zur Navigation springen
Leute

23. November 2017 | 23:28 Uhr

Wochenend-Interview : Plan B

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schauspielerin Nina Kunzendorf über Kindheit, Karriere, Selbstzweifel und Weihnachten

svz.de von
erstellt am 19.Dez.2015 | 09:46 Uhr

Sie ist eine der besten und angesagtesten Schauspielerinnen Deutschlands – dabei war sich Nina Kunzendorf lange nicht sicher, ob sie es überhaupt kann. Dass die 44-Jährige es kann, zeigt sie am 4. Januar eindrucksvoll im erstklassigen Zeugenschutz-Thriller „Das Programm“ in der ARD. In einem Berliner Café sprechen wir über Berufswünsche im Kindesalter, ihren Werdegang als Schauspielerin, Selbstzweifel und diesen sehenswerten Zweiteiler, den das Erste in einem Rutsch ausstrahlt.

Frau Kunzendorf, Weihnachten steht vor der Tür – freuen Sie sich drauf oder sind Sie froh, wenn es vorbei ist?
Ich habe ein gutes Verhältnis zu Weihnachten und bin kein Weihnachtsmuffel. Wir feiern relativ klassisch im kleinen Familienkreis.

Wie lange haben Sie ans Christkind geglaubt?
Dieses Spiel „Das Christkind hat Euch die Geschenke gebracht“ hat es bei uns nie gegeben, insofern kann ich mich daran überhaupt nicht erinnern. Es wurde zwar zur Bescherung mit dem Glöckchen gebimmelt, aber die Geschenke gab’s immer von meinen Eltern. Die eigentliche Bedeutung des Festes war aber immer präsent.

Sie sind als Tochter einer Lehrerin und eines Arztes in einem sogenannten gutbürgerlichen Haushalt aufgewachsen. War es tatsächlich bürgerlich und gut?

Schwere Frage, was verbindet man mit „gutbürgerlich“? Gut war es auf jeden Fall, sehr gut sogar. Ich hatte immer ein sehr enges Verhältnis zu meinen Eltern und deshalb auch eine schöne Kindheit. Wenn man bürgerlich mit spießig gleichsetzt, würde ich sagen: Nein, das war es nicht. Es gab eine große Wärme und Miteinander, das Gefühl, aufgehoben zu sein. Geprägt haben mich ganz stark gemeinsame Unternehmungen und das Gefühl, eingebettet zu sein in eine kleine Familie, die wiederum eine große Familie um sich hatte.

Viele Mediziner sehen es gern, wenn die Kinder in ihre Fußstapfen treten – Ihr Vater auch?

Gar nicht, meine Eltern haben mir eine sehr große Freiheit gelassen, was meine Berufswahl anging, und mir niemals Steine in den Weg gelegt. Sie haben immer zu mir gesagt: Mach das, wozu Du Lust hast.

War ihnen zu Schulzeiten schon klar, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Ich gehöre nicht zu den Schauspielerinnen, die mit fünf schon wussten, dass sie nur das werden wollen. Aber ich habe gern in den Schultheater-AGs mitgespielt. Als es dann aufs Abitur zuging, war eigentlich mein erster Gedanke, dass ich studieren will. Germanistik, Literatur- und Theaterwissenschaften – das schwebte mir vor. Die Schauspielschule war eher mein Plan B. Ich wollte es mal probieren – nach dem Motto: Wenn’s klappt, ist es gut, wenn’s nicht klappt, ist es auch nicht schlimm. Und dann hat es gleich bei der ersten Aufnahmeprüfung in Hamburg hingehauen.

Es war also gewissermaßen ein Zufall, dass Sie geworden sind, was Sie sind?
Es war nicht so, dass ich das leidenschaftslos angegangen wäre. Aber es war kein besessener Wunsch. Ich wäre nicht diejenige gewesen, die zehn Aufnahmeprüfungen gemacht hätte und sich zehnmal hätte sagen lassen, dass ich’s vergessen und besser was anderes machen soll.

Zwischenzeitlich hatten Sie ja auch mal den Wunsch, Hebamme zu werden.
Ja, das war so mit 15, 16. Das hielt sich ziemlich hartnäckig bis in eine Zeit hinein, in der man so einen Berufswunsch durchaus ernst nehmen kann.

Wie kommt man als Mädchen darauf, Hebamme werden zu wollen?
Ich habe heute keine Ahnung mehr. Als ich den Film „Nacht der Angst“ gemacht und darin eine Hebamme gespielt habe, war die Erinnerung daran wieder sehr lebhaft da. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, woher dieser Wunsch kam. Ich war damals noch weit von dem Gedanken entfernt, selbst mal Kinder zu haben. Es hatte wohl mehr damit zu tun, dass ich schon als Mädchen Babys und kleine Kinder toll fand. Der Wunsch war mehr emotional und nicht mit dem Wissen unterfüttert, was da auf mich zukommen würde. Heute ist die Situation der Hebammen ja absolut skandalös, deshalb war mir der Film auch eine Herzensangelegenheit.

