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Jan Böhmermann : Schluss mit lustig

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jan Böhmermann im Strudel der Böhmermann-Affäre. Er sagt die Grimme-Preis-Verleihung ab, lässt seine Radiosendung ausfallen und streicht sogar das „Neo Magazin Royale“

Jan Böhmermann ist weg. Er sagt die Grimme-Preis-Verleihung ab, lässt seine Radiosendung mit dem Kollegen Olli Schulz ausfallen und streicht sogar das „Neo Magazin Royale“, das so etwas wie das Herzstück im Böhmermann-Betrieb ist. Böhmermann ist ein Entertainer auf Tauchstation, was so gar nicht zu ihm zu passen scheint. Denn die spitze Provokation im Studio und auf der Bühne – manche sagen die große Klappe – gehörten bislang eigentlich zu seinem Geschäftsmodell. Sein letztes Husarenstück, die Verwirrung um den „Varoufake“ hat er fast genüsslich zelebriert. Nach seinem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem Wirbel darum ist er hingegen von der Bildfläche verschwunden.

Böhmermann hat sich in Gebiete begeben, in denen er sich nicht so gut auskennt wie in der Unterhaltung: Strafverfolgung und internationale Politik. Bevor er das Gedicht über Erdogan, das von Sex mit Tieren und Kinderpornografie handelte, vortrug, wies er selbst darauf hin, dass das nun ein praktisches Beispiel für eine in Deutschland verbotene Schmähkritik werde. Danach aber eskalierte die Angelegenheit. Die Bundeskanzlerin schaltete sich ein, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf und der Polizistensohn Böhmermann steht mittlerweile unter Polizeischutz.

Dennoch überrascht, dass er nun auch seine eigenen Kanäle nicht mehr bespielt. „Es ist ein Bruch, den man mit der unerwarteten Reaktion juristischer Schritte und politischer Einflussnahme erklären kann“, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher.

Vielleicht gibt die bislang letzte Ausgabe des „Neo Magazin Royales“ (ZDFneo, ZDF) einen Hinweis auf Böhmermanns Selbstverständnis. In einem Beitrag verschachtelte er so viele Einspieler, dass man den Überblick verlor. Danach moderierte die Sendung mit den Worten ab: „Die Show ist jetzt zu Ende, die Wirklichkeit geht wieder los“.

Böhmermann, die Show-Figur, der einfach nur etwas Quatsch für sein Publikum machen will? Dazu passt, dass er sich gelegentlich selbst als eher spießigen Humor-Arbeiter inszeniert, der einfach einem Job nachgeht und sogar Steuererklärungen mag. Nicht als Symbol, als Künstler aus höheren Sphären, zu den ihn manche Fans überhöhen.

Jetzt sind Show und Wirklichkeit allerdings heftigst aneinandergerasselt. Für den Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist es ein Konflikt ganz neuen Typs. „Es ist ein globaler Resonanzboden für gute und blöde Witze, für Satire und Schmähkritik entstanden“, sagt er. „Was in einem Land als grenzwertige Satire diskutiert wird, wird in einem anderen womöglich als erniedrigende Beleidigung interpretiert, die nach Strafe verlangt.“ Das könnte selbst für den gelernten Journalisten Böhmermann, der oft nicht den einfachsten Weg gewählt und schon viele Leute ziemlich offensiv genervt hat, etwas viel sein. Die Frage ist, was nun mit ihm passiert. Diplomatische Krisen haben auch schon andere Unterhalter heraufbeschworen. Rudi Carrell zeigte mal in einer Bildmontage, wie der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini scheinbar mit Dessous beworfen wird. Zwei deutsche Diplomaten wurden ausgewiesen und das Goethe-Institut in Teheran musste vorübergehend schließen. Carrell überstand es und mit ihm seine Art von Unterhaltung.

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