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Interview Lothar de Maizière : „Uns trennt nicht mehr viel“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lothar de Maizière, erster und letzter frei gewählter Ministerpräsident der DDR, über 25 Jahre Einheit

von
erstellt am 03.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Lothar de Maizière war der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR. Über 25 Jahre Deutsche Einheit sprach Rasmus Buchsteiner mit dem CDU-Politiker.

War der 3. Oktober 1990, der Tag der Deutschen Einheit, für Sie ein Tag der Wehmut oder des Glücks?
De Maizière: Ich war erleichtert. Das war das vorherrschende Gefühl. Seit April 1990 hatte ich als Ministerpräsident die Verantwortung für 16 Millionen Menschen. Das war eine schwere Last. Die Stimmung in der DDR war von Unsicherheit geprägt. Die Wirtschaft lag am Boden. Ich hatte keinen Sicherheitsapparat, auf den ich mich verlassen konnte. Der Weg zur Deutschen Einheit war wie eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Insofern bin ich am 3. Oktober 1990 sehr zufrieden gewesen, diese Aufgabe gelöst zu haben.

Die DDR wurde „Beitrittsgebiet“ genannt. Manche sahen in der Wiedervereinigung eher einen Anschluss an die alte Bundesrepublik. Können Sie das nachvollziehen?
Im Artikel 23 des Grundgesetzes war ein Beitritt vorgesehen, kein Anschluss. Die Abgeordneten der Volkskammer kamen aus ihren Wahlkreisen jeden Montag mit der Frage zurück: Wann haben wir endlich die Deutsche Einheit? Sicherlich waren die Verhandlungen schwierig. Auf der einen Seite stand ein wirtschaftlich erfolgreiches System, auf der anderen Seite ein Land, das unbedingt Hilfe benötigte – das war die große Herausforderung. Ich war mir mit Wolfgang Schäuble, meinem Gegenüber am Verhandlungstisch, schnell einig, das keiner den anderen über Tisch ziehen kann. Uns war klar: Wir können die Aufgabe nicht meistern, wenn sich am Ende ein Teil des Volkes als Verlierer fühlt.

Und, ist das gelungen?
Ich hatte mir ein ganzes Paket mit Symbolthemen für den Osten vorgenommen. Das Wichtigste, was wir durchgesetzt haben, ist Berlin als Hauptstadt. Das ist gegen massiven Widerstand aus Nordrhein-Westfalen in Artikel 2 des Einigungsvertrags festgehalten worden. Mit einigen anderen Forderungen habe ich mich nicht durchgesetzt, zum Beispiel mit der nach einer anderen Nationalhymne oder der Verankerung weiterer Staatsziele. Das ist bedauerlich, denn mit größeren und sichtbaren Veränderungen wäre auch dem letzten Menschen im bayerischen Wald klar geworden, dass jetzt eine neue Zeitrechnung beginnt.

Woran haben Sie persönlich gespürt, wie tief die Zäsur von Wende und Wiedervereinigung war?
Für mich war das 1990 wie eine Befreiung. Wir haben geschafft, uns zu demokratisieren. Für mich persönlich war die Reisefreiheit nicht so wichtig. Aber in den Buchladen zu gehen und mir jedes Buch kaufen zu können, ohne zu hören, dass dieses oder jenes auf dem Index steht, hat mich glücklich gemacht. Das war ein Zugewinn an geistiger Freiheit. Das habe ich auch als Musiker gespürt. In der DDR gab es Komponisten, die wir nicht spielen durften, weil sie als formalistisch galten. Für mich war es furchtbar, vorgeschrieben zu bekommen, was ich lesen, spielen und denken sollte.

25 Jahre nach der Einheit – sind die Deutschen jetzt wirklich ein Volk?
Uns trennt nicht mehr viel. Für Studienanfänger von heute sind die DDR und die Teilung Deutschlands so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg. Sie empfinden sich auch als gesamtdeutsch. Meine Generation kommt nicht los von der Erinnerung an die DDR. Die Annäherung ist erfolgt. Anhaltiner und Niedersachsen sind sich wahrscheinlich heute näher als Bayern und Ostfriesen.



 

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