Flüchtlingsdrama : «Stoppt die Boote!»: Wenn ein fiktiver Film Realität wird

Mit seinem enuen Film kommt der italienische Regisseur Andrea Segre der Realität ganz nah. Jolefilm
Mit seinem enuen Film kommt der italienische Regisseur Andrea Segre der Realität ganz nah. Jolefilm

Man könnte meinen, er hat es alles kommen sehen. Obwohl die Handlung des neuen Films des italienischen Regisseurs Andrea Segre fiktiv ist, ist sie der europäischen Wirklichkeit in der Flüchtlingskrise näher, als der Filmemacher selbst gedacht hätte.

svz.de von
08. September 2017, 13:23 Uhr

Ein Regisseur konzipiert einen Film. Beginnt mit den Dreharbeiten. «Und nach und nach habe ich verstanden, dass das, was wir uns ausgedacht haben, wirklich passierte», sagt Andrea Segre.

Der Italiener erzählt in seinem Film «L'ordine delle cose» («Die Ordnung der Dinge»), wie die Regierung in Rom den Flüchtlingsstrom aus Libyen nach Europa zu stoppen versucht. Der Streifen feierte beim Filmfest in Venedig Premiere und läuft seit Donnerstag in den italienischen Kinos. Das Timing könnte nicht besser sein: Seit einigen Wochen kommen deutlich weniger Migranten in Italien an - was auch auf das verstärkte Engagement der italienischen Regierung in Libyen zurückgeführt wird.

Doch wer sind die Menschen, die versuchen, im Dienste des Staates Menschen auf der anderen Seite des Mittelmeeres von der Flucht nach Europa abzuhalten? Von dieser Frage war Segres Arbeit getrieben. «Wir sprechen immer über irgendwelche Vereinbarungen, aber wer sind die Menschen, die versuchen, sie umzusetzen, die ein Haus, eine Familie haben und nach Libyen fahren, um diese Dinge zu tun?» Segre traf inkognito mehrere Staatsbedienstete und kreierte aus den Informationen seinen Protagonisten Corrado Rinaldi (Paolo Pierobon): Funktionär des italienischen Innenministeriums, spezialisiert auf internationale Missionen gegen die illegale Migration. Er ist es, der in dem Film für den Minister eine Lösung in der Flüchtlingskrise finden muss.

«Wir wollen, dass ihr die Boote in libyschen Gewässern stoppt!», «Wir können die Menschen erst an der Abfahrt hindern, wenn in den Lagern menschenwürdige Zustände herrschen», «Ich habe keine Zeit mehr» - es sind nicht nur Zitate, die den Film mehr als Dokumentation denn als Fiktion erscheinen lassen. Bilder von zusammengepferchten Menschen in Zellen von Gefangenenlagern in Libyen kommen denen nahe, die Journalisten in dem Bürgerkriegsland machen. Milizen, die die Lager mit Waffengewalt kontrollieren, Funktionäre der libyschen Küstenwache, auf die die italienische Regierung Druck ausübt und die sich selbst in der Schmuggelwirtschaft die Hände schmutzig gemacht hat. All das scheint ein realer Ausschnitt aus dem chaotischen Gefüge in dem Bürgerkriegsland zu sein, in dem sich das Schicksal für Italien und Europa in der Migrationskrise bestimmt.

Im Laufe der Geschichte gerät der Funktionär und Familienvater in einen Rollenkonflikt: Er trifft in einem Gefangenenlager eine junge Frau, Swada (Yusra Warsama) aus Somalia, die ihn eindringlich um Hilfe bittet. Sie gibt ihm eine SD-Karte mit persönlichen Dateien - Rinaldi kontaktiert sie später noch einmal, die beiden skypen, als Swada kurz davor ist, in ein Boot in Richtung Europa zu steigen.

«Um diesen Job zu machen, ist die Regel Nummer eins: Lerne die Menschen nicht kennen, behandele sie wie Nummern», sagt Segre. Alle Menschen, mit denen er für seine Recherche gesprochen habe, seien von dieser Strategie wie besessen gewesen. «Das zeigte sich in ihren Augen, ihren Händen, ihrem Körper.» Doch die Figur Rinaldi lässt Nähe plötzlich zu - und ist bereit, einen Schritt zu weit zu gehen.

Würde der in Tunesien und auf Sizilien gedrehte Film nicht so gut in die soziale Realität passen, wäre er sicher um Längen nicht so stark. Fraglich ist auch, ob die Italiener in Libyen wirklich so viel zu sagen haben, ob sie von skrupellosen Kriminellen zum Beispiel so geachtet werden, wie der Film suggeriert.

Doch der Film zeige, was gestern passiert sei, was heute passiere und was in der Zukunft passieren wird, sagte der aus Eritrea stammende Priester Mussie Zerai, der für sein Engagement für Flüchtlinge bekannt ist. Und aus Sicht der ehemaligen italienischen Außenministerin Emma Bonino kann Segres Arbeit helfen, das Bewusstsein für das zu schärfen, was derzeit in Europa passiert.

Biennale Venedig zu L'Ordine delle cose

Trailer des Films

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