zur Navigation springen

Interview Heinz Strunk : „Schriftstellerei ist immer schwer“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Autor Heinz Strunk verrät, warum er Inspiration für ganz dünnes Eis hält und kein autobiografisches Buch mehr schreiben wird.

svz.de von
erstellt am 16.Sep.2017 | 10:00 Uhr

An einem verregneten Vormittag in Hamburg räumt Heinz Strunk ein Keyboard von seinem Couchtisch. Er war in die Arbeit vertieft. Warum er selten eine Pause macht und was er mit Jürgen, dem Protagonisten seines aktuellen Romans, gemeinsam hat, verrät er im Interview.

Herr Strunk, Sie haben mal gesagt, der Erfolg löst nicht alle Probleme ...
Nein, gar nicht. Ich kann von mir sagen, es bleibt eigentlich immer gleich. Es gibt einen schönen Satz, der lautet: „Der Mensch kommt fertig gestimmt zur Welt“. Geld und Erfolg ändern wenig daran, in welchem Ausmaß jemand mit Lebensfreude ausgestattet ist. Und das ist gut so. Es bedeutete ja sonst, dass die ganzen armen Willis, wie Jürgen, automatisch unglücklich sein müssen.

Wie sieht für Sie ein glücklicher Tag aus?
Idealerweise bei gutem Wetter eine Radtour zu unternehmen oder einen Ausflug mit meinem Wagen die Dove-Elbe hoch, auf der südlichen Seite, und wieder zurück. Aber das habe ich dieses Jahr bisher nur ein einziges Mal geschafft. Anderen Leuten fällt es schwer, zu arbeiten, mir fällt es schwer, locker zu lassen. Dabei kann ich es mir ja eigentlich erlauben, ich leide keine Not, bin meinem Pensum weit voraus und könnte eigentlich mal länger gar nichts machen. Aber das geht irgendwie nicht. In diesem Sommer habe ich praktisch durchgearbeitet, das hatte ich anders geplant.

Das heißt, Sie wollen sich dann bald mal eine Auszeit nehmen?
Ja, aber ich wüsste nicht, wann das sein soll. Als nächstes kommt zusammen mit Studio Braun das Theaterstück „Der goldene Handschuh“ am Deutschen Schauspielhaus. Das Stück hat am 18. November Premiere. Im nächsten Jahr kommt ein Erzählungsband, der bereits fertig ist, dann nehme ich noch ein Album auf. Es folgt ein weiteres Projekt, über das ich aber noch nicht sprechen darf.

Haben Sie eine feste Tagesstruktur?
An einem Tag wie heute, an dem ich außer dem Interview mit Ihnen keine weiteren Termine habe, starte ich mit einem Tee. Mein Arbeitstag ist immer open end. Ich habe weder Hobbys noch Familie. Ich lege mal eine Pause ein, in der ich fern schaue oder ein bisschen Sport treibe. Tatsächlich gehe ich meist sehr früh ins Bett, gegen 21 Uhr. Manchmal nehme ich dann noch das Keyboard mit und arbeite damit.

Kommt es denn mal vor, dass Sie sich gar nicht motivieren können?
Nein. Es gibt den schönen Satz von Philip Roth „Amateure warten auf Inspiration. Profis setzen sich hin und arbeiten“ und so begreife ich mein Berufsleben auch. Inspiration halte ich für ganz dünnes Eis. Das stellt sich Lieschen Müller immer so vor, mit Musenkuss und Inspiration. Man muss nur irgendwas machen: Duftkerzen aufstellen, Kräutertees und so ein Schwachsinn. Ich sehe das so: Man muss sich hinsetzen, konzentrieren und dann kommt etwas und wenn nichts kommt, dann hat man den Beruf verfehlt.

Sie sagen, ihr Leben sei auserzählt. Heißt das, Sie schreiben kein autobiografisches Buch mehr?
Das ist richtig. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Kann ja sein, dass ich in den nächsten 20 Jahren noch etwas erlebe, was Stoff für ein Buch hergibt, aber damit rechne ich nicht. Und es wäre wohl auch ein bisschen langweilig. Trotzdem fließt das, was man denkt, was man fühlt und erlebt immer irgendwie in die Arbeit ein. Egal ob das jetzt ein fiktiver Plot ist oder sich auf das eigene Leben bezieht. Bei „Jürgen“ habe ich zum Beispiel einiges umgewandelt, damit es auf Jürgen passt. Ich habe beschrieben, wie er den Tag in kleine Portionen zerschneidet – im Grunde genommen ist das Heinz Strunk. Wenn so ein Tag vor mir liegt – ich habe ja keinen Chef und keine definierte Mittagspause – muss ich ihn so gestalten, dass ich das Gefühl habe, eine gewisse Alltagsstruktur zu haben.

