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Lotto King Karl im Interview : Sein Streben nach „Weißheit“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kult-Hamburger Lotto King Karl bedient viele Männerklischees, kann aber gut waschen.

Musiker, Geschwindigkeits-Junkie, Stadionsprecher des HSV: Lotto King Karl ist Kult in Hamburg. Im Interview spricht der 49-Jährige über seine Liebe zur Hansestadt, seine Koch- und Waschkünste und warum er Castingshows nicht leiden kann.

Sie sind eingefleischter Hamburger. Ihre Liebe zur Stadt haben Sie in dem Lied „Hamburg, meine Perle“ verewigt. Gibt es auch etwas an der Stadt, was Sie nervt?
Klar. Es gibt keinen Ort, an dem nicht irgendwas nervt. Das ist mal dieses und mal jenes. Ich weiß zum Beispiel, dass ich einige Straßen in Hamburg zu bestimmten Zeiten nicht lang fahren sollte, weil dann eben Berufsverkehr ist. Das ist dann halt so. Es ist aber nicht wirklich schlimm.

Welche Stadt kommt in Ihrer Sympathieskala hinter Hamburg?
Ich bin sehr viel in London. Das ist eine super Stadt. Aber New York finde ich noch besser, weil die Stadt so weit weg ist. Da kann man auch nicht so oft mal eben zwischendurch hin. Durch meine Bundeswehrzeit bin ich auch viel in Deutschland herumgekommen, vor allem im Norden. Das ist zwar schon 30 Jahre her, aber in vielen Städten, in denen ich damals war, kenne ich mich dadurch immer noch gut aus, wie zum Beispiel Bremerhaven. Mir gefallen viele Ecken. Ich bin mit der Band oftmals in Deutschland, Österreich oder der Schweiz unterwegs. Da lernt man eine Menge kennen und schätzen. Aber Hamburg ist meine Heimat. Die Stadt ist wie eine Familie für mich.



Sie haben Ihre Bundeswehrzeit angesprochen: Bei Soldaten geht es häufig um Disziplin – eine Eigenschaft, die man nicht automatisch Rockmusikern zuschreiben würde. Hat Ihnen die Zeit bei der Bundeswehr für Ihre Karriere geholfen?
Es gibt einige Dinge, die mich sehr geprägt haben. Es geht um Loyalität, sich selbst zu motivieren und auf den Punkt genau da zu sein. Das erwarte ich auch von den Leuten, mit denen ich arbeite. Das ist aber bei einer Band dieser Qualität kein großer Akt. Natürlich hat mich bei der Bundeswehr auch vieles genervt. Aber mir hat die Zeit eigentlich nicht geschadet.

Sie haben in einem Interview gesagt, Hamburg sei die Champions League für Musiker. Wie meinten Sie das?
Es gibt hier eine bestimmte Qualität und Quantität von Unterhaltung, die man woanders nicht so schnell etablieren kann. Hamburg hat einfach schon sehr viele herausragende Musiker herausgebracht. Udo Lindenberg steht natürlich über allem, es gehört auch Marius Müller-Westernhagen dazu, der in Hamburg richtig durchgestartet ist. Nicht zu vergessen Jan Delay und Deichkind. Ich finde einfach, dass Hamburg eine starke Clubszene hat. Das heißt dann immer, dass sich Qualität auch durchsetzt.
 

Ihr Vater war Bankangestellter, Ihre Mutter Hausfrau. Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie gesagt haben, Musiker werden zu wollen?
Es war ja zunächst so eine Art Gag-Geschichte. Ich habe sie relativ spät eingeladen, mal zu einem Konzert zu kommen. Meine Eltern sind nicht die Leute, die man in einen Musikclub schicken kann. Ich glaube, das erste Konzert haben sie vor 16 Jahren im Stadtpark in Hamburg gesehen, wo es natürlich schon ein bisschen komfortabler war. Wenn die Eltern ein bisschen älter sind, ist es besser, sie nicht in einen verrauchten, harten Club zu stellen. Aber sie finden meine Musik gut, meine Mutter ist sogar sehr textsicher.

Vor jedem Heimspiel des HSV schmettern Sie das Lied „Hamburg, meine Perle“. Gab es mal einen Moment, in dem es Ihnen besonders schwergefallen ist, das Lied vor einem Spiel zu singen?
Das Lied zu singen fällt überhaupt nicht schwer, weil es auch so ein Moment ist, an dem wir alle im Stadion versuchen, sehr eng zusammenzurücken. Da sammeln sich alle ein bisschen. Aber natürlich ist es so, dass im Laufe der elf Jahre, in denen ich Stadionsprecher bin, sehr unterschiedliche Eindrücke passiert sind. Es ist natürlich eine andere Grundstimmung, wenn du das Lied in der Champions League spielst oder im Abstiegskampf. Sicherlich waren die Relegationsspiele sehr schwierig für uns alle, weil du ins Stadion gehst und dir denkst, du weißt gar nicht, wer von den Leuten, denen du gerade die Hand gibst, am Ende des Tages seinen Job noch hat.

