Der namenlose Tag : Schlöndorff hat seinen ersten TV-Krimi gedreht

Volker Schlöndorff hat sich auf neues Terrain gewagt.
Volker Schlöndorff hat sich auf neues Terrain gewagt.

Volker Schlöndorff hat mit «Die Blechtrommel» Kinogeschichte geschrieben. Mit 78 Jahren entdeckt der Regisseur nun ein neues Genre für sich: den Fernsehkrimi. Die Vorlage ist - natürlich - ein Roman. Und der Film ganz anders als die Konkurrenz vom «Tatort».

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04. Februar 2018, 23:00 Uhr

Kriminalhauptkommissar Jakob Franck (Thomas Thieme) hat einen unangenehmen Job. Ist jemand gestorben, schicken seine Polizei-Kollegen immer Franck, um die Angehörigen zu informieren.

Er sagt dann den Satz: «Ich muss Ihnen eine sehr traurige Nachricht überbringen.» Zerstört sein Gegenüber dann vor Trauer und Wut Teller und Vasen in der Wohnung, bleibt Franck stoisch sitzen.

Es ist ein sehr ungewöhnlicher Kommissar, den das ZDF am Montag (5. Februar, 20.15 Uhr, ZDF) im Film «Der namenlose Tag» dem deutschen Krimi-Publikum vorstellt. Ein eigenbrötlerischer Todesbote, brummig, einsilbig, niemand, der in Til-Schweiger-Manier mit der Waffe im Anschlag durch eine Haustür springt und «Polizei!» brüllt. Francks Vorgehen wäre es eher, erst zu klingeln.

Noch etwas ungewöhnlicher ist aber der Regisseur, der diesen Jakob Franck zum Leben erweckt: Volker Schlöndorff (78). Der große Literaturverfilmer («Die Blechtrommel», «Die verlorene Ehre der Katharina Blum», «Homo Faber») hat für das ZDF seinen ersten Primetime-Krimi gedreht. Ein Oscar-Preisträger begibt sich in das Brot-und-Butter-Genre des deutschen Fernsehens.

Es ist natürlich kein Krimi von der Stange. Als Vorlage dient - wie könnte es bei Schlöndorff anders sein - ein Roman. Das gleichnamige Buch schrieb Friedrich Ani (59), 2016 wurde es mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Es ist ein Roman, aus dem wenig Blut trieft und in dem es oft um das Schweigen geht.

Der pensionierte Polizist Franck, der Todesbote, wird darin von einem eigentlich schon abgeschlossenen Fall eingeholt. Der Familienvater Ludwig Winther (Devid Striesow) sucht ihn auf, er glaubt nicht, dass seine Tochter Suizid begangen hat, worauf bislang alles hindeutet. Polizist Franck hatte die Nachricht vom Tod des Mädchens einst Winthers Frau (Ursina Lardi) überbracht und sie über Stunden stumm im Arm gehalten. Nun erfährt er, dass auch sie sich selbst getötet hat. Der Fall lässt ihn nicht mehr los. Er beginnt zu recherchieren.

Schlöndorff lässt zu, dass man ihm «Der namenlose Tag» als ersten Fernsehkrimi in die Filmografie schreibt - ob es sich aber wirklich um einen handelt, stellt er zumindest infrage. Es gibt keinen Schusswechsel, keine Verfolgungsjagd, keine Verhöre. Er sei sich anfangs auch unsicher gewesen, ob genug Spannung aufkommt, sagt Schlöndorff. Er habe ja keine Erfahrung. «Ich habe gedacht: Wir brauchen irgendwo noch eine Leiche.»

Das ZDF nennt die Zusammenarbeit mit Schlöndorff einen «Coup». Wenn man sich vor Augen hält, welche Namen und Werke die Biografie des Regisseurs begleiten, ist das nachvollziehbar. Es wird spätestens bewusst, wenn Schlöndorff erzählt, wie ihm die Druckfahnen des damals noch nicht veröffentlichten Ani-Romans in den Urlaub nach New York geschickt wurden. «Das letzte Mal, als ich Fahnen bekam, waren sie von Heinrich Böll.» Er meint «Die verlorene Ehre der Katharina Blum».

Schlöndorff schrieb dann in drei Wochen ein Drehbuch, vieles auch noch mit der Hand. Der Kontakt war über den Produzenten Jens C. Susa zustande gekommen. Das Buch habe ihn sofort angesprochen, sagt Schlöndorff. Die Erwartung an das Fernsehen sei aber natürlich eine andere als an das Kino. Nach einem guten Spielfilm sei man im besten Fall so aufgewühlt, dass man dreimal um den Block und in eine Kneipe gehen wolle, um zu diskutieren. Anders im Fernsehen: «Wenn der Film vorbei ist, muss ich abschalten und gut schlafen.»

Der Oscargewinner («Die Blechtrommel», 1980) inszeniert den Krimi als Kammerspiel, er erinnert fast an einen Stummfilm mit vielen Hell-Dunkel-Kontrasten. Viel geredet wird nicht, oft geht jemand von irgendwo nach irgendwo. Alles Schrille geht dem Film vollkommen ab. Man muss es mögen - «Coup» hin oder her.

Dass er noch mal einen Ani-Roman mit der Figur Jakob Franck verfilmt, will Schlöndorff nicht ausschließen. «Wenn nicht den nächsten, dann vielleicht den übernächsten.» Ein Drehbuch für den zweiten Roman gibt es nach Angaben des Produzenten jedenfalls schon.

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