Also sind Sie wie Jürgen abends froh, wenn der Tag vorbei ist?

Das sowieso. Ich bin niemand, der morgens aufsteht, unter der Dusche pfeift und sich auf den neuen Tag freut. Im Gegenteil. Ich bin immer froh, wenn der Tag vorbei ist und ich einigermaßen viel geschafft habe.

Empfinden Sie denn, wie die Figur, dass die Wochenenden besonders lang sind?
Nicht ganz so. Ich finde den Samstagabend immer schwierig. Da habe ich immer einen Amüsierdruck, das Gefühl ausgehen zu müssen. Davon kann ich mich leider nicht frei machen. Montage oder Dienstage sind mir lieber.

Wenn ihr Leben für Sie auserzählt ist, gibt es auch Kapitel, die Sie nicht ansprechen?
Sicher. Meine Art zu schreiben ist zwar einerseits bekenntnishaft, aber es gibt immer noch sehr viele Dinge, die ich trotzdem für mich behalte. Ich habe keine Schwierigkeiten mit Defiziten oder Dingen, die schief gelaufen sind. Schriftstellerei ist ein gutes Mittel, um etwas aus den eigenen Niederlagen zu machen. Diese tote Zeit mit der Tanzband Tiffanys, diese zwölf Jahre, wenn ich darüber kein Buch geschrieben hätte, müsste ich rückblickend sagen, es war schrecklich. So habe ich aber etwas Gutes aus der Zeit gemacht.

Gibt es denn trotzdem Dinge, die Sie im Nachhinein lieber nicht veröffentlicht hätten?
Nein, da gibt es nichts. Bislang wurde mir nie etwas zur Last gelegt und niemand hat versucht, mich damit in die Pfanne zu hauen. Für mich ist es immer eine Frage, wie man etwas macht. Man kann bekenntnishaft schreiben, dass es peinlich und zum Fremdschämen ist. Man kann es aber auch auf eine Art und Weise erzählen, dass es okay ist. Und ich hoffe, dies gelingt mir. Dabei gibt es genügend Instanzen, der Verlag, meine Freunde, die es mir sagten, wenn ich über das Ziel hinausschieße.

Wem geben Sie Ihre Texte als erstes?
Meinem Lektor.

Wie lange dauert es, bis Sie ein Neues abgeben?
Das ist unterschiedlich. Ich hatte schon mal das Glück, ein Buch relativ schnell schreiben zu können. „Fleckenteufel“, mein drittes Buch, das hat nur ein halbes Jahr gedauert. Aber in der Regel dauert es so drei Jahre. Für „Der goldene Handschuh“ habe ich fünf Jahre gebraucht. Netto betrachtet, war es letztlich nur ein Jahr, weil ja immer mehrere Projekte parallel laufen.

In Ihrem Werk spielen psychische Erkrankungen immer wieder eine Rolle. Ist das heute noch ein Tabu-Thema?
Ich denke nicht. Es wird ja immer wieder sehr ausführlich thematisiert, wenn sich zum Beispiel jemand umgebracht hat. In bestimmten Kreisen mag es vielleicht noch ein Tabu-Thema sein, wenn man depressiv ist und auf dem Dorf lebt oder in einem kleinen Betrieb arbeitet. Da kann ich mir vorstellen, dass man aus Angst stigmatisiert zu werden, darüber schweigt. Ich bin immer offensiv damit umgegangen und habe nicht die Erfahrung gemacht, dass ich schief angeguckt wurde. Nur bei Tiffanys, als es mir nicht gut ging, habe ich es verschwiegen, weil ich befürchtete auf Vorurteile zu stoßen.

Hatten Sie beim „Goldenen Handschuh“, in dem es um den Mörder Fritz Honka geht, eine andere Distanz zum Inhalt als bei Ihren autobiografischen Werken?
Ich bin genauso vorgegangen, wie bei den vorherigen Büchern auch. Es hat mich nicht belastet. Ich fand es überhaupt nicht furchtbar, im Gegenteil, es war sehr interessant, sich dem Stoff anzunähern. Auch der Wahrheit. Wie beschreibt man Honka und wie beschreibt man die Frauen? Dass die Tonalität am Ende so wurde, wie sie ist und das Mitgefühl mit Honka überwiegt, war nicht absehbar.

Und jetzt suchen Sie neue Themen?
Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben einen Band mit Erzählungen geschrieben, der nächstes Jahr erscheint. Die nächsten beiden Romane stehen bereits fest. In zwei Jahren erscheint voraussichtlich meine Kolumne, die ich für die „Titanic“ schreibe als Buch. Somit habe ich Planungssicherheit für die nächsten fünf oder sechs Jahre. Aber ich freue mich natürlich immer, wenn mir ein Thema über den Weg läuft. Ein Thema wie zum Beispiel „Das Parfüm“. Das ist eine tolle Geschichte, ein Geniestreich. Das widerfährt aber den meisten Autoren gar nicht und wenn, dann nur einmal im Leben.

