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Ungarns Epochenerzähler : Promi-Geburtstag vom 14. Oktober 2017: Peter Nadas

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Mit dem neuen Buch «Aufleuchtende Details» und mit den «Parallelgeschichten» hat Peter Nadas die Jahre von 1942 bis 1989 in Literatur gegossen. Mehr denn je vertraut er dem freien Fluss der Erinnerung.Jetzt wird der Schriftsteller 75 Jahre alt.

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erstellt am 14.Okt.2017 | 00:01 Uhr

Im Alter von zwölf Jahren, auf dem Höhepunkt der stalinistischen Säuberungen in Ungarn, die auch seine linientreuen Eltern erfassten und den Vater in den Suizid trieben, schwor sich Peter Nadas: «Ich werde alles, wirklich alles niederschreiben, was die Menschen voreinander verschweigen.» 

Die Episode findet sich im jüngsten Werk von Nadas, in den voluminösen Lebenserinnerungen mit dem Titel «Vilaglo reszletek», die Anfang des Jahres in Ungarn herauskamen und jetzt auch in deutscher Übersetzung von Christina Viragh erscheinen. «Aufleuchtende Details» ist aber nicht nur die 1280 Seiten starke Autobiografie von Nadas, sondern auch, wie der ungarische Kunsttheoretiker Laszlo Földenyi feststellt, «die bisher noch nicht geschriebene Geschichte der Zeit von 1942 bis 1956» in Ungarn. 

Es ist die Zeit, in der die kommunistische Diktatur mit Verhaftungen, Internierungen, Gefängnisurteilen, Geheimdienst-Terror und Berufsverboten das Leben Zehntausender Familien zerstörte. Es ist eine Zeit, die über Kontinuitäten und Netzwerke der Macht «heute fortlebt und wahrscheinlich auch in der Zukunft fortleben wird», analysiert Földenyi. Nadas hat sie aufgeschrieben - nicht indem er chronologisch vorging, sondern indem er dem assoziativen Fluss der Erinnerung folgte. 

Nadas wurde am 14. Oktober 1942 in Budapest geboren. Den Holocaust überlebte er mit seiner Familie in Verstecken und mit falschen Papieren. Die Mutter verlor er früh, sie erlag einer Krankheit. Von 1961 bis 1963 ließ er sich zum Journalisten und Fotografen ausbilden, von 1965 bis 1969 arbeitete er bei diversen Zeitungen, seitdem ist er freier Schriftsteller.

Nadas' Schreibweise fand im kommunistischen Ungarn nur zögerlich Anerkennung. Im deutschen Sprachraum feierte der Ungar mit dem aus drei subtil miteinander verschränkten Erzählsträngen konstruierten «Buch der Erinnerung» (dt. 1991) den Durchbruch, auch dieses bereits ein Opus von 1300 Seiten. 1993 folgte eine Neuauflage seines ersten langen Prosawerks «Ende eines Familienromans». Es folgten der Essayband «Von der himmlischen und der irdischen Liebe», der Roman «Der Lebensläufer» und der grotesk-verspielte Liebesroman «Die schöne Geschichte der Photographie». 2012 veröffentlichte Nadas sein Hauptwerk, den Roman «Parallelgeschichten». 18 Jahre hatte er daran gearbeitet, sechs Jahre investierte Christina Viragh in die deutsche Übersetzung.

Auf den 1700 Seiten der deutschen Fassung verwebt Nadas scheinbar zusammenhanglose Personen, Motive und Ereignisse zu einem Universum jenseits des Textes. Schauplätze und Zeitebenen wechseln oft abrupt. Minutiös seziert der Autor die wechselseitige Wirkung menschlicher Körper aufeinander, ihr gegenseitiges Begehren und die in ihnen abgespeicherten Erinnerungen und menschheitsgeschichtlichen Katastrophen. Holocaust und stalinistischer Terror kommen darin nicht direkt vor. Sein jüngstes Buch «Aufleuchtende Details» handelt wiederum genau von dieser Zeit und ergänzt somit die «Parallelgeschichten».  

«Ich beschäftige mich nicht mit Problemen», sagte Peter Nadas einmal in einem Interview. «Mich interessieren vielmehr Handlungen, Abläufe, Prozesse, und dabei auch nicht besonders die Ereignisse, sondern hauptsächlich die Strukturen.»  

Bei all dem ist Nadas kein weltentrückter Schriftsteller im Elfenbeinturm. In Essays nimmt er gelegentlich zu Zeitfragen Stellung.

Besonders das Scheitern seines Heimatlandes nach der demokratischen Wende erfüllt ihn mit Wehmut. Nach sozial-liberalen Regierungen, die verantwortungslos wirtschafteten, herrschen heute die Rechtspopulisten, sind rechter Radikalismus und Antisemitismus salonfähig geworden. «Die neue autoritäre Tradition Ungarns ist aus dem Geist der Provinz geboren; ihre Basis sind Stämme und Clans; die Republik interessiert sie nicht; ihre Affinität zu den Menschenrechten ist schwach ausgeprägt», schrieb Nadas desillusioniert im «Lettre International».

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