Welches Gefühl gibt es Ihnen, vor ausverkauftem Haus im Stadion das Lied zu singen?
Im Stadion geht es vor allem darum, die Fanshow zu machen. Wir machen das unter technisch sehr wackligen Bedingungen. Das, was wir im Stadion beim HSV haben, ist eigentlich selbst für eine Mittelstufendisco in einer sehr kleinen Schule äußerst wackelig. Wir kriegen das ganz gut hin. Wir können den Song. Es gehen aber auch manchmal Dinge schief. Wir sind da oben ganz alleine. Wenn da irgendetwas kaputtgeht, dann stehen wir da alleine auf dem Kran. Aber es gibt eben auch so Momente, wie zum Beispiel diese beiden Relegationsspiele, wie das erste Mal nach dem Tod von Hermann Rieger, die dann sehr emotional und bewegend sind.

Sie gelten als Geschwindigkeits-Fanatiker und nehmen häufiger an Kart- oder Autorennen teil. Was gibt Ihnen der Tempo-Rausch?
Nick Mason von Pink Floyd hat mal sinngemäß gesagt: „Wenn du in einem Rennen bist, den Helm auf dem Schädel hast, hast du vielleicht noch Boxenfunk. Aber eigentlich hast du vor allen Dingen das: Du hast dich, deine Leistung, dein Auto, dein Fahrzeug, kein Management, keine Plattenfirma, kein irgendwer, der dich anruft, der dich mit irgendwas nervt, sondern du musst das jetzt hinkriegen.“ Das ist eine Einstellung, die ich sehr gut finde.

Und wie halten Sie es mit den Verkehrsregeln? Sind Sie schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten?
Ich habe tatsächlich null Punkte in Flensburg. Ich glaube, dass ich dazu in der Lage bin, mich auf eine hohe Geschwindigkeit lange Zeit konzentrieren zu können. Einige Menschen können das nicht, die sollten das auch nicht machen. Ich komme offenbar mit Geschwindigkeit ganz gut klar und ich bin in der Lage, vieles auszublenden, und das ist das, was ich daran mag. Es geht für mich gar nicht so sehr darum zu sagen: „Ich war jetzt soundso schnell.“ Schnell sein zu wollen heißt auch, wirklich einen großen Respekt vor den Grenzen zu haben.

Fußball, schnelle Autos: Das klingt alles nach typischen Männerklischees. Welche Eigenschaften, die man für gewöhnlich mit Männern assoziiert, haben Sie nicht?
Ich bin ein mittelmäßiger Handwerker. Dafür kann ich gut Wäsche waschen. Als Musiker ist man ja häufig längere Zeit am Stück unterwegs. Dann ist es halt manchmal so, dass ich mal drei bis vier Tage hardcoremäßig viel waschen, meine Klamotten zusammenlegen und dann zum Trocknen hängen muss. Manchmal habe ich das Gefühl, in meiner DNA ist auch ein chinesischer Wäschereimitarbeiter, der sich sagt „Ich kriege das Weiße aber auch gut weiß“. Irgendjemand muss meine Klamotten ja waschen. Also mache ich es. Ich weiß, dass ich mit der Liebe zum Fußball und zu schnellen Autos einige Männerklischees bediene. Andererseits habe ich keinen Stress damit zuzugeben, dass ich viele Sachen gar nicht kann. Ich kann zum Beispiel überhaupt nicht gut kochen.

Sie gelten als Gegner von Castingshows. Warum?
Die Leute glauben ja immer noch, dass es dabei um Musik geht. Das ist natürlich Quatsch. Es geht um Fernsehen, sonst würde man das abseits vom Fernsehen machen und nachher sagen „Guck mal, er hat gewonnen. Wie geil ist er denn bitte?“ Das tut ja keiner. Bei solchen Formaten werden viele Wegwerfsachen produziert, bei denen Talente verheizt werden. Wenn du deine Schnauze dann ein paar Mal in die Öffentlichkeit gehalten hast, musst du dann auch mit sehr viel Neid und Missgunst leben. Und dann entscheidet die Plattenfirma plötzlich, dass sie auf eine andere Band setzt, weil sie damit mehr Geld verdienen kann. Für den Künstler ist das dann total schlecht. Er wird verheizt, auch wenn er viel Talent hat.

Sie haben im Jahr 2000 am deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest teilgenommen. In den vergangenen Jahren schnitt Deutschland nicht besonders gut beim ESC ab. Wird es für Sie Zeit für ein Comeback beim Wettbewerb?
Der ESC driftet in eine Richtung ab, bei der es darum geht, welcher Musiker oder welche Plattenfirma am lautesten trommelt. Wir möchten nicht zu diesem Apparat gehören. Wenn da so viel Show drumherum ist, ist das nicht so unser Ding, weil wir dafür einfach eine zu alte Band sind. Wir sind da auch Realisten. Es fängt damit an, dass man nur mit sechs Leuten auf die Bühne darf, wir sind aber acht. Wenn es nur um das Drumherum geht, was sollen wir denn erzählen? Die Enkeltöchter unseres Saxofonisten gehen jetzt zur Schule. Das will aber keiner hören.

Was sollte sich ändern beim ESC?
Ich fände es gut, wenn beim ESC-Vorentscheid gestandene Musiker und interessante Newcomer wären. Das ist auch das, was Stefan Raab mit dem Bundesvision Song Contest erreicht hat. Stefan hat einfach eine klasse Fernsehshow produziert und auch viel Qualität versammelt. So etwas müsste es mal wieder geben, ohne diesen ganzen Kram am Rande.

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