War das bei Ihnen der „Goldene Handschuh“?
Das kann sein. Es ist für mich natürlich ein ganz wichtiges Buch, weil es eben zehn oder zwölf Jahre nach „Fleisch ist mein Gemüse“ bewiesen hat, dass ich kein „One-hit-wonder“ bin und mich weiterentwickelt habe. Ich habe es geschafft, mit einem abseitigen Thema nochmal so einen Erfolg zu landen und viel Anerkennung für das Buch bekommen. Das war für mich schon essentiell wichtig. Denn das Buch davor, „Junge rettet Freund aus Teich“, was ich recht herausragend finde, ist zum Beispiel überhaupt nicht angekommen. Und es gab Jahre, in denen ich vom Schreiben alleine nicht hätte leben können. Nach „Fleisch ist mein Gemüse“ wurde es immer weniger.

Haben Sie jetzt das Gefühl, da angekommen zu sein, wo Sie hin wollten oder bedeutet der Erfolg auch Druck?
Nein, Druck hat man immer nur dann, wenn man erfolglos ist. Erfolg schafft keinen Druck, außer man ist so manisch, dass man meint, man muss das toppen. Aber so bescheuert bin ich nicht. Ich gelte zwar insgesamt als erfolgreich, habe aber genug Dinge gemacht, die nur mäßig erfolgreich waren. All die Jahre nach „Fleisch ist mein Gemüse“ habe ich schließlich nicht nur Bücher geschrieben. Ich habe Filme gemacht, Theaterstücke geschrieben, mit Studio Braun Projekte gemacht. Nicht alles war erfolgreich. Der Film „Drei Eier im Glas“, den ich in Österreich gemacht habe, ist aus guten Gründen furchtbar gefloppt.

Alle Ihre Bücher sind auch als Hörbuch erschienen – von Ihnen selbst gelesen. Wie wichtig sind Ihre Stimme und ihr Dialekt für Ihren Erfolg?
Das scheint eine gewisse Rolle zu spielen, wie ich den Rückmeldungen entnehme. Ich lese mein Hörbücher ein, habe aber selbst noch kein einziges Mal reingehört. Der Grund dafür ist, dass die eigene Stimme einen selbst eher fremd ist. Dabei sind bei mir ein überdurchschnittlich hoher Teil der Gesamtauflage Hörbücher. Die Art, wie ich lese und interpretiere, mit dem Genuschel, dem S-Fehler und so, das scheint den Leuten zu gefallen.

Es könnte nicht genauso gut jemand anders die Texte sprechen?
Nein, das würde ich nicht zulassen. Das kommt gar nicht in Frage. Was ist das für eine Art, mein eigenes Buch von einem Schauspieler lesen zu lassen?

Haben Sie mal den Entschluss gefasst, Autor zu werden?
Nein. Ich hatte nichts zu tun, kein Geld, keine Perspektive und auch nicht die Hoffnung, dass sich das ändert. Meine damalige Freundin hat mich auf die Idee gebracht, etwas zu schreiben. Damals gab es noch Richterin Barbara Salesch, was ich gerne gesehen habe, aber das war ja keine tagesfüllende Aufgabe. Nach kurzem Überlegen habe ich mich dann dazu entschlossen, die Geschichte mit meiner Tanzband zu Papier zu bringen. Zum Einstieg in ein Autorenleben – was es inzwischen ja ist – ist es einfacher etwas Biografisches in der Ich-Form zu erzählen, als sich einen Plot auszudenken.

Ist Ihnen der Anfang trotzdem schwer gefallen?
Schriftstellerei ist immer schwer. Das hat sich überhaupt nicht geändert. Es ist schon so lange her, dass ich mich an den Anfang kaum erinnern kann. Aber ich weiß noch am Ende, als es an den Feinschliff ging, da habe ich mich zwei Monate gar nicht aus meiner Wohnung bewegt, sondern nur geschrieben, und gefeilt. Das hat Spaß gemacht. Irgendwann habe ich gespürt, das wird gut, da kam Energie aus dem Text. Das war eine Zeit, die sich nie wiederholt hat.

Werden Sie auf der Straße erkannt?
Ich bin ja nicht Günther Jauch, aber ich werde schon mal erkannt.

Sind Sie froh darüber?
Meine Popularität ist total im Rahmen. Ich muss dazu sagen, dass sich die Spreu vom Weizen trennt. Die ganzen Idioten kennen mich nämlich nicht. Wie sollen sie mich kennen, wenn sie mit den schönen Sachen, die ich mache, nicht in Berührung kommen?

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen