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23. September 2017 | 11:20 Uhr

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Ein Jahr nach dem Putschversuch der türkischen Armee ist die Türkei ein anderes Land. Mit einem Themenabend zeichnet der deutsch-französische Sender Arte Erdogans Weg zur Macht nach - und versucht, in die Zukunft zu schauen.

svz.de von
erstellt am 11.Jul.2017 | 00:01 Uhr

Ein Jahr nach dem Putschversuch des Militärs vom 15. und 16. Juli 2016 ist die Türkei nicht mehr dieselbe. Ein Riss durchzieht das Land, auf der einen Seite die Anhänger von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, auf der anderen Seite seine Gegner.

An diesem Dienstag widmet der deutsch-französische Sender Arte der Türkei unter Erdogan einen Themenabend.

Den Auftakt macht die Dokumentation «Erdogan im Rausch der Macht» (20.15 Uhr) der französischen Filmemacher Guillaume Perrier und Gilles Cayatte. Mit Originalaufnahmen und Interviews zeichnet der Film Erdogans Weg zur Macht nach. Frühere Wegbegleiter kommen zu Wort, heutige Gegner, wie der Prediger Fetullah Gülen, Journalisten oder der türkischstämmige Politiker Cem Özdemir (Grüne).

Archivaufnahmen zeigen einen um 20 Jahre jüngeren Erdogan, der als gefeierter Istanbuler Bürgermeister öffentlich aus dem islamistischen Gedicht «Göttliche Armee» zitiert, als 1997, nicht zum ersten Mal in der Geschichte, die Armee putscht. Es ist eine Drohung in Richtung der Putschisten, die ihn seines Amtes entheben und einsperren - ein Schlüsselmoment, urteilen Wegbegleiter. Nach der Haft sucht Erdogan die Nähe der einflussreichen Gülen-Bewegung. Er tritt für eine Annäherung an die EU ein, wird Ministerpräsident. Große Bauprojekte werden zum Kennzeichen seiner Macht.

Die niedergeschlagenen Proteste im Gezi-Park, die Sperrung des Kurznachrichtendienstes Twitter, als dort Tonaufnahmen auftauchen, die angeblich Korruption in Erdogans Umfeld beweisen; der Kampf gegen kritische Medien, missliebige Staatsanwälte und Armee: Perrier und Cayatte zeigen den Putschversuch von 2016 als Endpunkt einer Polarisierung, nach der es nur noch ein Dafür oder ein Dagegen gibt, und in der die Entscheidung, dagegen zu sein, Konsequenzen hat. Neun Monate danach spaltet das Referendum über ein Präsidialsystem, das Erdogan weitreichende Vollmachten einräumt, selbst türkische Exilgemeinden in jene, die dazugehören und jene, die in Erdogans Türkei nicht erwünscht sind.

Den Verstoßenen begegnen die Journalisten Katja Preiß und Can Dündar in «Exil Deutschland - Abschied von der Türkei» (21.15 Uhr). Dündar ist selbst betroffen. Nach einem Bericht über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Dschihadisten in Syrien lässt Erdogan den damaligen Chefredakteur der «Cumhuriyet» und den Hauptstadtkorrespondenten Erdem Gül anzeigen.

Seitdem am Tag der Urteilsverkündung in Istanbul vor laufenden Kameras auf ihn geschossen wurde, habe er vor nichts mehr Angst, erinnert sich Dündar an ein Attentat vor dem Gerichtsgebäude. Rund zwei Stunden später fällt die Entscheidung: Dündar soll für fünf Jahre und zehn Monate wegen der Veröffentlichung geheimer Dokumente ins Gefängnis. Der Hauptstadt-Büroleiter, Erdem Gül, für fünf Jahre.

Dündar zieht nach Berlin, wo er mit Hilfe des Recherchezentrums «Correctiv», die Enthüllungsplattform «Özgürüz» gründet (deutsch: «Wir sind frei»). «Es ist eine Hoffnung, dass sie uns nicht stoppen können», erklärt Dündar die Namenswahl. Denn auch in Berlin wirkt die Kampagne Erdogan-naher Medien, die Dündar als Terroristen und Staatsfeind brandmarken. Er fahre nicht mehr Taxi, weil ihm dort Gefahr drohe. Viele türkische Taxifahrer der Hauptstadt hassten ihn.

Als Dündar einen befreundeten Regisseur trifft, wollen dessen Schauspielschüler nicht mit ihm vor der Kamera stehen. Sie fürchten, in der Heimat sonst keine Aufträge zu bekommen. Einmal taucht ein türkischer Fernsehreporter vor den Özgürüz-Redaktionsräumen auf. Er nennt die Adresse, erzählt, wie man das Gebäude erreicht. «Es ist legal, uns zur Zielscheibe zu machen», kommentiert Dündar.

Gibt es einen Weg zurück zur Demokratie und Meinungsfreiheit in der Türkei? Diese Frage stellt der Film «Türkei: Ringen um Demokratie» (22.10 Uhr). Für die Dreharbeiten hat Filmemacher Imre Azem den Journalisten Fatih Polat, die ehemalige Dozentin Gül Köksal, den Aktivisten Deniz Özgür und die Anführerin der Proteste gegen ein Einkaufszentrum im Istanbuler Gezi-Park 2013, Mücella Yapici, ein Jahr lang begleitet. Sie legen Zeugnis ab über die Gegner des Präsidialsystems und deren Kampf um Anerkennung und Demokratie - Ausgang ungewiss.

BPB - Istanbul Kulturhauptstadt Europas 2010

Auswärtiges Amt zu türkisch-deutschen Beziehungen

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