Es heißt, Sie wären auch mal gerne Bäuerin oder Bäckerin geworden.
Stimmt, aber das bezieht sich dann wirklich auf ein Alter von drei oder vier Jahren. Aber auch das habe ich noch ganz klar vor Augen. Bäuerin verstehe ich heute weniger, aber den Berufswunsch Bäckerin, kann ich auch heute noch nachvollziehen. Ich finde es toll, mit den Händen zu arbeiten und etwas ganz Konkretes und Handfestes herzustellen – was eben nicht so virtuell ist wie das, womit ich mich heute beschäftige.

Aber dann sind Sie doch Schauspielerin geworden. Wissen Sie noch, womit Sie vorgesprochen haben?
Das war einmal die „Große Schmährede an der Stadtmauer“ von Tankred Dorst, dann die Natalie aus dem „Prinz Friedrich von Homburg“ und noch etwas drittes, an das ich mich im Moment nicht erinnere.

Haben Sie es jemals bereut, diesen Beruf ergriffen zu haben? Sind Ihnen mal Zweifel gekommen?
Ja, klar. In meinem Beruf ist man ja ständig mit der subjektiven Beurteilung durch andere konfrontiert. Der eine findet es großartig, was man macht, und der andere kann gar nichts damit anfangen. Das macht es manchmal schwer, ein wirkliches Gespür dafür zu kriegen, ob man etwas kann oder nicht. Das geht bei mir und vielen meiner Kollegen einher mit der Frage: Täuschen sich alle, handelt es sich um einen großen Irrtum, hat nur noch keiner gemerkt, dass ich überhaupt nichts kann und ein großer Scharlatan bin? Das hat mich zu meinen Theaterzeiten sehr lange verfolgt, da war ich wahnsinnig nervös und sehr unsicher. Ein anderer Aspekt von Unsicherheit hat mehr mit der Branchensituation zu tun.

Damit, dass überall gespart wird?
Da gibt es einiges, womit ich hadere und woran ich manchmal auch verzweifle. Wir haben zum Beispiel ganz wunderbare Autoren in Deutschland, aber die haben zu wenig Zeit, um ihre Bücher mit Sorgfalt und Besonnenheit zu entwickeln oder – wie es in anderen Ländern ja gemacht wird – in einem Writers Room zu arbeiten. Außerdem wird der finanzielle und dadurch der zeitliche Druck immer größer. Wo man früher 24, 25 Drehtage hatte, macht man heute einen 90-Minüter in 21 oder noch weniger Drehtagen. Das geht immer auf Kosten der Qualität – für Regisseure natürlich am meisten, aber auch für die einzelnen Gewerke und für die Schauspieler. Und ich habe augenblicklich keine Hoffnung, dass sich daran noch mal etwas zum Positiven verändert.

Sie haben gerade von Ihrer Unsicherheit gesprochen – haben Sie sich eine Technik zugelegt, um damit umzugehen?

Ich habe eine gesucht, aber keine gefunden. Es hat sich im Laufe der Theaterzeit dann aber etwas gelegt.

Wodurch?
Ich hatte am Ende der Schauspielschulzeit in Hamburg das sogenannte Intendantenvorsprechen bei Frank Baumbauer, dem Intendanten des Schauspielhauses. Und der hat mir gesagt: Ich finde es toll, was Sie machen und würde Sie gern engagieren, kann es aber nicht. Wir haben das Haus voll mit tollen Frauen, Sie würden sich gegenseitig auf die Füße treten. Gehen Sie mal, machen Sie Ihr erstes Engagement, spielen Sie sich die Seele aus dem Leib, wir bleiben in Kontakt. Nach drei Jahren rief er tatsächlich bei mir an und engagierte mich ans Schauspielhaus. Ich habe mich total gefreut und dennoch hatte ich die ganze Zeit das Gefühl: Die haben sich die Katze im Sack geholt, ich muss denen dauernd beweisen, dass ich wirklich das Recht habe, da spielen zu dürfen. Irgendwann ging Frank Baumbauer dann nach München und nahm mich mit, da habe ich dann zum ersten Mal gedacht: Okay, jetzt wird er schon wissen, was er tut.

