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Interview: Krimi-Autor Klaus-Peter Wolf : „Rupert ist überall“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie der Krimi-Autor Klaus-Peter Wolf seine Figuren im echten Leben findet.

svz.de von
erstellt am 13.Feb.2016 | 16:00 Uhr

Ein Platz auf der Bestsellerliste ist den Ostfriesen-Krimis von Klaus-Peter Wolf in den letzten Jahren immer sicher gewesen. Mit dem Roman „Ostfriesenschwur“ ist nun der zehnte Fall für seine Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen erschienen. Klaus-Peter Wolf berichtet über seine Vorliebe für Kriminalität und warum er seine Bücher mit dem Füller schreibt.

Herr Wolf, Sie haben seit 2007 zehn Ostfriesen-Krimis geschrieben – woher kommt dieser ausgeprägte Hang zur Kriminalität?
Ich habe schon als Jugendlicher Kriminalromane geliebt. Hansjörg Martin zum Beispiel und die schwarze Reihe bei Rowohlt. Und ich war immer Simmel-Fan. Im Kriminalroman kann ich die Gesellschaft genau beschreiben. Der Riss, der durch die Gesellschaft geht, auch durch jede einzelne Person. Ich möchte wissen, wann eine Stelle erreicht ist, an der jemand kriminell wird, sodass er eine Grenze überschreitet. Es wird ja keiner geboren und sagt sich: „Mensch, ich werde Gangster“. Der Weg interessiert mich.

Wie zeichnen Sie diesen Weg?
Ich erzähle oft aus Täter- und Opferperspektive. Ich versuche, das Verbrechen als intellektuellen Irrtum zu erzählen. Ich glaube zum Beispiel nicht, das Böse ist die Perspektive der anderen. Es entschuldigt überhaupt nichts, aber man kann es neutraler sehen. Ich finde, das sind spannende moralische und philosophische Fragen. Für mich sind Kriminalromane überhaupt nichts Triviales. Es reizt mich zu erzählen, was mit uns los ist im Hier und Jetzt.

Polizeidirektor Hans-Jürgen Bremer, Chef der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund, in dessen Revier Ihre Figuren morden und ermitteln, sagt, Ihre Krimis seien „verdammt nah dran an der Realität“. Es gäbe bei der Polizei sogar viele Fans von Klaus-Peter Wolf. Woher kommt diese Nähe?

Ich glaube, dass die Polizisten mitkriegen, dass ich versuche, sie zu verstehen. Sie kommen bei mir nicht als die doofen Bullen vor. Wenn meine Kommissarin an einer bestimmten Stelle angekommen ist, frage ich Polizisten, was sie in der Situation tun würden, und ich erzähle ihnen, was ich meine Ermittler tun lassen möchte. Oft höre ich dann, dass meine Gesprächspartner auch gerne so handeln würden, wenn die Dienstvorschriften sie nicht daran hinderten. Genau diesen Widerspruch kann ich dann beschreiben – zwischen dem, was richtig wäre, und dem, was man darf. Bremer hat schon mal gesagt, er müsste manchmal gegen meine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen ein Disziplinarverfahren einleiten.

Sie sagen, alle Orte und Personen in Ihren Geschichten seien real, lediglich Mörder, Opfer und Taten seien erfunden. Woher haben sie Rupert, Ihren mit derbem Humor gesegneten Hauptkommissar, der immer für einen frauenfeindlichen Spruch gut ist?
Den Rupert gibt es eigentlich überall. Und alle Leute sagen, ich kenne den. Rupert ist der Mann, der uns eine Krise des männlichen Rollenbildes vorführt. Rupert sucht sich männliche Vorbilder, die nicht mehr funktionieren, er hat aber auch noch keine neuen. Es ist doch so, dass viele Rollen, die heute noch im Fernsehen angeboten werden, überhaupt nicht mehr funktionieren. Oft mündet das in Gewalt. Meine Ermittlerin Ann Kathrin und ihre ostfriesische Truppe sind mit einer gewissen Intelligenz im Leben unterwegs; sie suchen und gehen ganz andere Wege.

Ann-Kathrin Klaasen zeigt viel mehr Persönliches und verrennt sich auch mal. Sie wohnt wie Sie in Norden, sogar in derselben Straße. Steckt in ihr viel von Klaus-Peter Wolf?
Ja, ganz bestimmt. Sie ist auch zum selben Gymnasium in Gelsenkirchen gegangen wie ich. Sie hatte sogar die gleichen Lehrer. Sie ist geprägt durch eine Ruhrgebietskultur, die sie mit nach Ostfriesland genommen hat. Ins Ruhrgebiet sind ja viele Menschen gekommen, weil’s da Arbeit gab. Das ist so ein Schmelztiegel. Im Bergbau war jeder auf den anderen angewiesen. Diese Menschen würden nie nach unten treten, machen nie Witze nach unten. Dafür sind sie aber sehr hart mit denen da oben.

Ihre Sympathie für Protagonisten, die sich nicht sklavisch an die Regeln halten, ist deutlich spürbar. Im wahren Leben würde das den Akteuren vermutlich jede Menge Ärger einbringen. Ist der Autor seinen Figuren da besonders nah?
Ja, genau so ist das. Regeln sind für Menschen gemacht, damit das Zusammenleben funktioniert. Aber manchmal entwickelt sich das Zusammenleben schneller als die Regeln. Alle Regeln, die wir hatten, waren zum Beispiel nicht aufs Internet ausgelegt. Jetzt kommen wir nicht mehr vorwärts mit den alten Regeln, sie hecheln der Wirklichkeit hinterher. Deshalb müssen wir sie manchmal überschreiten. Zum Beispiel diese Geschichten im Internet, dass jeder anonym Rufmord begehen kann. Wenn man feststellen möchte, wer das war, stößt man schnell an die Grenzen der Datenschutzregeln. Das führt dazu, dass sich Täter verstecken können. Das wird nicht so bleiben, aber wir sind nicht so schnell. Genau da möchte ich ansetzen mit dem Erzählen.

Haben angesichts der großen Nähe des Autors zu seinem Werk schon mal Fans vor Ihrer Tür gestanden?
Klar. Ich kann Ihnen immer sagen, wann in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien begonnen haben. Meistens leihen sie sich Fahrräder aus, und dann gibt es sogar eine App, die sie zu den Schauplätzen meiner Krimis führt. Damit fahren die Leute rum.

Sie sind mittlerweile Stammgast auf der „Spiegel“-Bestseller-Liste. Für Ihr neuestes Werk haben Sie Ihren Fans sogar eine Bestsellergarantie versprochen ...
Das war mein Verlag, das war ich nicht (lacht). Kann aber schon sein, dass sie da gewisse Hinweise durch die Vorbestellungen haben. Und sicher erinnern sie sich auch noch daran, dass wir beim letzten Buch mit einer Auflage von 120  000 gestartet sind und ein paar Tage später ziemlich aufwändig nachdrucken mussten. Vom ersten Krimi, dem „Ostfriesenkiller“, haben wir gerade mal 11  000 Exemplare verkauft.

Sie sollen als junger Familienvater auch schon mal aus Geldmangel Windeln und Babynahrung im Supermarkt geklaut haben...
Habe ich gemacht. Das waren keine schönen Zeiten. Ich hatte damals sogar mal eine Einladung zu einer Autorenlesung, nicht etwa, weil man mich haben wollte, sondern weil einer krank geworden war, für den ich einspringen sollte. Ich sollte 200 Mark dafür bekommen, ein irres Geld. Ich hatte aber keinen Sprit fürs Auto. Ich war verzweifelt. Ich habe dann den Präser-Automaten an einer Tankstelle geknackt und mit diesem Geld den Sprit bezahlt. Ich bin übrigens zu dieser Tankstelle zurückgekehrt und habe von meinem Honorar den Schaden beglichen.

Sie haben eine ziemlich bewegte Lebensgeschichte. Im Westerwald haben Sie einst Luftballons als Protest gegen militärische Tiefflüge steigen lassen und waren danach auf Einladung von Michael Gorbatschow beim Moskauer Friedensforum ...
Ja, und das hat übrigens funktioniert. Damals gab es ja keine E-Mail. Nach der Luftballon-Aktion bekam ich ein Telegramm von Michail Gorbatschow und dem Schriftsteller Tschingis Aitmatow. Ich glaube, es hatte 373 Worte. Ich habe als erstes Max von der Grün angerufen. Der hatte auch so ein Telegramm gekriegt. Günter Wallraff und Bernt Engelmann hatten es auch. Dann sind wir gemeinsam hingeflogen. Im Flugzeug waren noch Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. Das war zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, aber da konnte man schon merken, das ist alles Schnee von gestern.

Sie schreiben Ihre Romane mit der Hand in einen Block und nehmen für jedes Buch einen neuen Füller. Warum?

Wenn ich Literatur mache, ist das ein Privileg. Man muss sich das als Glücksmoment vorstellen. Wenn es so weit ist, dass ich es tun kann, dann habe ich eine Tasse Tee dabei und ein bisschen Marzipan und eben den Block. Wie Kinder, die spielen, bin ich dann sehr glücklich. Nach einer Weile habe ich das Gefühl, ich schreibe das gar nicht mehr, sondern lese es mir selbst vor, der Füller schreibt. Ich habe das Gefühl, ich empfehle mir selbst eine spannende Geschichte. Wenn ich in eine andere Figur gehe oder die Perspektive wechsele, nehme ich manchmal eine andere Tinte oder wechsele den Füller. Der einzige Luxus, den ich mir beim Arbeiten sonst leiste, ist, dass ich seit 30 Jahren dieselbe Sekretärin habe, Annette Liebrenz.

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