Raus aus den Kirchen

Ute Pfeiffer sagt von sich: „Ich will als Frau der Kirche ’Teil von’s Janze‘ sein.“
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Ute Pfeiffer sagt von sich: „Ich will als Frau der Kirche ’Teil von’s Janze‘ sein.“

Die evangelische Pastorin Ute Pfeiffer hat ein Buch zur Neubelebung der Kirche geschrieben. Ihr Motto: Die Kirche muss zu den Menschen gehen.

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06. Januar 2018, 16:00 Uhr

Ute Pfeiffer ist in ihrem Kiez eine Erscheinung, für die der Volksmund den Begriff vom „bunten Hund“ geschaffen hat. Läuft die 57-Jährige durch den Berliner Wedding, trifft sie permanent Leute, die sie kennen. Man geht aber nicht nur grüßend aneinander vorbei. Oft entwickelt sich aus dem „Hallo“ ein lockerer Plausch über privates Glück oder ein ernstes Gespräch über Alltagssorgen. Im Café „Kleine Mensa“ braucht Pfeiffer keinen Wunsch zu äußern. Ihren geliebten Latte Macchiato kriegt die stämmige Frau gleich auf den Tisch gestellt. Sie ist dort Stammgast.

Dieses unkomplizierte und vertrauliche Verhältnis zu ihren Mitmenschen ist ihr Leitmotiv. Danach richtet sie seit jeher ihr Leben aus, auch das berufliche. Die 57-Jährige ist evangelische Pastorin. Im gerade zurückliegenden Martin-Luther-Jahr hat sie ihren Ansatz größtmöglicher Nähe zu Volk und Gemeinde umfassend in einem Buch ausgeführt. Es trägt den Titel „Mein Gott, Kirche! Warum sie wieder für uns da sein muss“.

Das Werk dürfte von den meisten Lesern als Anregung zur Erneuerung der Kirche interpretiert werden. Allerdings plädiert Pfeiffer auch für eine Rückbesinnung auf die Zeit des Ursprungs der christlichen Kirche 1500 Jahre vor der Reformation. Denn die Geistliche betrachtet die Institution, für die sie seit vielen Jahrzehnten arbeitet, nicht als statisch und in sich abgeschlossen. Ihr Slogan lautet: Die Kirche darf nicht auf die Menschen warten. Sie muss zu ihnen gehen. Im Klappentext ihres Buches heißt es: „Die von vielen empfundene Lebensferne der Kirche ist das Problem.“

Pfeiffers Empfehlung lautet: Raus aus der Kirchenbank und hinein ins „wahre“ Leben. Das entspricht dem Gedanken, der auch immer wieder Bundespolitikern ans Herz gelegt wird, nämlich den Mikrokosmos Berlin zu verlassen und sich unters Volk zu mischen. „Ich sehe meinen Platz in der Reihe derer, die gemeinsam das Leben in ihrem Viertel gestalten, den sozialen Frieden erhalten und das Miteinander der Bewohner stärken wollen“, beschreibt die Pastorin ihr Berufsbild. Vor mehr als zwei Jahren sagte sie einmal: „Ich bin studierte Theologin, aber auch das Kind eines Tischlers und einer Friseurin. Ich weiß, wie es ist, Eltern früh zu verlieren, wie es ist, im Arbeitsamt zu stehen und Existenznöte zu haben.“

Pfeiffer scheut den Streit nicht und ging mit ihrer ungeschliffenen und offenen Art manchem Vorgesetzten auf die Nerven. Die 57-Jährige kämpft für ihre Positionen. Gerade deshalb vermittelt sie glaubhaft, ihre Kirche und Gemeinde(n) zu lieben. Es geht ihr nicht um Attacke gegen evangelische Würdenträger oder die Kirche an sich. Von einem Bruch mit der Geistlichkeit kann schon gar nicht die Rede sein. Pfeiffer zeigt auf, wo es ihrer Meinung nach klemmt. Deshalb bekennt sie früh in dem Buch: „Sie halten hier bestimmt keine Verteidigungsrede einer evangelischen Pastorin für ihren Arbeitgeber in der Hand und genauso wenig eine Anklageschrift gegen die heutige protestantische Kirche.“

Reden und Zuhören stellt Pfeiffer in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Als Pastorin zu arbeiten, könne in der heutigen, säkularisierten Welt nicht allein bedeuten, innerhalb der Gemeinden und Kirchenstrukturen zu agieren. Salopp drückt sie es so aus: „Ich will als Frau der Kirche ‚Teil von’s Janze‘ sein.“ Ihr Motto stellt sie auch über das Missionieren. Die Geistliche hält es für sinnlos, den Menschen mit „hochtrabenden theologischen Begriffen zu kommen“.

Berührungsängste mit bekennenden Atheisten hat Pfeiffer nicht. Das würde ihrer Idee von einer Kirche widersprechen, die für alle da sein soll, die sie brauchen (könnten). Um Kirche „wieder konkret und erkennbar“ zu machen, stellt sie sich Ratsuchenden zur Verfügung, „auch wenn er oder sie gar nicht über Gott oder das Christentum reden möchte“.

Pfeiffer verspricht sich davon, dass sich die Kirche „von einer unpersönlichen Institution zu einer beteiligten Akteurin“ wandelt, die mittendrin ist statt nur dabei. Sie wirbt deshalb für einen „Schulterschluss mit den sozialen und kommunalen Trägern vor Ort, auch mit Schulen, Wohnheimen und Bürgerprojekten“. Dafür sollten insbesondere Pfarrer mehr Dienstzeit einplanen, „auch wenn sie dann an anderer Stelle fehlt“, meint die Geistliche, die in Nordfriesland aufgewachsen ist.

Es wundert daher nicht, dass die 57-Jährige das Konzept der Volkskirche, in der sich große Teile der Bevölkerung je nach protestantischer oder katholischer Konfession treffen, nach wie vor für richtig hält. „Aber dann müssen die amtlichen Vertreter der Kirche auch beim Volk sein.“ Um zu verdeutlichen, was sie meint, erklärt es Pfeiffer in der für sie typischen Sprache, die jeder versteht und nichts mit dem Salbadern zu tun hat, dass Gläubige von Gottesdiensten kennen: „Jesus ging an die Hecken und Zäune. Der saß nicht in der Synagoge“ und wünscht sich den Gekreuzigten als Vorbild für die heutige Zeit: „Er war laufend dort, wo die Party abging, am Marktplatz, in den Stadtteilzentren, um rauszufinden, was die Leute bewegt.“

Im Umkehrschluss unterstellt die Pastorin damit der Kirche, die seit Jahrzehnten ihr Auskommen garantiert, nicht genügend am Puls der Zeit und nicht an Brennpunkten zu sein. Genau das kann man über Pfeiffer nicht sagen. Sie war ihr Leben lang regelrecht erpicht darauf, in sozial schwachen Vierteln ihre Gemeinde zu haben und dort unterwegs zu sein. In Berlin arbeitete sie unmittelbar nach der Wende im Prenzlauer Berg. Das Viertel ist heute ein total angesagter Stadtteil mit sehr teuren Mieten. Kurz nach der Wiedervereinigung erfuhren die Bewohner aber auch dort, dass in der westlichen Welt nicht alles Gold ist, was glänzt.

Nach Stationen in den Berliner Problembezirken Spandau und Wedding arbeitete sie im Potsdamer Stadtteil Schlaatz. Bei den Bewohnern des Kiezes, in dem die mit Abstand meisten Hartz-IV-Bezieher der brandenburgischen Landeshauptstadt leben, war die Pastorin sehr beliebt. Sie spendete Menschen Trost, die sich an der quälenden Suche nach dem sechsjährigen Elias beteiligten, dessen Familie im Schlaatz lebte. Als die Leiche des ermordeten Jungen gefunden wurde, war Pfeiffer für viele Trauernde erste Anlaufstation.

Doch den Abschiedsgottesdienst für Elias durfte sie nicht mehr halten – Pfeiffer wurde beurlaubt, es gab Differenzen mit der Kirchenleitung zu ihrer Amtsauffassung. Ein paar Dutzend Leute aus dem Schlaatz demonstrierten für sie, schrieben Briefe an Pfeiffers Vorgesetzte. Aber die Oberen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, die mit der offenen und direkten Art ihrer Angestellten nicht klarkamen, blieben hart und gaben ihr die Pastorinnenstelle nicht zurück. Nicht nur im Schlaatz betrachteten viele Menschen das Verhalten als Beleg für eine altersstarre, reformunfähige Kirche, der die Gemeinden egal seien.

Pfeiffer hat die Zeit nicht vergessen, erst recht nicht das Gefühl, ihre Vorgesetzten hätten sie im Regen stehen lassen, wenn nicht sogar verraten. Das Thema „Schlaatz“ lässt sie in ihrem Buch ausdrücklich außen vor. Darüber redet sie auch nicht mehr. Vergebung ist angesagt. In ihrem Buch ist nichts von Wut oder Zorn zu spüren. Der Ton ist sachlich und freundlich. Denn im Grunde will die Pastorin nur eins: Das Evangelium verbreiten. „Das ist für mich die beste Botschaft der Welt.“

 
 

„Mein Gott, Kirche! Warum sie wieder für uns da sein muss“, Ute Pfeiffer, Ullstein-Verlag, 208 Seiten, ISBN 978-3550081682, 18 Euro.
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