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Martin Walser 90 Jahre alt : „Schreiben ist das Wichtigste“

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Aus der Onlineredaktion

Einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsschriftsteller feiert seinen Ehrentag

svz.de von
erstellt am 24.Mär.2017 | 08:00 Uhr

Was Martin Walser über seinen 90. Geburtstag denkt, behält er wohl am liebsten für sich. Als er unlängst in einem Interview des Fernsehsenders SWR von Moderator Denis Scheck darauf angesprochen wird, gibt sich der Autor vom Bodensee gänzlich unbeeindruckt. Er feiere eher seinen Namenstag am 11. November, sagt Walser. „Aber Geburtstag? Lassen wir’s. Ich brauchs nicht.“ Trotzdem wird es heute wohl zahlreiche Ehrungen und Glückwünsche geben – denn mit Martin Walser feiert einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsschriftsteller seinen Ehrentag.

Das Magazin „Cicero“ kürte den Schriftsteller erst im Januar in der Rangliste „Die 500 wichtigsten Intellektuellen“ mit dem ersten Platz. Das ließ Walser aber ebenso kalt wie sein Geburtstag: „Ich halte von solchen Einteilungen nicht viel“, sagte er der „Bild“-Zeitung. „Es gab von ,Cicero’ schon mal eine Einteilung, da war Papst Benedikt XVI. auf Platz eins, ich dahinter. Nun bin ich auf Platz eins. Das finde ich sehr unterhaltend.“

Geboren wurde Martin Walser 1927 als Sohn eines katholischen Gastwirts im bayerischen Wasserburg. Schon als Zwölfjähriger schrieb er erste Gedichte, nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er unter anderem Literaturwissenschaft. Seinen ersten Erzählband „Ein Flugzeug über dem Haus“ veröffentlichte er 1955, den ersten Roman „Ehen in Philippsburg“ 1957 – in den Jahren darauf folgten unzählige Werke, darunter Romane, Novellen, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Hörspiele und Aufsätze.

Die Produktivität hat Walser auch im hohen Alter beibehalten: In den vergangenen fünf Jahren erschienen unter anderem der Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“, die Romane „Das dreizehnte Kapitel“, „Die Inszenierung“, „Ein sterbender Mann“ und „Statt etwas oder Der letzte Rank“ sowie mit „Meßmers Momente“ der dritte Teil der Meßmer-Reihe und der Band „Shmekendike blumen. Ein Denkmal für Sholem Yankev Abramovitsh“.

An das Aufhören habe er nie gedacht, sagte Walser noch zu seinem 85. Geburtstag. „Als ich 30 Jahre alt war, habe ich gesagt: Was du mit 50 nicht geschrieben hast, das muss nicht mehr geschrieben werden. So borniert war ich damals. Jetzt sage ich: Ich schreibe etwas, was ich damals nicht hätte schreiben können.“ Das Schreiben sei für ihn das Wichtigste. „Und wenn sich dabei ganz klar ergibt, dass ich jetzt etwas schreibe, das vorher nicht ging, habe ich das Gefühl, ich dürfe weitermachen – also von mir aus gesehen, nicht von den Leuten.“

Dem SWR sagte der Autor im November: „Es gibt ja ehrenwerte Kollegen, die teilen mit: Jetzt ist Schluss, das ist jetzt das letzte Mal. Dazu bin ich nie im Stande, werde ich auch nicht im Stande sein. Ich weiß nicht, was die Kollegen dann machen. Ich weiß aber außer Schreiben nichts – also schreib ich halt.“ Zudem gelte für ihn: „So lange Du lebst, lebst Du. Und wenn Du nicht mehr leben darfst – das wäre mit 30 genauso schlimm gewesen wie mit 90. Für mich. Für die Umstehenden ist es natürlich leichter, wenn der mit 90 abtaucht. Aber für einen selber... Das wäre ja auch sinnlos, zu glauben, man würde da sterbensmüde. Nein.“

Im Laufe seines Lebens ist Walser immer wieder mit zahlreichen Etiketten bedacht worden – er galt bei Kritikern als Kommunist, als Nationalist, sogar als antisemitisch. „Versuche, mich zu erledigen“, nannte der Autor dies einmal. Wenn er sich ganz weit von sich entferne, denke er manchmal: „Ich hätte mich beherrschen müssen. Ich hätte mich nie um etwas Politisches kümmern sollen, sondern einfach Romane schreiben. Schluss, Schluss, Schluss. Aber das habe ich nie gemacht. Ich hätte vielleicht ein Medikament nehmen sollen, irgendetwas Beruhigendes.“

Eine der größten Kontroversen rief wohl seine umstrittene Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche hervor. Walser hatte damals von der „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ gesprochen. „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.“ Für seine Worte erntete der Schriftsteller heftige Kritik – es entbrannte eine monatelange Diskussion über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland.

Walser selbst musste sich immer wieder mit Antisemitismusvorwürfen auseinandersetzen. Wie sehr ihn das auch nach Jahrzehnten noch kränkte, zeigt der Sammelband „Unser Auschwitz“ (2015). Darin dokumentierte Walser seine lebenslange Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld. Viele Kritiker sahen in dem Buch das Umdenken eines alternden Schriftstellers oder den Versuch einer Rehabilitierung.

Der Begriff machte Walser beinahe wütend: „Ich finde das absurd“, sagte er. „Entschuldigung, Rehabilitation, was heißt denn das? Das heißt, irgendein Verbrecher muss rehabilitiert werden. Da sieht man den leichtfertigen Umgang mit Fremdwörtern.“

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