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15. Dezember 2017 | 13:01 Uhr

TV-Tipp : Und jetzt?

vom

Eine ernsthafte Krankheit machen die meisten Menschen mit sich selbst aus. Der Regisseur Joaquim Pinto geht sehr offen mit seiner um, wie seine Doku zeigt. Auch mit den bitteren Momenten.

svz.de von
erstellt am 07.Aug.2017 | 00:01 Uhr

«Ich heiße Joaquin. Mein Leben ist nicht außergewöhnlich» - mit diesen Worten beginnt der portugiesische Regisseur und Toningenieur Joaquim Pinto (60) ein filmisches Tagebuch über seinen Kampf gegen Aids. Sein Film heißt «Und jetzt?» und ist an diesem Montag (7. August, 23.25 Uhr) bei Arte zu sehen.

Pinto ist mit seinem Mann Nuno verheiratet und lebt mit ihm zusammen. Vor zwei Jahren fing er an, gute und schlechte Tage zu notieren, um nach einem Monat wieder aufzugeben - fast alle Tage waren schlecht. Seit mehr als zehn Jahren ist er HIV-positiv und leidet an chronischer Hepatitis.

Weil sie in Portugal nicht behandelt werden konnte, begann er 2011 eine experimentelle Therapie - in einem Krankenhaus in Madrid nahm er an einer klinischen Studie mit bewusstseinsverändernden Medikamenten teil. Die Infektion mit HIV beschleunigte den Prozess mitsamt heftiger Nebenwirkungen. Seine Zähne fielen teilweise aus.

Auch das ist im Film zu sehen, der ein Jahr aus Pintos Leben erzählt, das er als ein Jahr des Stillstands bezeichnet. Seine Notizen sind ziemlich durcheinander - so ähnlich, wie es in seinem Kopf aussehen mag.

Die Interferontherapie macht ihn träge und auch depressiv, die Gedanken sind völlig ungeordnet, er spricht sehr stockend und nahezu unverständlich. Dazu ist sein ausgemergeltes Gesicht zu sehen, dann wieder zeigt er Bilder von brennenden Wäldern - die es in Portugal jeden Sommer gibt - oder endlose Autofahrten über ebenso endlose Straßen.

Pinto berichtet von der Nelkenrevolution in Portugal (1974), von den ersten Kinobesuchen mit ungeschnittenen Filmen, zeigt Ausschnitte daraus, Fotos und Zeichnungen von ihm selbst. Es geht in seinem Film um das Bekanntwerden von HIV und Aids - auch mit vielen prominenten Toten -, von seiner Ausbildung zum Toningenieur, vom geplanten Umzug, dazu gibt es Bilder von dem Bauernhof, wo die beiden Männer mit drei Hunden leben. Alle diese Eindrücke überschneiden sich und machen dabei Pintos innere und äußere Erschöpfung noch sichtbarer.

Während Pinto im Bett liegt, beschreibt er minutiös diverse Schmerzen, die im Kopf anfangen und sich von dort durch den Körper ziehen, «wie mit einem Stift gezeichnet». Es sind sehr intime Einblicke in einen geistigen und körperlichen Verfall, den der Zuschauer aushalten muss, - auch, indem er sich durch unzählige Untertitel des Filmes mit Überlänge (165 Minuten) zu kämpfen hat.

Optimistisch solle Pinto bleiben, sagen die Ärzte - und dabei ist es für ihn, mit all den Schmerzen und existenziellen Sorgen, eine einzige Anstrengung, ein Zwang gar, am Leben zu bleiben - das natürlich doch außergewöhnlich ist.

Und jetzt?

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