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Wochenend-Interview: Lilo Wanders : Sex ist in jedem Alter schön

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lilo Wanders über das Älterwerden, ihr neues Programm und den Kiez

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 16:00 Uhr

Schon dieser erste Satz ist schwierig: Ihn als Kult-Diva zu bezeichnen mag er gar nicht, eine Diva sei göttlich, und genau das sei er nicht. Aber halt, müssen wir nicht die weibliche Form benutzen? Es geht um Lilo Wanders und das ist eindeutig eine Frau. Aber dahinter steht ein Mann: Ernie Reinhardt, ein 61-Jähriger, der eine klassische Hamburger Karriere hinter sich hat. Von der unbekannten Schwulen-Theatergruppe ins Fernsehen und als Lilo Wanders zu einer schrägen Sex-Therapeutin, die nach eigenem Glauben in den Betten des Landes einiges verändert hat. In den vergangenen Jahren ist es stiller um Lilo Wanders geworden, die aber keinesfalls still ist, wie ihr aktuelles Bühnenprogramm zeigt.

Entschuldigen Sie erst einmal diese Frage: Mit wem rede ich eigentlich: Mit Lilo Wanders oder Ernie Reinhardt?
Immer mit Lilo Wanders. Ich habe keine Ahnung, wer der andere sein soll. Ich könnte es auch so formulieren: Aus der Sicht von Lilo Wanders gibt es keinen Ernie Reinhardt.

Aber wenn Sie nicht als Lilo Wanders unterwegs sind, gehen Sie auf die Herrentoilette?
Ja, klar, am liebsten auf die Behindertentoilette, weil die meistens frei ist.

Sie haben ein neues Programm, und das heißt „Endlich 60 – gaga, geil und gierig.“ Gaga, geil und gierig werte ich nicht als Überraschung, aber dass sich einer auf die Sechzig freut, ist ungewöhnlich.
Das ist auch ein Ausdruck einer Trotzhaltung. Eigentlich ändert sich ja nichts mit 60. Da fällt ja keiner in einen Abgrund und muss sich vom bisherigen Leben verabschieden. Gut, man braucht für alles eine Brille, und die Falten werden ausgeprägter…

…was einen Man ja interessant macht, aber die Frauen nicht unbedingt attraktiver.
Ich bitte Sie. Viele Frauen sind auch im Alter attraktiv. Schauen Sie sich doch mal die jungen Dinger an. Da ist doch bei mancher wenig Attraktives dran. Ich sehe das sehr gelassen. Zumal die Frauen meistens nicht in das große Loch fallen, was die Männer haben, wenn sie in Rente gehen. Wobei mich auf der Bühne natürlich mehr die komischen Seiten des Älterwerdens interessieren.

Komisch? Ist das nicht eher tragisch?
Nein, die Alternative wäre doch der Tod. Das ist schon komisch, wenn man als fideler Mensch plötzlich Angebote für Treppenlifte bekommt. In einer Raststätte hat mir einer einen Seniorenteller angeboten, andere fragen, wie lange ich noch machen will. Oder sie sagen, bald kannst du ja machen, was du schon immer machen wolltest.

Damit sind wir bei Ihrem Lieblingsthema: Ist Sex im Alter verpönt?
Also, bitte. Sex ist doch in jedem Alter schön. Und mal ehrlich, im Alter wird das noch unkomplizierter. Da kann man sich schon mal eine Affäre leisten, ohne gleich eine Beziehung haben zu müssen. Wobei ich an dieser Stelle auf der Bühne immer auch gerne eine meiner Lebensweisheiten verbreite: Es ist ja nicht zu leugnen, dass irgendwann sich auch im Gesicht die Schwerkraft bemerkbar macht und die Mundwinkel nach unten gehen.

Deswegen müssen wir uns in diesem Alter bemühen, betont freundlich und fröhlich zu sein. Das sieht besser aus und ist gesund. Beim Lachen werden Hormone frei, die einfach glücklich machen.

Wie oft steht Lilo Wanders noch auf der Bühne?
Oft, das sind bis zu 100 Veranstaltungen im Jahr, und das abseits vom Fernsehen. Meine Sendung „Wahre Liebe“ liegt jetzt schon 13 Jahre zurück, aber mir hilft, dass ich schon immer auf der Bühne stand. Ich habe mit Kabarett angefangen und werde wohl auch mit Kabarett irgendwann einmal aufhören. Ich habe mein Publikum, aber schon das kleine Problem, das alle auf der Bühne haben, denn die jungen Leute gehen nicht mehr ins Theater. Wer jünger als 27 ist, kann mit mir nichts mehr anfangen.

Dabei könnten Ihre Tipps zur Sexualität auch für die hilfreich sein. Hat Lilo Wanders als die Aufklärerin der Nation in deutschen Betten etwas verändert?
Davon bin ich überzeugt. Da gibt es vor allem eines, was ich geradezu missionarisch gerne verbreite: Das wichtigste Organ sitzt zwischen den Ohren. Ich meine das Hirn, gekoppelt mit dem Mund. Sie müssen im Bett reden, reden, reden. Sagen, was gefällt, sagen, was nicht gefällt. Wünsche, Gefühle. Das ist wichtig, und ich glaube, das habe ich den Leuten vermitteln können. Wer mich im Fernsehen gesehen hat oder auf der Bühne erlebt, müsste zu der Erkenntnis kommen, holla, wir können uns auch mal über Sex unterhalten. Sex ist was Schönes, Sex macht Spaß.

