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Interview Axel Ranisch : Tricks gegen die Flugangst

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie Schauspieler und Regisseur Axel Ranisch seine Großmutter zum „Filmstar“ machte und einen der außergewöhnlichsten „Tatorte“ drehte.

Obwohl schon 33, wird Axel Ranisch gern als „Wunderkind des deutschen Films“ bezeichnet. Außergewöhnlich ist er tatsächlich: Seine 89-jährige Oma machte er zum Filmstar, sein Alkoholikerfilm „Alki Alki“ ist für den Grimmepreis nominiert. Und am Sonntag zeigt er dem Publikum einen „Tatort“ wie es noch keinen gegeben hat – ohne Drehbuch, ohne Proben, mit jeder Menge Mundart und mehr Laiendarstellern als Profis vor der Kamera.

Herr Ranisch, Sie beschreiben sich gerne selbst als „das dicke Kind zweier Leistungssportler“.
Ich habe irgendwann gelernt, dass Angriff die beste Verteidigung ist.

War Ihnen die Körperfülle tatsächlich in die Wiege gelegt?
Ich weiß nicht, wer zuerst dick geworden ist – meine Eltern oder ich. Ich kam als Nesthaken hinterher, da waren meine Eltern schon um die 40. Irgendwie sind wir dann alle drei dick geworden. Ich sehe das auf Fotos: Bevor ich geboren wurde, waren alle immer schlank und schön und danach sind alle immer vollschlank und schön (lacht).

Und der Leistungssport?
Mein Vater war ja Trainer für Kunst- und Turmspringen, und nach meiner Geburt hat meine Mutter zu ihm gesagt: Den kriegste nicht. Er hatte es schon mit meinen beiden Schwestern probiert, aber das hatte zu Spannungen geführt, weil er das Training nicht in der Halle lassen konnte, sondern immer mit nach Hause genommen hat. Das wollte meine Mutter beim letzten Kind verhindern – bis sie merkte, dass das Kind immer breiter wurde. Da hat sie zu meinem Vater gesagt: Jetzt unternimm doch mal was.

Hat er?
Ja, wir haben es mit allem Möglichen versucht. Ich hab’s mit Eislaufen probiert, mit Turnen und Schwimmen, aber die längste und schlimmste Phase war Wasserball. Es ist irgendwie nie zu einer Liebe zwischen mir und dem Sport gekommen.

Weil Ihnen das Klavier lieber war?
Ja, mir war das Klavier lieber. Ich habe die klassische Musik ziemlich schnell für mich entdeckt, es allerdings versäumt, frühzeitig ein Instrument zu lernen. Als sich meine Berufswünsche dann Richtung Komponieren und Dirigieren verfestigten, habe ich gemerkt, dass ich da was ganz Wesentliches versäumt hatte. Ich habe mir dann autodidaktisch einiges beigebracht, das ist aber im Rahmen der Möglichkeiten steckengeblieben. Dennoch habe ich mit 16, 17, 18 ganz viel komponiert, bis ich erkennen musste, das das meine klassischen Vorbilder natürlich viel besser gemacht haben.

Und trotzdem hat es dazu gereicht, dass Sie später Opern inszeniert haben. Zum Beispiel an der Bayerischen Staatsoper in München.
Meinen ersten Film „Dicke Mädchen“ hat der Intendant der Bayerischen Staatsoper im Kino angesehen, nachdem er ein Interview mit mir im Radio gehört hatte. Daraufhin ist er auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich nicht mal eine Oper inszenieren möchte. Dabei kannte er nicht mal meine Affinität für klassische Musik.

„Dicke Mädchen“ bringt uns zu Ihrer Oma, der Sie in dem Film eine dicke Rolle gegeben haben und die dadurch quasi zum „Filmstar“ wurde.
Jetzt spielt sie sogar im „Tatort“ mit, in der zweiten Lena Odenthal-Folge, die ich gedreht habe. Im Film heißt sie Lieslotte Viardot und ist eine ehemalige Schauspielerin, die in den 50er und 60er Jahren große Erfolge gefeiert hat mit Tanzfilmen, die im Schwarzwald spielten. Jetzt bewohnt sie als 95-jährige Diva dieses etwas morbide Hotel, in dem wir gedreht haben.

Ihre Oma ist auch 95 – wie alt war sie, als sie ihren ersten Film gedreht hat?
Mit 89. Ich hab mir immer gewünscht, dass sie mal den Preis für die beste Nachwuchsschauspielerin kriegt, aber den Humor hat bisher leider niemand gehabt (lacht).