Sie haben nach der langjährigen Theatererfahrung eine langjährige Filmerfahrung gemacht. Was ist für Sie befriedigender – auf der großen Bühne vor echtem Publikum zu stehen oder vor einer Kamera?
Das ist so unterschiedlich, dass ich es kaum sagen kann. Das schönste Gefühl bei einer Theatervorstellung war immer der Moment vor dem Applaus, die Schnittstelle zwischen Ende der Vorstellung und dem Applaus. Der mag sehr kurz sein, aber für mich war er immer sehr lang und intensiv.

Der Moment vor dem Applaus ist also schöner als der Applaus selbst?
Das ist ein ganz besonderer, kostbarer Zustand, den man beim Drehen nie hat. Aber es gibt auch ganz sonderbare Theatervorstellungen. Da denkt man: Mensch, das war heute super, so intensiv, wir haben ganz toll gespielt, das hatte eine große Energie. Um dann festzustellen: Es hat sich gar nicht ins Publikum übertragen, es ist gerade mal bis einen Meter hinter die Bühne geschwappt und dann verpufft. Und dann gibt es wiederum Vorstellungen, in denen ich gedanklich bei Sachen wie „Ich hab’ vergessen, diese und jene Überweisung zu machen“ war – und das Publikum ist begeistert. Das ist ein ganz großes Mysterium.

Ist das Drehen nicht unbefriedigend, wenn man vom Theater kommt und man statt einem Publikum nur Kameramann oder -frau, Beleuchter, Tontechniker und Regisseur hat und die letzte Szene des Films vor der ersten dreht?
Im Gegenteil: Ich mag es gern, Teil eines Puzzles zu sein. Am Anfang hat es mich tatsächlich irritiert, da habe ich mich gefragt: Für wen spiele ich denn jetzt eigentlich? Für die Kamera? Für den Regisseur? Oder im besten Fall für meinen Partner? Auf den versuche im mich eigentlich immer zu konzentrieren. Diese Unsicherheit hat sich mittlerweile gelegt. Heute kann ich das sehr genießen.

Es gibt eine Rolle, in der man Sie im Film immer wieder mal sieht – die der Polizistin. Haben Sie ein besonderes Faible für diesen Beruf?
Das hat wohl mehr damit zu tun, dass die Fernsehlandschaft angefüllt ist mit Krimis ohne Ende. Die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendwann in seiner Laufbahn eine Polizistin spielt, ist relativ hoch, weil einfach aberwitzig viele Filme in diese Richtung gedreht werden. Aber die Leidenschaft für meine Figuren ist nicht davon geprägt, welchen Beruf sie hat.

In „Das Programm“ spielen Sie die Personenschützerin und LKA-Beamtin Ursula Thern. Warum haben Sie diese Rolle angenommen?
Wenn ich einen Film zusage, müssen mehrere Dinge zusammenkommen. In diesem Fall hat mir nicht nur die Rolle gefallen, sondern auch die Tatsache, dass ich mit ganz tollen Kollegen zusammenkommen konnte. Ganz besonders habe ich mich auf Benjamin Sadler gefreut, den ich zwar von ein paar Begegnungen kannte, mit dem ich aber noch nie zusammen gespielt hatte. Und dann war es auch eine ganz tolle Zusammenarbeit mit ihm. Den Regisseur Till Endemann kannte ich nicht aus der Arbeit, aber wir hatten im Vorfeld einige sehr gute Begegnungen.

Wie realistisch ist die Geschichte, die Sie mit dem Film erzählen?
Die Art und Weise, wie Zeugenschutz stattfindet, ist durchaus realistisch. Man muss tatsächlich seine komplette Biografie verlassen, darf keinerlei persönliche Gegenstände mitnehmen, keine Fotos, keine Urkunden, gar nichts. Diese absolute Konsequenz, mit der man sich von seinem alten Leben verabschieden muss und eine neue Identität geschaffen wird, ist sehr realistisch. Nicht realistisch an meiner Figur ist die Tatsache, dass eine Personenschützerin gleichzeitig ermittelnde Kommissarin ist. Das ist im wirklichen Leben ganz streng getrennt.

Die ARD strahlt beide Teile an einem Stück aus und bedient damit einen Trend. Was halten Sie davon?
Ich finde das gut. Ursprünglich war es als klassischer Zweiteiler gedacht, mit einem Cliffhanger am Ende des ersten Teils und dem „Was bisher geschah“ am Anfang des zweiten. Vermutlich ist es so, dass sich oft weniger Zuschauer den zweiten Teil ansehen, selbst wenn der erste super gelaufen ist. Die Sehgewohnheiten haben sich geändert, wir sind es mittlerweile gewöhnt, dass man sich mehrere Teile von „Homeland“ nacheinander in die Birne packt. Wir haben beim Filmfest in Biberach beide Teile nacheinander gezeigt und da hat es gut funktioniert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen