Wochenend-Interview : Verbrennt mich!

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Der Brite Charlie Adlard zeichnet die Zombie-Comics „The Walking Dead“.

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16. Januar 2016, 16:00 Uhr

Die Fernsehserie „The Walking Dead“ hat einen weltweiten Zombie-Hype ausgelöst. Grundlage sind die Comics von Robert Kirkman (Text) und Charlie Adlard (Bild). Im Interview verrät der britische Zeichner, welche Szene er am liebsten nie gezeichnet hätte, warum seine Recherche-Mails ihn in den Knast bringen könnten und wie er nach einem erfüllten Leben mit wandelnden Leichen selbst mal bestattet werden will.

Sie verbringen ihre ganze Arbeitszeit mit verrottenden Untoten. Was genau unterscheidet Ihren Beruf vom normalen Bürojob?
Ich genieße jeden einzelnen meiner Arbeitstage und das seit über 20 Jahren. Denn „Walking Dead“ habe ich zwölf wunderbare Jahre mit einem sicheren Arbeitsplatz zu verdanken.

Wie schalten Sie ab? Zeichnen Sie nach Feierabend rosa Ponys für Ihre Kinder?
Das muss ich nicht. Die Zombies sind nur Striche auf Papier. Ich will den kreativen Prozess nicht kleinreden, aber meine Anteilnahme beim Zeichnen ist mäßig. Wahrscheinlich lasse ich das alles schon bei der Lektüre des Skripts hinter mir. Ich muss mich also abends nicht von belastenden Tagen in Blut erholen und entspanne wie jeder andere auch.

Nutzen Sie für die Gestaltung zerfallender Körper medizinische Handbücher?
Eigentlich ist das für die Zombies nicht nötig. Auch wenn die „The Walking Dead“-Fans mir jetzt widersprechen werden: In Wahrheit gibt es gar keine Zombies. Ich kann alles frei erfinden. In den Comics passieren allerdings auch Lebenden sehr hässliche Missgeschicke. Sie wissen, wovon ich rede. Und wenn es um Bilder von Folter und Verwundung geht, beginnt für mich ein verstörender Prozess der Recherche. In einem faschistischen Staat, der alle E-Mails seiner Bürger liest, würde ich sofort verhaftet werden.

Haben Sie Mitleid mit Figuren, die Sie zombifizieren?
Überhaupt nicht. Es gehört zu den großen Vorzügen von „The Walking Dead“, dass wir uns erlauben, auch zentrale Figuren zu töten. Erzählerisch finde ich aufregend, dass es jeden treffen kann. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass Figuren sterben, die ich gern gezeichnet habe.

Wie entwerfen Sie Figuren? Wie genau sind die Vorgaben vom Autor Robert Kirkman?
Das kommt darauf an. Eine unwichtige Nebenfigur beschreibt Robert womöglich gar nicht, zentrale Charaktere schildert er etwas genauer. Aber der Zeichner bin ich, und am Ende muss eben ich mir ein Bild von seinen Beschreibungen machen.

Versuchen Sie Klischees über Männer, Frauen, Schwarze und Weiße zu vermeiden?
Wenn ich Asiaten zeichne oder Schwarze oder was auch immer, versuche ich wirklich, Klischees zu vermeiden. Letztendlich mache ich aber eben doch Comics. Natürlich möchte ich die nicht in Misskredit bringen, aber wenn man eine Figur wieder und wieder zeichnet, braucht man stilistische Klischees, weil sie das Tempo steigern. Aber ich gebe mir Mühe; wie gut es mir gelingt, entscheiden die Leser.

Ich musste über eine Szene lachen, bei der die Heldin Lori ihr Baby stillt – und nicht wegen der Untoten in Sorge ist, sondern weil ihr älteres Kind ihre Brüste sieht. Wäre das für Amerikanerinnen wirklich ein Problem, wenn gerade die Welt untergeht?
Dass man sie nackt in der Öffentlichkeit sehen könnte? O je! Nein. Es hat Spaß gemacht, Loris Sorgen beim Stillen aufzugreifen, aber im echten Weltuntergang hätte sie wohl andere Probleme. Wir werden immer wieder mal für Unstimmigkeiten kritisiert, aber wir erzählen nur eine Geschichte und haben nicht die Zeit für alle Details. Neulich bin ich auf die Zahnhygiene angesprochen worden. Und es stimmt: Wir denken in den Comics nicht darüber nach, wie die Überlebenden ihre Zähne pflegen. Natürlich gibt es bei uns Lücken. Neulich hat jemand auf Atomkraftwerke hingewiesen: Wenn die nicht gewartet werden und havarieren, geht die Welt noch einmal unter. Stimmt.

Ich habe die Stillszene auch rausgepickt, um über die unterschiedlichen Tabus zu sprechen, die in Amerika und in Europa herrschen.
Oho! Na, da haben Sie eins meiner Lieblingsthemen erwischt. Als Europäer bin ich voll auf Ihrer Seite, wenn es um die verrückten Tabus in Amerika geht. In den USA kann ich jede Art von Gewalt zeichnen. Waffen sind eine absolute Selbstverständlichkeit. Aber wenn ich eine nackte Brust zeichne, werde ich geteert und gefedert. Auch weil es die Verkäufe negativ beeinflusst. Die Doppelmoral ist krank. Ich will nicht zu kontrovers werden, aber ein Land, das in fast religiöser Ehrfurcht die Waffe hebt, jedoch eine öffentlich stillende Frau als Verbrechen an der Natur begreift, ist schräg. Natürlich betrifft mich das bei der Arbeit an „The Walking Dead“ – und ich lerne es immer mehr zu schätzen, dass die Leute in Europa Bilder von Sex und Gewalt mit den gleichen Vorbehalten oder mit der gleichen Offenheit betrachten.

Gab es Szenen, mit denen Sie sich selbst unwohl gefühlt haben?
Ein einziges Mal, und zwar bei einer Folterszene. Michonne, eine unserer zentralen Figuren, rächt sich dabei grausam am Gouverneur. Das ist einer der Schurken des Comics. Damals habe ich Robert Kirkman gesagt: Jetzt musst du mich wirklich überzeugen, das zu zeichnen. Alle anderen Szenen – der Tod von Glenn, der Schuss ins Auge von Carl, all diese oft wirklich blutigen Bilder muss man zeigen, weil hier der Schockeffekt zählt. Darauf kommt es bei den „Walking Dead“ an: dass die Geschichte immer und überall explodieren kann. Beim Gouverneur und Michonne war es anders. Ob Sie es glauben oder nicht, aber ich bin immer noch überzeugt: Was man nicht sieht, ist mächtiger als das, was man sieht. Ihr Vorstellungsvermögen hat Schlimmeres zu bieten, als ich zeichnen kann. Ob es um Filme oder Comics geht: Wenn das Monster gezeigt wird, ist es zu 99,9 Prozent eine Enttäuschung. Nehmen Sie „Alien“. Der Film ist großartig, aber er ist um so viel besser, solange man das Monster nur aus dem Augenwinkel sieht. Bei den Comics ist es genauso: Wenn das Blut eimerweise fließt, verliert es seine Wirkung.

Was hat Robert Kirkman auf all das geantwortet?
Er hat gesagt, dass wir Michonnes Rache sehen müssen – um zu begreifen, wie grausam und unmenschlich die Zombie-Welt sie hat werden lassen. Schreie hinter einer geschlossenen Tür hätten ihm nicht gereicht. Ich bin nicht religiös. Aber wenn wir an Jesus Verbot denken, Auge um Auge Rache zu üben, dann tut Michonne das Gegenteil; und damit ist sie genauso schlimm wie der Gouverneur, an dem sie sich rächt. In der Normalität wäre sie ein besserer Mensch, aber sie hat sich der brutalisierten Welt der lebenden Toten angepasst.

Das große Problem an der Folterszene ist ja, dass es einen Mann trifft, der für seine monströsen Verbrechen eine Strafe verdient hat. Die Konstellation rechtfertigt Folter.
Ein guter Punkt. Der Gouverneur ist ein absoluter Bastard, für den es keine mildernden Umstände gibt. Das macht sein Leiden akzeptabel. Das Folteropfer ist böse, und das mit einem großen B. Und die Frau, die ihn foltert, gehört zu den Guten. Wenn der Gouverneur ein komplexerer Charakter wäre, würde es den Wandel von Michonne schwerer verdaulich machen – und auch interessanter.

Diese Chance verpasst übrigens auch die Netflix-Serie „Marvel’s Daredevil“ – hier übt der Held auch gewalttätige Selbstjustiz, ohne dass es auch nur einmal einen Unschuldigen träfe.
Ah, bitte nicht mehr verraten! Ich habe gerade die erste Episode gesehen, und freue mich darauf, wie es weitergeht. Von allen Marvel-Serien ist „Daredevil“ die einzige, bei der ich das Gefühl habe, sie könnte was taugen. Allerdings muss ich zugeben, dass Daredevil auch einer meiner Lieblingscharaktere aus der Marvel-Welt ist.

Sie sind ein bekennender Lego-Fan; und Lego ist ein weiteres Unternehmen, das mit „Star Wars“ viel Geld verdient. Würden Sie gern mit einer „Walking Dead“-Edition von Lego spielen?
Ich bin ein massiver Lego-Fan und würde es lieben. Aber bedauerlicherweise wird es die „Walking Dead“-Box von Lego nie geben. Das müssen die Fans sich selbst bauen; und ich habe auch schon einige Lego-Zombie-Welten von Fans gesehen. Lego stellt jugendfreies Spielzeug für Kinder her und wird sich nie an Zombies ranwagen. Leider. Denn die Lego-„Walking Dead“-Edition würde vermutlich bedeuten, dass ich als Zeichner jederzeit eine Werkstour in Billund machen dürfte und ein Leben lang Gratis-Lego-Steine beziehen würde.

Der große Ruhm der „Walking Dead“ verdankt sich der AMC-Serie. Sind Sie daran irgendwie beteiligt?
Ich war ein paar Mal am Set. Mehr ist nicht nötig. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden – weil damit mehrere Monate meiner Jahresplanung belegt wären. Das hätte die monatliche Erscheinung der Comics gefährdet. Die Fernsehserie würde mir für nichts anderes mehr Zeit lassen. Aber das Leben bleibt nur mit Abwechslung schmackhaft; in den Arbeitspausen von „The Walking Dead“ möchte ich eins bestimmt nicht machen: mehr „Walking Dead“. Ich bin kein One-Hit-Wonder; ich möchte kreativ ausgefüllt sein.

Robert Kirkman lebt in Kentucky, Sie in England. Wie arbeiten Sie überhaupt zusammen?
Man muss heute nicht mehr im selben Land leben, um zusammenzuarbeiten. Es gibt Mails, Scanner, WLAN, Breitband-Anschlüsse. Wir skypen. Es ist leicht, auf Distanz miteinander zu arbeiten. Unser einziges Problem ist die Zeitverschiebung. Seine Morgen sind meine späten Nachmittage; und dann muss man auch noch im Blick behalten, ob er gerade in Kentucky oder in Kalifornien ist.

Kirkmans neue Serie „Outcast“ hat ein anderer Zeichner übernommen. Liegt das an Ihrem Drang nach kreativer Freiheit?
Ja. Ich hätte keine Zeit für eine zweite Serie. Robert und ich haben über neue Ideen gesprochen, aber zwischendurch möchte ich auch gern mit anderen Künstlern arbeiten. Robert genießt den Luxus, gleichzeitig mit unterschiedlichen Zeichnern zu arbeiten. Das wünsche ich mir auch. Und so gern ich mit Robert an einem zweiten Projekt arbeiten würde – wir müssen vorher erst „The Walking Dead“ zu einem Ende gebracht haben.

Das wird vermutlich nicht passieren, bevor sie selbst wandelnde Leichen sind.
Das trifft’s.

Sie machen nebenher auch andere Projekte. Was zum Beispiel?
Ich habe gerade mein zweites Langzeitprojekt gestartet. „Vampire State Building“, das im französischen Verlag Soleil erscheint. Soleil kooperiert mit Delcourt, dem französischen Verlag von „The Walking Dead“. Es ist also alles eine große Familie. Vor einigen Jahren habe ich für Soleil schon den Band „Breath of The Wendigo“ gezeichnet, und ich liebe die europäische Comic-Industrie.

Was ist, nach all den Jahren mit lebenden Toten, ihr letzter Wille: Wollen Sie dereinst beerdigt oder verbrannt werden?
Ich wollte schon immer verbrannt werden. Als nicht religiöser Mensch halte ich den Körper nur für ein Behältnis, das uns durchs Leben trägt. Wenn ich tot bin, bin ich tot. Es ist mir egal, was danach mit meinem Körper passiert. Sie können jedes einzelne Teil zu Forschungszwecken verwenden. Das kratzt mich nicht, selbst wenn am Ende nur noch ein Augapfel zum Verbrennen übrig bleibt.

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