Wie haben Sie Oma denn dazu gebracht, sich mit 89 zum ersten Mal vor eine Kamera zu stellen?
„Dicke Mädchen“ war ja mein Diplomfilm, und wenn ein Enkel seine Oma fragt, ob sie ihm dabei helfen kann, sein Diplom zu bestehen, wird es kaum eine Oma auf der Welt geben, die nicht sofort sagt: Aber ja, mein Kind. Meine Oma ist eine gutgelaunte und repräsentative Frau, die mit ihrer positiven Lebenseinstellung viele Krisen bewältigt hat. Ich kannte immer schon diese unglaublich schönen Ballettfotos aus ihrer Jugend in den 20er und 30er Jahren. Sie wollte professionelle Balletttänzerin werden, doch dann kam der Krieg dazwischen. Ich hatte aber eigentlich immer schon das Gefühl: Diese Frau muss auf die Bühne oder vor die Kamera.

Das haben Sie wahrlich gut hingekriegt.
Ich hab neulich mal ihre Filmografie durchgezählt, mittlerweile sind es 18 Kurzfilme und 7 Langfilme, in denen sie mitgewirkt hat. Theater hat sie gespielt unter der Regie von Corinna Harfouch in Berlin, sie hat bei Dietrich Brüggemann mitgespielt, demnächst ist sie bei Ulrich Köhler dabei. Das gefällt ihr, sie sagt immer, dann sei sie unter jungen Leuten. Mein Opa ist vor 17 Jahren gestorben und was soll sie auch alleine zu Hause? Sie hat keine Angst, ist offen für alles und wenn ich mal panisch werde, bleibt meine Oma ganz ruhig (lacht).

„Dicke Mädchen“ hatte ja auch einen mittlerweile fast legendären Etat: 517,32 Euro.
Wir haben am Ende alles zusammengerechnet und sind auf genau 517,32 Euro gekommen. Das Geld haben wir für Frühstücksbrötchen, Sprit und Mini-DV-Kassetten ausgegeben.

Sie werden immer häufiger als „Wunderkind des deutschen Films“ beschrieben. Fühlen Sie sich so?
Ja und nein. Wunder könnte man dahingehend interpretieren, dass aus meiner Perspektive so viele Wunder geschehen und ich gar nicht begreifen kann, was so alles passiert. Zum Beispiel, dass „Alki Alki“ jetzt für den Grimmepreis nominiert wurde. Ich dachte immer, Künstler, Filmschaffende, Opernregisseure seien lauter vergeistigte Intellektuelle, und das bin ich ja nun überhaupt nicht. Ich bin eher ein wahnsinniger Bauchmensch und mache die Dinge mit sehr viel Freude.

Und jetzt läuft Ihr erster „Tatort“.
Auch so ein Wunder. Dabei habe ich es persönlich gar nicht so mit Krimis, sondern mag Familiengeschichten viel lieber. Das sieht man meinen Filmen ja auch an und das sieht man auch dem „Tatort“ an. Es hat sich einfach so ergeben: Die SWR-Spielfilmchefin Martina Zöllner hat zusammen mit Redaktionskollegen beim Fernsehfilmfest in Baden-Baden meinen Film „Ich fühl mich Disco“ gesehen. Die waren ganz fasziniert, haben mich daraufhin zu einer Redaktionssitzung eingeladen und mich gefragt, wie ich denn so drehe ohne Drehbuch und wie ich mit den Schauspielern arbeite. Am Ende der Sitzung sprach mir Martina Zöllner eine Carte blanche aus, dass ich mal was für den SWR auf dem ARD-Sendeplatz um 20.15 Uhr machen kann. Das fand ich unfassbar.

Und dann wurde es gleich der „Tatort“?

Wir haben erst mal einen Lokaltermin in Mannheim gemacht, weil der SWR da einen Stoff ansiedeln wollte. Am Abend gab’s dann Karten für das Mundarttheater Hemshofschachtel – in Ludwigshafen auf der anderen Rheinseite. Und das hat’s mir angetan: Diese Boulevardkomödie mit hinreißenden Pfälzern, alles Amateure, viele arbeiten bei BASF, andere sind Krankenschwester, Callcenter- und Versicherungsfachangestellte, einer ist Metzger. Das hat mich fasziniert, Martina Zöllner meinte auch, dass man mit diesem Theater mal was machen könnte und sagte dann: Vielleicht einen „Tatort“? Das war die Geburtsstunde von „Babbeldasch“

Und die eines der außergewöhnlichsten „Tatorte“ aller Zeiten
Vermutlich. Den Gedanken, mit einem ganzen Ensemble von Amateuren zu arbeiten, die dann auch noch ohne Drehbuch vor der Kamera improvisieren, und das mit der dienstältesten Kommissarin in Deutschland, den haben vorher wohl nicht so viele gehabt.

Sie haben noch was vergessen: So viel Mundart war auch noch nie im „Tatort“.
Stimmt. Außer unserem Ermittlerteam sind ja ausschließlich Laiendarsteller aus dem Mundarttheater dabei. Die mussten natürlich auch Mundart sprechen. Und noch etwas: Da wir – wie ich es immer mache – chronologisch gedreht haben, habe ich den Darstellern der Kommissare vorenthalten, wer der Mörder ist. Nur der Mörder wusste, dass er es ist (lacht).

„Tatort“ ohne Drehbuch stimmt ja dennoch nicht so ganz. Es gibt ja schon eine schriftlich formulierte Grundlage für den Film.
Ja und sogar einen richtigen Drehbuchautor: Sönke Andresen. Wir haben gemeinsam mit allen Darstellern die Geschichte erarbeitet. Ich nenne das am liebsten den Handlungsablauf, auf Neudeutsch sagt man Treatment dazu. Da steht relativ deutlich drin, was in jeder Szene passiert. Aber das Wie steht da nicht drin, es gibt keinerlei Regieanweisung und es gibt keine ausformulierten Dialoge. Beim „Tatort“ ist es ein bisschen mehr geworden als normalerweise. Bei „Dicke Mädchen“ waren es zweieinhalb Seiten, da standen dann so Sachen drin wie „Sven und Daniel fahren an einen See und haben Spaß“. Mehr nicht. Bei „Ich fühl mich Disco“ hatten wir zwölf Seiten, bei „Alki Alki“ waren es 20 und jetzt beim „Tatort“ sogar 26.

Wie haben Sie sich und Ihr Ensemble auf den Dreh vorbereitet?
Ich habe über ein Jahr hinweg in sieben Wochenend-Workshops mit den Ensemblemitliedern gearbeitet, dazu habe ich meinen Impro-Meister Peter Trabner als Coach mitgenommen. Zielsetzung war, dass die Ensemblemitglieder Figuren entwickeln, die dicht an ihnen dran sind, aber nicht sie selbst, damit sie Material haben, aus dem sie schöpfen können. Am Ende stand tatsächlich für jeden eine Figur, in der sich die Person wohlgefühlt hat.

Aber es gibt ja auch feste Figuren im Ludwigshafener „Tatort“.
Ja, und ich musste diese fünf festen Mitglieder des „Tatort“-Teams auch erst mal kennenlernen. Mit denen haben wir uns zu drei Workshops getroffen, bei denen ich herausfinden musste: Wer ist denn eigentlich diese Lena Odenthal? Wo kommt die her? Was hat die für Eltern? Was zeichnet sie aus? Hat die Hobbys? Dabei haben wir uns viele Fragen gestellt, die sich auch Ulrike Folkerts lange nicht mehr gestellt hat. Ich brauche das, denn wenn die Schauspieler improvisieren, müssen sie ja unheimlich viel mitbringen. Kein Schauspieler soll sich vorkommen wie eine Marionette, die nur das macht, was Drehbuch und Regisseur ihr vorgeben. Deswegen nenne ich mich auch lieber Spielleiter und nicht Regisseur.

Hat es Ihrem Verständnis füreinander gut getan, dass sowohl Ulrike Folkerts als auch Sie homosexuell sind?
Das weiß ich nicht. Aber das erste Treffen war sehr prägend für uns beide. Ich habe sie und ihre Partnerin einfach zum Essen zu uns nach Hause eingeladen. Mein Mann Paul, mit dem ich damals noch nicht verheiratet war, war auch dabei. Dann haben wir halt gekocht und einen sehr schönen Abend miteinander verbracht. Ulrike sagte: So habe ich noch nie einen Regisseur kennengelernt, normalerweise trifft man sich irgendwo in einem neutralen Café. Das Witzigste aber war, dass wir den ganzen Abend nicht über den Film gesprochen haben (lacht).

Jetzt ist Ihr zweiter Odenthal-„Tatort“ auch schon fertig. Wovon handelt er?
Unsere Kommissare haben ein Team-Teaching in einem Hotel verordnet bekommen, um sich mal mit sich selbst zu beschäftigen und zu klären, welche und warum es Spannungen gegeben hat. Und sie finden sich in einem sehr morbiden Schwarzwald-Hotel wieder, in dem sie auf einen unbearbeiteten Fall von vor 25 Jahren stoßen. Die seltsame Hotel-Belegschaft besteht aus einem schweigsamen, etwas aggressiven Mann, einer quirligen jungen Frau und der Diva, die von meiner Oma gespielt wird. Man könnte es eine improvisierte Melange aus „Shining“, „Fargo“ und „Der Knochenmann“ nennen. Auf jeden Fall ist er wesentlich thrilliger und gruseliger als „Babbeldasch“, ein schönes Gruselgemetzel im Schnee (lacht).
 

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