganz anders gesungen. Kannst du das noch mal machen.“ Dann fing ich an, auf dem Spielplatz zu singen und noch mehr Kinder kamen dazu, die mir sagten: „Das klingt gut“. Im Sommer-Camp habe ich gemerkt, dass ich auch die Mädchen damit beeindrucken konnte. (lacht)

Was für ein Typ waren Sie in der Schule: der Draufgänger, der Schüchterne oder der Pausenclown?
Ich glaube, ich war ein bisschen von allem. Wenn man eine Menge Paviane im Tiergarten sieht, dann gibt es immer einen Anführer, dem die anderen folgen. Dann gibt es einen, der gegen den Führer aufsteht. Die beiden kämpfen und der Gewinner ist der neue Führer, dem wieder alle hinterherlaufen. Und dann gibt es immer einen, der in der Ecke sitzt, sich alles anschaut und denkt „Was ist das denn?“ Ich war eher der in der Ecke.

Was ist typisch belgisch an Ihnen?
Eine Art Verrücktheit, aber im guten Sinne. Und nicht alles zu bierernst zu nehmen. Mein Humor ist manchmal allerdings ziemlich schwarz.

Auf ihrem neuen Album haben Sie den R.E.M.-Hit „Everybody hurts“ neu interpretiert. Warum?
R.E.M. haben es, soviel ich weiß, für einen Freund geschrieben, der Selbstmord begangen hat. Es ist sehr schlimm, wenn Menschen glauben, dass sie so einsam sind, dass es nur noch diese Lösung gibt. Das war auch ein Grund für mich, mal an die Seite zu treten. Das Leben auf Tour ist ganz lustig, aber am Ende ist man allein in seinem Zimmer. Dort wartet die Einsamkeit. Aber man soll nie vergessen, dass es Freunde gibt, man muss auch selber manchmal zu den Leuten gehen. Es hat keinen Sinn zu warten, bis Leute zu dir kommen.

Das scheint sehr programmatisch für Sie zu sein: „A lonely Road“ und „You’ll never walk alone“ haben ähnliche Botschaften.
Dieses Thema war schon auf meinem ersten Album 1995 präsent.

Wie kommt das?
Weil ich glaube, dass es viel Einsamkeit in der Welt gibt. Ich bin ein fröhlicher Mensch, aber ich bin mir bewusst, dass die meisten Menschen nur Passanten sind. Ich möchte Ihnen mit meiner Musik Hoffnung und Vertrauen geben.

Wie häufig sehen Sie Ihre 25-jährige Tochter?
Sie war am Wochenende noch mit Ihrem Freund bei mir.

Was geben Sie Ihrer Tochter fürs Leben mit?
Sie soll das tun, was ihr Spaß macht und wenn sie es macht, dann mit Leidenschaft und nicht nur halbherzig.
 

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