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Interview Joachim Król : Respekt für Lotte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schauspieler und BVB-Fan Joachim Król über die Sportfreunde aus der Provinz und den „Times Square von Köln“.

svz.de von
erstellt am 25.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Er ist ein Junge des Ruhrgebiets, in Herne geboren und glühender Anhänger von Borussia Dortmund. Aber Joachim Król wohnt seit Jahrzehnten in Köln und ist nächsten Dienstag in einem ARD-Film zu sehen, der den vielleicht hässlichsten und lautesten Ort der Stadt zum Thema hat: „Über Barbarossaplatz“. Aber er ist auch maßgeblich an der Doku „You’ll never walk alone“ beteiligt, die im Mai in die Kinos kommt. Wir unterhalten uns in Köln über das BVB-Spiel gegen die Sportfreunde Lotte, seine Filme, den anstehenden 60. Geburtstag und einen aussterbenden Vornamen:

Waren Sie letzte Woche Dienstag eigentlich in Osnabrück, um sich das Pokalspiel des BVB gegen die Sportfreunde Lotte anzusehen?
Ja, ich war tatsächlich da. In den nächsten Wochen werde ich aus beruflichen Gründen einige Spiele verpassen. Ich hatte eine harte Woche hinter mir, die ganze Woche für ein Kinoprojekt gedreht, und wegen der Verschiebung des Viertelfinals hat es dann gepasst, dass ich am Dienstag Zeit hatte. Das war wirklich sehr schön und sympathisch. Es war rappelvoll und das Spiel war ja nicht uninteressant. Lotte hat lange mitgehalten und wäre mit ein bisschen Glück auch in Führung gegangen. Am besten aber war der Mann in der Halbzeitpause, der mich ansprach und sagte: Herr Król, ich wusste gar nicht, dass Sie Lotte-Fan sind (lacht).

Warum wohnen Sie eigentlich in Köln und nicht in Dortmund? Es heißt doch „Home is where the heart is“.
Ich bin hier hängengeblieben. Meine Frau hatte beschlossen, dass ihr Lebensmittelpunkt hier sein soll, dann kam der Junge, und außerdem ist Köln sehr praktisch für jemanden, der viel unterwegs ist.

Aber zum FC gehen Sie nur, wenn der BVB hier spielt?
Ganz selten. Manchmal kriege ich eine Einladung von einem guten Freund, wenn irgendwelche Schlagerspiele sind. Aber wenn die Dortmunder hier spielen, machen wir immer ein schönes Event daraus.

In Dortmund trinken Sie Pils – und in Köln Kölsch?
Das macht man hier, hier kriegt man kein anständiges Pils.

Sie hatten ja mal in Dortmund eine Kneipe.
Wollen Sie jetzt bei Adam und Eva anfangen? (lacht) Das war 1980, einer meiner Mitstreiter von damals ist jetzt schon Rentner.

Es gibt die Geschichte, Peter Lohmeyer hätte bei Ihnen am Tresen gehangen und Ihnen erzählt, wie man Schauspieler wird.

Es gehörte damals in jede anständige Biografie, dass man was mit Gastronomie macht. Peter war damals eine Zeit lang Stammgast und er hat sich geoutet, dass er denselben Plan in Sachen Schauspielerei hatte wie ich. Als er dann vorgeprescht ist und plötzlich einen Ausbildungsplatz hatte, war ich völlig elektrisiert. Ich hatte nämlich noch nicht mal meine Bewerbung geschrieben. Aber ein paar Wochen später war ich dann in München an der Schauspielschule.

Mit „Über Barbarossaplatz“ haben Sie einen Köln-Film gedreht, der die Stadt wirklich nicht von ihrer schönsten Seite zeigt.
Das ist ja auch nicht die Aufgabe unseres Films. Es war die Idee von unserem Regisseur Jan Bonny, die Drehbuchvorlage aus dem bürgerlichen Milieu dahin zu verlegen, wo es weh tut. An den Times Square von Köln. Mitten ins urbane Chaos. Das hat mir gefallen. Und tatsächlich gab es da, wo wir gedreht haben, eine Psychotherapiepraxis wie in unserem Film. Jan Bonny wollte die Urbanität anders erzählen, nicht über alte Gassen, Brauhausgemütlichkeit und Kölner Dom. Wer kommt denn in diese Stadt, weil es hier besonders schön ist? Die meisten Leute kommen, weil hier was los ist, weil es gut zu erreichen ist und wegen der wunderbaren Mentalität der Menschen, die hier leben.

Schön ist der Barbarossaplatz wirklich nicht.
Nein, das ist tatsächlich einer der verkehrsreichsten Orte Europas. Und als Platz ja kaum wahrnehmbar. Da kann man ja nicht sitzen, nicht anderen Leuten oder schönen Frauen nachschauen. Ich habe in meinen vielen Kölner Jahren nie hier oder in der Nähe gelebt, aber während der Dreharbeiten habe ich diesen Mikrokosmos für mich entdeckt. Um diesen Platz herum versammelt sich ein kleiner Querschnitt der Weltbevölkerung – hier die Asiaten, da der ganze ehemalige Ostblock, dort die Afrikaner. Und plötzlich steht jemand auf dem Gehweg und spielt Saxophon. Das hat ein bisschen was von diesen schmuddeligen Ecken in New York.

Es gibt ein Info zum Film, da heißt es: „Der Barbarossaplatz als Prototyp anonymer, verwahrloster Stadtkultur wird zur Projektionsfläche psychosozialer Dysfunktionalitäten“. Können Sie das mal übersetzen?

Vielleicht: Besonders unser großartiges Frauenensemble führt dem Zuschauer angeschlagene oder gar beschädigte Herzen und Seelen vor Augen, wie sie uns tagtäglich umgeben, ohne dass wir sie in unserer oberflächlichen Zeit vielleicht jemals wahrnehmen würden. An einem Ort von bizarrer Geschäftigkeit und von atemberaubender Hässlichkeit.

Sie sagen längst nicht bei jedem Filmprojekt zu – warum haben Sie es bei diesem getan?
Wie immer müssen die Zutaten stimmen. Professor Gebhard Henke, unser Produzent, hat mir seinen Ex-Studenten und unseren Regisseur Jan Bonny vorgestellt. Dann kam das Drehbuch von Hanna Hollinger dazu. Zudem konnte ich endlich zum ersten Mal mit der großartigen Bibi Beglau drehen. Und dann noch die junge Kollegin Franziska Hartmann, die am Thalia-Theater in Hamburg ein Star ist, aber noch nie einen Film gemacht hat. Sie hat sich in ihre Rolle reingeschmissen wie verrückt. Jan Bonny ist ein außergewöhnlicher Regisseur.

Im Info heißt es auch, Buch und Regie hätten die Darsteller bis an die psychische und physische Belastungsgrenze geführt.
Nein. Da ist noch Luft nach oben (lacht). Aber es war schon eine sehr anspruchsvolle, konzentrierte, teilweise harte Arbeit. Und alles, was an Grenzen geht, wird natürlich vorher besprochen.

Sie meinen die Bettszenen?
Unter anderem. Da geht ja nichts aus dem Schneideraum, von dem ich nicht wusste. Darüber hinaus ist Jan Bonny ein äußerst vertrauenswürdiger Mensch.

Die Sexszenen kann man ja durchaus als rustikal bezeichnen.
Ich weiß ja nicht, was hinter diesen Mauern hier rechts und links so stattfindet. Ich würde aber eher vermuten, dass die Tendenz in diese Richtung geht (lacht).

Bei Ihnen gab’s aber keine Mauern, sondern eine Kamera. Spielen Sie so etwas mit derselben Professionalität wie andere Szenen?
Natürlich. Und Humor und Entspannung am Set hilft in solchen Momenten immer sehr. Oder man sagt: Das macht doch keinen Sinn, kann man das nicht anders erzählen? Und dann macht man es anders.

Würden Sie unterschreiben, dass bei diesem Film auch das Zuschauen nicht immer ganz einfach ist?
Er lässt die Zuschauer auf jeden Fall nicht in Ruhe. Es ist auch kein Film, in dem am Ende alles gut wird.

Wie schon Ihr Frank Steier im „Tatort“ schaut auch Benjamin Mahler in „Barbarossaplatz“ ziemlich gern und ziemlich tief ins Glas.
Alkoholgenuss ist ein Teil unserer Kultur. Aber ich fürchte, Alkoholmissbrauch ist mittlerweile in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Warum soll man das nicht zeigen, wenn man vom Leben erzählt?

Wenn Sie sich vor der Kamera besaufen müssen, haben Sie dann nach Drehschluss eigentlich noch Lust auf ein Feierabendbier?
Wenn man den ganzen Tag über so viel Traubensaft trinken muss, dann hat man mit Sicherheit Lust auf ein Feierabendbier. Dieses klebrige verdünnte Zeugs – furchtbar.

Was hat dieser Benjamin Mahler mit Ihnen zu tun?
Rollen erwischen einen ja oft an einem Punkt der eigenen Biografie, an dem man vielleicht ähnliche Gedanken hat. Ich kann mir einen Mann in Mahlers Situation gut vorstellen. Er hat ein Haus, ein Büro, alles geerbt von seinem Vater. Er hat vermutlich ein bisschen Geld, also keine Existenzangst. Aber er weiß nicht, warum er eigentlich noch existiert. Mahler hat sich an seinem Vater abgearbeitet, der ist jetzt weg, tot. Und jetzt sitzt er da, allein.

Hadern Sie mit dem Alter?
Sie spielen auf meine runden Geburtstag in diesem Jahr an. Ein kluger Mann hat mal gesagt: „Vielleicht ist es nicht schön, sechzig zu werden, mit Sicherheit ist es nicht schön, nicht sechzig zu werden.“ Irgendwann ist man der Senior am Set, aber mir macht’s ja auch Spaß, mit den jungen Kollegen zu arbeiten. Und natürlich ist es schön, wenn ein junger Schauspieler kommt und sagt: Wissen Sie eigentlich, dass Sie immer mein Vorbild waren? Da sitzt Du dann da und denkst: Habe ich das jetzt wirklich gerade gehört? Das habe ich nämlich selbst mal Otto Sander gesagt, den wir alle vermissen. Und jetzt höre ich so etwas – das ist halt der Lauf der Dinge.

Sie haben in „Wir können auch anders“ ein grandioses komödiantisches Talent gezeigt, aber seitdem nie wieder etwas in dieser Richtung gedreht. Warum eigentlich?
Das habe ich mich selbst auch häufiger gefragt. Ich weiß es nicht. Aber es gibt Pläne in diese Richtung.

Im Kino präsentieren Sie im Mai die Dokumentation „You’ll never walk alone“ über diese weltberühmte Fußballhymne – und man sieht Ihnen in jedem Bild die Freude an, die Sie an diesem Projekt hatten.
Das stimmt. Dabei bin ich auf eine ganz komische Weise dazugekommen. Vor zwei Jahren hatte ich für eine Arte-Reihe eine Weinreise durch Frankreich gemacht, Regisseur war damals André Schäfer. Und dann sitze ich bei ihm im Auto, höre ihn telefonieren und mit jemanden über die Idee sprechen, einen Film über „You’ll never walk alone“ zu machen. Als wir stehen bleiben, frage ich: André, was macht ihr da? – Ja, wir machen einen Film über „You’ll never walk alone“, die Fussballhymne – und ich sage: Hallo! Aber nicht ohne mich!

Und schon waren Sie der Präsentator dieses Film?
Ja, ich dachte zunächst, dass ich den Text für den Film spreche, aber André sagte: Nee, Du kommst überallhin mit. Wir waren in Budapest, Wien, Liverpool, New York, Hamburg, Dortmund und Herne, meiner Geburtsstadt. Im Vergleich zu dem Aufwand, den wir dann betrieben habe, mag mein Erscheinen in dem Film schmal erscheinen. Aber ich musste alle Gespräche, die oft sehr umfangreich waren, führen und die Stimmung kreieren. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.

Letzte Frage von Joachim zu Joachim: Es gibt so gut wie keine Eltern mehr, die ihren Sohn Joachim nennen. Stirbt unser Vorname aus?

Habe ich noch nie drüber nachgedacht. Vorstellbar, dass es irgendwann keine Joachims mehr gibt. Klingt irgendwie altmodisch. Für Bertha, Emma und Anna hat’s ja ein Comeback gegeben – aber für Joachim? Ich selbst bin ja mehr oder weniger durch Zufall an diesen Namen gekommen. Weil meine Eltern sich 1957 nicht einigen konnten, wollte mein Vater ein salomonisches Urteil fällen und sagte: Wir nehmen den Heiligen des Geburtstages. Aber das war ausgerechnet Adolphus, und Adolf sollte ich dann doch nicht heißen (lacht). In der ganzen Verzweiflung hat meine Großmutter relativ leidenschaftslos auf Joachim plädiert, und der ist es dann geworden. Ich muss aber ganz ehrlich sagen: Ich hänge nicht besonders an diesem Namen. Wobei – übersetzt heißt Joachim wohl „Der, den der Herr aufrichtet“. Damit kann man doch leben.

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