Sie kommen vom Kiez…
Jein. Eigentlich war das Zufall, wir waren als freie Theater- und Kabarettgruppe „Familie Schmidt“ jahrelang mit unseren Programmen unterwegs und suchten eine Spielstätte, weil wir nicht mehr reisen wollten. Und dann hatten Corny Littmann und ich die Idee, ein Theater auf der Reeperbahn zu gründen. Der Kiez lag Ende der 80er-Jahre am Boden, und wir waren mit dem Schmidt-Theater zur rechten Zeit am rechten Ort. Da war nichts mehr los. Die Aids-Katastrophe hatte die Freier verscheucht, und mit dem Einzug der Videorekorder in die Privathaushalte konnte sich jeder seine ferkeligen Filme zu Hause im Wohnzimmer anschauen. Auf dem Kiez war tote Hose, und wir kamen da genau richtig mit dem Schmidt-Theater.

Warum sind Sie aus dem Schmidt-Theater ausgestiegen?
Sagen wir es so: Einer von uns beiden war eifersüchtig.

Ist die Freundschaft zu Corny Littmann zerbrochen?
Ach, wir grüßen uns freundlich, aber ich trete in den Häusern des Schmidt-Konsortiums nicht auf.

Sie sind aber weiter auf dem Kiez aktiv?
Mit Führungen, wenn auch reduziert, also nur noch im Sommer, weil ich da einfach weniger Bühnen-Engagements habe. Das macht echt Spaß, mit so einer Truppe über den Kiez zu marschieren und aus vierzig Einzelpersonen aus ganz Deutschland in zwei Stunden eine Gruppe zu formen.

Die Touristen wollen doch bestimmt bei den Reeperbahn-Führungen den Kiez als Rotlicht-Bezirk erleben, den es so aber doch nicht mehr gibt.
Zumindest nicht mehr so, wie das einmal war. Mit dem Safari ist das letzte Etablissement geschlossen worden, in dem es noch Sex-Live-Shows auf der Bühne gab. Es stimmt schon, dass viele etwas Anzügliches sehen oder hören wollen. Ich mache da ein buntes Programm, erzähle viel über die Kiez-Geschichte, über mich. Das ist so ein bisschen Volkshochschule mit Anzüglichkeiten. Es gibt schon noch interessante Ecken, aber halt leider auch die unangenehmen Seiten…

Sie meinen jetzt aber nicht die Nutten und Zuhälter, die gab es doch immer.
Nein, wir sprechen doch über die Veränderungen auf dem Kiez. Und da hat sich einerseits vieles positiv verändert: Die Theater-Meile, das Operettenhaus, das zieht viel Publikum an. Es gibt gute Diskotheken, auch gute Restaurants. Doch der Gesamteindruck ist ein anderer geworden. Da ziehen Horden unter der Rubrik Junggesellen-Abschiede betrunken durch die Straßen, getoppt nur noch von den Junggesellinnen-Abschieden. Da liegen 15-jährige Kinder besoffen auf der Straße, die aber nicht vom Kiez kommen. Die sind aus gutbürgerlichen Familien und lassen einfach die Sau raus.

Mit Getränken, die sie sich vorher am Kiosk gekauft haben. „Kioskisierung“ nennen das die Kritiker des Vorglühens.
Richtig, das ist ein großes Problem, weil die Gaststätten darunter leiden und alteingesessene Wirte aufgeben müssen, weil sich die Jugend den Sprit in den Kiosken billig besorgt, aber in den Kneipen und Discos dann Spaß haben will.

Würden Sie noch von der Amüsiermeile Kiez sprechen?
Aber immer. Amüsieren können Sie sich auf allen Ebenen. Voyeurismus ist immer dabei, es gibt Kultur in den Theatern, es gibt Discos, es gibt den Spielbudenplatz mit seiner Open-Air-Bühne, und es gibt immer noch Traditionskneipen in den Seitenstraßen, mit interessantem Volk aus allen Schichten.

Na, dann bitte mal ein Geheimtipp von Lilo Wanders.
Da fällt mir doch gleich das „Crazy Horst“ ein, eine legendäre Kiez-Bar in der Hein-Hoyer-Straße. Das ist eine witzige Kneipe, in der man auch noch rauchen darf, was mir immer wichtig ist.

Ich hätte jetzt eher mit der „Ritze“ gerechnet.
Nein, das ist eher ein touristisches Lokal. Bisschen Ruhm von gestern. Aber ich muss jetzt aufpassen, dass ich nicht das Gefühl vermittle, früher war alles besser. Früher war nicht alles besser, früher war es anders. Wer heute mit offenen Augen und gut gelaunt über den Kiez geht, kann sich immer noch blendend amüsieren.

Fehlt Lilo Wanders die Fernseh-Präsenz?
Es wäre eine Lüge, wenn ich jetzt Nein sagen würde. Ja, es geht mir gut, ich bin noch gut im Geschäft, ich kann mich nicht beklagen. Ich bin nicht reich, aber schuldenfrei. Aber natürlich heißt Fernsehen auch immer mehr Publikum und letztlich mehr Gage. Ablehnen würde ich das nicht.

Schade eigentlich.
Warten wir mal ab…

Lilo Wanders ist nie als politische Person aufgetreten. Liege ich falsch, wenn ich Lilo Wanders den Alt-Achtundsechzigern zuordnen würde?
Für 68 war ich zu jung und für Punk zu alt. Aber ja, ich war immer kritisch und sehe auch die Entwicklungen kritisch.

Was gefällt Ihnen nicht?
Vor allem die Abkehr von der sozialen Marktwirtschaft, hin zum Raubtierkapitalismus. Viele Menschen fühlen sich abgehängt, viele sind es tatsächlich, aber der Großteil weiß gar nicht mehr, wie gut es uns wirklich geht und wie freiheitlich wir leben.

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