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Nesbø-Verfilmung : «Schneemann»: TV-Krimi statt großes Kino

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Mit «Schneemann» ist erstmals ein Thriller des norwegischen Bestseller-Autors Jo Nesbø verfilmt worden. Die britische Produktion mit Michael Fassbender als besessenem Kommissar Harry Hole kann trotz ihrer hochklassigen internationalen Besetzung nicht recht überzeugen.

svz.de von
erstellt am 16.Okt.2017 | 10:01 Uhr

Eine junge Mutter verschwindet mitten in der Nacht spurlos aus ihrem Haus, während die kleine Tochter im Nebenzimmer schläft und der Ehemann unterwegs ist. Vor ihrem Haus im verschneiten Oslo findet die Polizei einen Schneemann, der das Halstuch der Vermissten trägt.

Kommissar Harry Hole wird zusammen mit der jungen Kollegin Katherine Bratt auf den mysteriösen Fall angesetzt und stellt schon bald fest, dass der Täter ein Spiel mit ihm spielen will. Michael Fassbender («X-Men: Erste Entscheidung») und Rebecca Ferguson («Mission: Impossible - Rogue Nation») spielen die Hauptrollen in «Schneemann», der ersten Verfilmung eines Jo-Nesbø-Bestsellers, dem siebten Buch aus der Thrillerreihe um den Kriminalbeamten Harry Hole. Fassbender spielt den trinkenden Ermittler als schlaflosen, abgewrackten, aber dennoch sympathischen Typen, der sich in die Arbeit stürzt, weil seine Beziehung kaputt ist und er außer Alkohol und Musik kaum Interessen hat.

«Ich brauche dringend einen Fall», erklärt Hole seinem Vorgesetzten Gunnar zu Beginn. «Es tut mir leid, dass Olso so eine niedrige Mordrate hat», entgegnet der. Doch das ändert sich bald und Hole rätselt nicht nur über das Verschwinden mehrerer Frauen, das offenbar eine Vorgeschichte hat, sondern auch über das seltsame Verhalten seiner neuen Kollegin, die etwas vor ihm geheim hält.

Bevor «Schneemann» in Produktion ging, gab es offenbar einige Hindernisse. Ursprünglich sollte der Film in Chicago spielen und Hollywood-Veteran Martin Scorcese («Casino»), der auch einer der ausführenden Produzenten des Films ist, die Regie von «Schneemann» übernehmen. Doch wegen anderweitiger Verpflichtungen Scorceses wurde schließlich der Schwede Tomas Alfredson («Dame, König, As, Spion») engagiert.

Der Film spielt nun getreu der Literaturvorlage überwiegend in den norwegischen Städten Oslo und Bergen. Die malerische Schneelandschaft hat Alfredson als düstere Ödnis inszeniert, die einen morbiden Charme ausstrahlt. Das erkennbar Norwegische hat er nach eigenen Angaben bewusst verschleiert, um dem Film einen internationalen Anstrich zu geben. So haben die Polizeiwagen keine Beschriftung. Man sieht kaum Namen auf Geschäften oder irgendwelche Schilder. Der Name Harry Hole wird stets englisch ausgesprochen, obwohl der Kommissar eigentlich «Hoh-le» heißt.

Auch die wichtigsten Rollen sind international besetzt. Neben dem in Deuschland geborenen Iren Fassbender und der Schwedin Ferguson ist die Französin Charlotte Gainsbourg («Nymphomaniac») als Holes Ex-Freundin Rakel zu sehen, die auch nach dem Ende der Beziehung Gefühle für ihn hegt. Für ihren Sohn ist Hole weiterhin eine Art Ersatzvater. Oscargewinner J.K. Simmons («Whiplash») spielt einen zwielichtigen Mäzen, US-Schauspieler Val Kilmer («Heat») den Ex-Kommissar Gert Rafto. Kilmer, der nach eigener Aussage eine nicht weiter definierte Krebserkrankung überstanden hat, sieht gezeichnet aus.

Alfredson erzählt die Geschichte von «Schneemann» als eher traditionellen Krimi mit einigen Rückblenden. Die Romanvorlage wurde stark verändert. Das betrifft insbesondere Holes Kollegin Bratt. Der in der deutschen Fassung rund 500 Seiten starke Roman wurde für die zweistündige Verfilmung erwartungsgemäß reduziert. Mitunter entsteht dabei allerdings der Eindruck, dass einige Elemente aus dem Buch ohne den notwendigen Zusammenhang übernommen wurden.

Zunächst setzt Alfredson auf subtile Spannung, im späteren Verlauf überrascht der Film mit ein paar drastischen Gewaltdarstellungen. «Schneemann» hat durchaus spannende Momente. Aber das Drehbuch, an dem Jo Nesbø nicht beteiligt war, wirkt insgesamt zu konstruiert und einfach nicht schlüssig genug. Die Figuren verhalten sich oft zu irrational, einige Charaktere scheinen sogar überflüssig. Trotz seiner hochklassigen Besetzung bietet «Schneemann» am Ende kein großes Kino, sondern wirkt eher wie ein durchschnittlicher TV-Krimi.

Schneemann, Großbritannien 2017, 119 Min., FSK o.A., von Tomas Alfredson, mit Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, J.K. Simmons, Val Kilmer

Schneemann

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