zur Navigation springen

Renaissance für die Late Night Show :  Welke oder Böhmermann?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Es war einmal… die Late Night Show: Mit Harald Schmidt hatte sie Hochkonjunktur. Nun haben zwei Satiriker Bedarf angemeldet.

svz.de von
erstellt am 20.Jan.2017 | 08:00 Uhr

Sie galt über Jahre als Königsdisziplin im deutschen Fernsehen: die Late Night Show. Harald Schmidt prägte das Genre über zwei Jahrzehnte bis 2014. Mit intellektuellem Biss kommentierte er das Tagesgeschehen, machte sich über Prominente lustig und wurde selbst zum Tagesgespräch. Als er 2009 aus einer kreativen Pause zurückkehrte und bei der ARD aufschlug, schalteten zur Premiere sechs Millionen Menschen ein – am späten Abend. Das schafft um die Uhrzeit heute nur noch das RTL-Dschungelcamp.

Vor kurzem meldeten nach langer Pause zwei Protagonisten Bedarf an, die etwas zu sagen haben: Jan Böhmermann (35) und Oliver Welke (50). „Ich hätte ohne Probleme Material, um dreimal die Woche Sendung zu machen“, sagte Böhmermann im Dezember. Er könne seiner Mutter und seinen Großeltern beim besten Willen nicht erklären, warum seine Sendung nur einmal die Woche laufe. „Der Anspruch meines Teams und mir lautet: weg von Twitter, hin zu einer lustigen werktäglichen Unterhaltungsshow am späten Abend.“

Weniger kess formuliert sein Kollege Welke die Begehrlichkeiten, aber auch er wünscht sich für Deutschland ein Late-Night-Format. „Es fehlt eine Show, die dir hilft, mit dem Tag abzuschließen.“

Was ist passiert in Deutschland? Warum laufen die spätabendlichen TV-Formate mit hohem Wortanteil in den USA rauf und runter und bei uns kaum noch? Warum sind TV-Talks nicht Tagesgespräch? „Im US-Fernsehen hat die Late Night Show eine lange Tradition“, sagt der Medienexperte Bernd Gäbler, der früher das Grimme-Institut leitete. „Sie ist fest institutionalisiert. So konnte auch der Übergang zu einer neuen Gastgebergeneration nach David Letterman und Jay Leno funktionieren.“

Der redaktionelle Aufwand für eine Sendung, die Tag für Tag neue Ideen entwickeln müsse und ebenso einen bissigen Stand-up biete wie interessante Gäste, sei sehr hoch – für einen vergleichsweise kleinen Quotenertrag. „Eine tolle Late Night ist vor allem ein Imagegewinn der Sender.“

Der damalige RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma verpflichtete 1992 Thomas Gottschalk und wollte mit ihm den späten Abend erobern. Trotz guter Quoten entzweiten sich Thoma und Gottschalk, Thomas Koschwitz trat 1995 die Nachfolge an, hielt sich aber nicht allzu lange. Später versuchte Sat.1, das Genre auf breitere Füße zu stellen: Anke Engelke (2004) und Oliver Pocher (2009-2011) scheiterten an zu hohen Erwartungen und geringen Quoten.

Und was sagen die Experten zur Late-Night-Zukunft, vielleicht mit Welke und Böhmermann? „Die beiden kämen ebenso in Frage wie andere junge Fernsehjournalisten mit Humorkompetenz“, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher. „Ein Late-Night-Gastgeber braucht große Bühnenerfahrung und eine natürliche Autorität“, erklärt Kollege Gäbler. „Talent Böhmermann drängt sich zwar in diese Rolle, er wirkt aber in seinem Humor zu ich-bezogen und ist in der Nische von ZDF.neo gut aufgehoben.“

Und Welke? Er könnte es vielleicht, sagt Gäbler, „ist aber zu unerfahren als Stand-up-Comedian“. Vielleicht Joko und Klaas? Sie seien „doch weitgehend noch die Jungs, die auf dem Schulhof unerlaubte Sachen machen“, sagt Gäbler.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen