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INTERVIEW: Schlagersänger Roland Kaiser : „Raushalten gilt nicht“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schlagersänger Roland Kaiser über Parteien, Pegida, empörte Fans und Gespräche mit Kapuzinermönchen sowie sein zweites Leben mit der neuen Lunge.

Von wegen, bloß nicht politisch werden. Roland Kaiser nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Pegida-Bewegung geht. In Dresden kritisierte er öffentlich die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes – und erntete extreme negative und positive Reaktionen.

Herr Kaiser, was halten Sie davon, wenn wir heute mal weniger über Musik und das Showbusiness sprechen?
Kein Problem. Gerne.

Vor wenigen Wochen haben Sie mit Ihrer Rede und Pegida-Kritik bei einer Kundgebung für Weltoffenheit und Toleranz vor der Frauenkirche in Dresden für großes Aufsehen gesorgt. Sie wurden auch von zahlreichen etablierten Medien für Ihren Mut gelobt. Hat Sie das überrascht?
Die Reaktionen waren schon überwältigend – in beide Richtungen, negativ wie positiv. Es hat mich gefreut, dass man die Worte so wiedergegeben hat, wie ich sie gesagt habe. Man kann ja gleichzeitig Sänger und trotzdem in der Lage sein, nachdenken zu können (schmunzelt).

Wie sind Sie überhaupt zu Ihrem Beitrag als Redner gekommen?
Die sächsische Landesregierung hatte angefragt. Da ich Dresden viel zu verdanken und ich hier eine Stimme habe, fühlte ich mich verpflichtet, im Interesse der Stadt zu Toleranz und zum Dialog aufzurufen. Ich war nicht da, um andersdenkende Menschen auszugrenzen, sondern um zu erklären, dass das derzeit von Dresden in der Weltöffentlichkeit skizzierte Bild ein verzerrtes ist. Gerade auch in Zeiten des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz wirken die negativen Pegida-Schlagzeilen nicht nur für die Menschen im Ausland befremdlich. Da ist es wichtig, entgegenzusteuern und Farbe zu bekennen. Raushalten gilt nicht. Das Motto des gerade stattgefundenen Semperopernballs wurde ja auch erweitert: Dresden jubelt – und heißt die Welt willkommen. Eine großartige Idee mit Signalwirkung.

Ihre deutlichen Worte wurden nicht nur gelobt. Bei etlichen Pegida-Anhängern und Kaiser-Fans sorgten Sie und Ihre Rede für einen Sturm der Entrüstung. „Sie verkaufen sich an die Politikerkaste“, war ein Vorwurf.
Das ist ja völliger Quatsch. Ich habe eine eigene Meinung – und meine Meinung ist nicht käuflich. Und ganz ehrlich: Ich lese die Einträge auf Facebook nicht.

Wo aber Fans ihre Roland-Kaiser-Platten und Konzerttickets abgeben wollen. Ein weiterer Beitrag: „Pfui, Herr Kaiser! Sie hätten und sollten sich lieber ein Beispiel an Ihrem leider verstorbenen Kollegen Udo Jürgens nehmen. Der wusste, woher der Wind weht.“
Aha? Udo Jürgens hat in seinem Leben immer Farbe bekannt und Stellung genommen, auch wenn es unbequem war. Udo hat eben nicht den Mund gehalten.

Und was halten Sie demjenigen entgegen, der seine Kaiser-Platten abgeben und bei Ihrem nächsten Auftritt eine Demo organisieren will?
Kann er machen.

Sie haben nicht die Befürchtung, dass Sie Fans verlieren?
Nein. Und wenn ich Leute verliere, weil ich mich entsprechend geäußert habe, dann habe ich nicht die falschen Leute verloren. Ich setze voraus, dass die Menschen in diesem Land so viel demokratisches Grundverständnis haben, dass sie mir zugestehen, eine politische Meinung zu haben und ein politisches SPD-Hemd anzuziehen.

Glauben Sie, dass die Pegida-Bewegungen bald wieder von der Bildfläche verschwinden?
Ich bin kein Prophet. Natürlich gibt es soziale Ungerechtigkeiten – und natürlich erwachsen daraus Zornesreaktionen, die aber keine Lösungen sind. Die etablierte Politik muss mit diesen Leuten reden, damit sie nicht von rechts eingefangen werden. So furchtbare Parolen wie „Lügenpresse auf die Fresse“ müssen im Keim erstickt werden. Pegida hat in Münster, München oder Osnabrück keine Chance – nur da, wo eine hohe Diskrepanz zwischen den Menschen besteht, denen es sehr gut und jenen, denen es nicht so gut geht. Je eher wir gegensteuern, desto eher kann es sein, dass die führenden Köpfe wie jetzt in Dresden verschwinden.

Viele Kollegen aus Ihrer Branche scheuen derartige klare Worte. Könnte es sein, dass diese Scheu mit mangelndem Wissen zu tun hat?
Es wäre ja furchtbar, wenn nur der sich politisch äußern würde, der alles wüsste. Dann dürfte ich auch nicht wählen gehen. Meines Erachtens gehört es in unserer Branche dazu, dass jemand Ecken und Kanten hat und nicht nur als Plattenverkäufer durchschlüpft. Man muss sich an ihnen reiben können, im negativen wie im positiven Sinne. Das macht doch eine Gesellschaft aus. Es gefällt mir überhaupt nicht, glattgebügelt zu sein. Ich hätte mich nicht wohlgefühlt, wenn ich die Rede vor der Frauenkirche in Dresden abgelehnt hätte. Ich würde es immer wieder tun – und dieselben Worte noch einmal sagen.

Roland Kaiser politisch – dazu gehört auch Ihre langjährige SPD-Mitgliedschaft. Was gab hierfür den Ausschlag?
Ich bin seit meiner Kindheit sozialdemokratisch geprägt – und wollte der Partei einfach mit meiner Mitgliedschaft meine politische Sympathie bekunden.

Und wo Sie helfen können, helfen Sie?
Ja, ich habe zum Beispiel die SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier bei ihren Wahlkämpfen unterstützt.

Zu Ihrer sozialdemokratischen Prägung seit der Kindheit: Es soll ja damals eine besondere Begegnung mit Willy Brandt gegeben haben …
(lacht) Ob ich bei Willy Brandt auf dem Schoß gesessen habe, weiß ich nicht. Das hat meine damalige Pflegemutter immer gesagt. Es könnte sein, dass sie auch liebevoll übertrieben hat. Willy Brandt war damals SPD-Vorsitzender und Regierender Bürgermeister in Berlin. Meine Mutter war Raumpflegerin im Kurt-Schumacher-Haus und hat auch das Büro von Willy Brandt gereinigt. Es ist Fakt, dass sie mich ab und zu mitnehmen musste, weil ihre Schwester mich nicht beaufsichtigen konnte.

Zurück in die Gegenwart. Mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier pflegen Sie ein freundschaftliches Verhältnis – nicht nur wegen des Themas Organspende: Sie als Mann mit neuer Lunge und Steinmeier als Mann, der seiner Ehefrau eine Niere spendete.
Stimmt. Er ist ein herzensguter Mensch. Ich habe mich unglaublich darüber gefreut, dass er im vergangenen Jahr als Außenminister extra nach Leipzig gereist ist, um mir bei der dortigen Preisverleihung die „Goldene Henne“ für das Lebenswerk zu überreichen. Das hat mich total berührt.

In der Laudatio hat Steinmeier Ihren Song „Manchmal möchte ich schon mit Dir“ auch als Hymne der Großen Koalition bezeichnet.
(lacht) Herrlich.

Eine „Goldene Henne“ für das Lebenswerk …
Ein bisschen früh, aber gut.

Ist Ihnen das unangenehm?
Nein.

Man könnte ja sagen: eine „Henne“ für das erste Leben. Das zweite Leben mit neuer Lunge führen Sie ja erst seit rund fünf Jahren.
Genau. Ich habe noch viel vor, das neue Leben hat gerade erst angefangen.

Ein Leben, in dem Sie sich auch in verschiedenen Initiativen und Stiftungen für Menschen am Rande der Gesellschaft einsetzen.
Richtig. Zum Beispiel für die Rudolf Pichlmayr Stiftung, die sich um Kinder und Jugendliche vor und nach einer Organtransplantation kümmert. Oder für die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer. Oder für die Solidarfonds Stiftung NRW. Man muss etwas tun und sich nicht nur als Figur abbilden lassen. Wenn es die Zeit erlaubt, bin ich bei den verschiedensten Veranstaltungen dabei. Jeder Tropfen auf den heißen Stein ist hier sehr wertvoll.

Sie sind auch schon längere Zeit Botschafter der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Die jüngsten Schlagzeilen über eine fehlerhafte Hirntod-Diagnose und die Unregelmäßigkeiten bei der Verteilung von Organen machen Ihre Arbeit als Werber für die Organspende sicher nicht einfacher, oder?
Ein hochsensibles Thema. Wenn solche Dinge passieren, wird alles infrage gestellt. Deswegen lege ich aber nicht mein Amt als Botschafter nieder.

Was können Sie in dieser Funktion tun?
Werben, informieren, überzeugen. Ich bleibe trotzdem Organspender. Die erwähnten Fälle sind tragische Fälle, die auf menschliches Versagen zurückzuführen sind. Der Tod ist generell ein Thema, womit sich Menschen nicht gerne beschäftigen. Viele wollen einfach nicht darüber reden. Viele Leute fangen auch erst an zu beten, wenn es ihnen schlecht geht.

Ihr Appell?
Es ist doch nicht zu viel verlangt, überhaupt eine Entscheidung zu treffen – für oder gegen eine Organspende. Auch damit die Angehörigen wissen, was sie im Falle des Falles tun sollen. Die Entscheidung kann ja später wieder geändert werden. Die Österreicher machen es richtig: Jeder ist Spender, es sei denn, er widerspricht.

Haben Sie sich vor Ihrer Lungentransplantation mit dem Tod beschäftigt?
Nein. Ich bin davon ausgegangen, dass ich weiter arbeiten und leben kann. Ich habe ein hohes Gottvertrauen in mir.

Dann haben Sie auch schon vor Ihrer Krankheit gebetet?
Ja. Es geht hier aber nicht darum, sich ständig in einem Gebet zu beschweren.

Wie meinen Sie das?
Wenn manche Leute die Frage stellen, warum Gott ihnen etwas angetan habe, dann habe ich denjenigen schon mal entgegengehalten: Hast du mal gefragt, warum Gott dir 20 Jahre vorher nur Glück geschenkt hat? Wer sich beschweren kann, sollte vorher auch mal loben können. Ich habe darüber auch sehr oft mit den Kapuzinermönchen in Münster gesprochen.

Diese Verbindung pflegen Sie nach wie vor?
Ja. Wir reden viel miteinander, das ist faszinierend. Mal kommen sie zu mir, oder ich fahre rüber zu ihnen. Man kann unendlich viel von diesen Menschen lernen: die innere Ruhe und Ausgeglichenheit, nicht nach Erfolg jagen zu müssen. Warten können, bis der Erfolg kommt. Man kann die Zustimmung der Menschen nicht erjagen. Sie können ein Leben nur leben, indem Sie Angebote machen. Mein früheres Leben war oftmals geprägt von der Verkrampfung, bei Konzerten unbedingt gut sein zu wollen. Das hat innerlich unfrei gemacht, man war angespannter. Heute gehe ich raus und biete den Leuten das Beste an, was ich im Moment anbieten kann. Wenn es gefällt, ist es schön. Wenn nicht, dann habe ich Pech gehabt. Diese Einstellung macht viel gelassener. Alles ist viel entspannter. Für meine Mitarbeiter und Familie ist das viel angenehmer als früher. Im Moment ist für mich kein Mensch so wichtig wie Sie und das Gespräch mit Ihnen. Genau diese Tugenden vermittle ich auch meinen Kindern.

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