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Wochenend-Interview : Oliver Mommsen - der Frühaufsteher

vom
Aus der Onlineredaktion

Schauspieler Oliver Mommsen über Tatort, Nobelpreis, Familie und New York.

svz.de von
erstellt am 21.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Wenn gute Laune einen Namen hat, dann lautet er Oliver Mommsen. Bester Dinge erscheint der Schauspieler in einem Kreuzberger Café und plaudert über seinen bevorstehenden Tatort-Ausstieg, den neuen Fall „Zurück ins Licht“ (Sonntag, 20.15 Uhr), die Ehe als Auslaufmodell und seinen berühmten Vorfahren, den Literatur-Nobelpreisträger Theodor Mommsen:

Herr Mommsen, hier in Berlin ist Ihre Familiengeschichte ganz greifbar – ich bin vorhin noch durch die Mommsenstraße in Charlottenburg spaziert. Macht Sie so etwas stolz?

Nein, damit habe ich nichts zu tun, ich schmücke mich nicht mit fremden Federn. Der gute Theodor war ja mein Ururgroßvater.

Familie ist Familie.

Stimmt auch wieder. Es gab auch tatsächlich eine lustige Situation, als mein mittlerweile 19-jähriger Sohn Oskar gerade lesen konnte und wir in der Mommsenstraße standen. Ich hab ihn auf das Straßenschild aufmerksam gemacht und als er es entziffert hatte, fragte er mich: Müssen die hier nett zu uns sein? Es wär auch lustig gewesen, 1990, als ich nach Berlin gekommen bin, dahin zu ziehen: Oliver Mommsen, Mommsenstraße klingt doch nett. Aber erstens waren mir die Preise zu hoch und außerdem war ich damals vom Osten mehr fasziniert.

Aber sonst hält sich Ihr Interesse am berühmten Vorfahren in Grenzen?

Der hat bisher außer in Interviews in meinem Leben keine große Rolle gespielt. Aber in diesem Jahr hat der Knabe ja noch seinen 200. Geburtstag, dazu gibt’s auch eine Mommsen-Lesung. Da werde ich dann ein bisschen mehr in die Materie einsteigen, darauf freue ich mich auch.

Vor 115 Jahren, also 1902, hat der Knabe den Literaturnobelpreis bekommen – für seine „Römische Geschichte“. Haben Sie’s mal gelesen?

Nein, das rangiert auf meiner Prioritätenliste irgendwo zwischen Platz 12 und 230, und ich komm einfach nicht dazu (lacht). Manchmal geht’s ganz weit nach vorne – nach so einem Gespräch wie mit Ihnen gehe ich nach Hause und nehme mir vor, es zu lesen. Und dann kommt doch wieder was dazwischen. Aber wie gesagt: In diesem Jahr werde ich mich zum ersten Mal intensiver mit ihm beschäftigen. Er muss ja ein toller Mann gewesen sein, der seine Meinung hatte, nicht davor zurückscheute, sich mit Bismarck anzulegen, und unendlich viele Kinder in die Welt gesetzt hat.

Bei Ihnen sind es zwei Kinder geworden. Und Ihre Frau kennen Sie schon seit dem Abitur?

Wir sind auf zwei verschiedene Internate gegangen. Mein Stiefbruder kam dann aus ihrem Internat in meins, dadurch haben sich meine Düsseldorfer Kumpels und seine bayerischen Kumpels alle kennengelernt und es entstand ein neuer Freundeskreis – eine Riesentruppe, die wir Nord-Süd-Vertrag genannt haben. Auf einem großen Fest dieses Kreises haben wir uns nach dem Abitur kennengelernt.

Aber gefunkt hat’s erst Jahre später, oder?

Nein nein, da hat’s gleich richtig gefunkt. Da hat’s so gefunkt, dass wir am nächsten Tag gar nicht wussten, wie wir das in Worte packen sollen. Auf die Art und Weise hat's dann noch mal auf zwei Oktoberfesten gefunkt, aber erst zehn Jahre später bei einem Wiedersehen in Berlin haben wir dann auch mal den Mund aufgekriegt und angefangen zu reden. Seitdem sind wir zusammen.

Bis zur Hochzeit hat’s dann aber noch mal ein paar Jährchen gedauert.

Das haben wir erst 2008 gemacht. Ich komme ja aus einer Patchworkfamilie, in der von den schwulen Dackeln meiner Oma über unsere Katze, den Stiefvater, Vater, Halbbruder alle zusammen Weihnachten gefeiert haben. Ehe ist für mich da eher ein Auslaufmodell – wichtig finde ich das „In guten wie in schlechten Zeiten“, aber „Für immer und ewig“ kann keiner wirklich unterschreiben, weil niemand in die Zukunft gucken kann. Deswegen war das Heiraten auch nicht mein wichtigstes Ziel. Wir haben erst die Kinder bekommen und wollten dann irgendwann mal diese Party feiern, unsere ganzen Freunde an einem Tag versammeln und das, was wir fühlen, einfach mal ganz laut in die Welt rausschreien. Das haben wir dann auch gemacht.

Noch mal zurück zum „alten Knaben“ und seinem Ururenkel: Was liest denn der Nachfahre eines Literaturnobelpreisträgers so?

Gerade lese ich „Durst“, das neue Buch von Jo Nesbo, das ist abartig spannend. Damit habe ich am 28. Oktober eine Lesung in Hamburg. Die Thematik überschneidet sich übrigens mit unserem vorletzten Fall beim Bremer Tatort – Vampirismus. Mehr darf ich nicht sagen, sonst rammt man mir in der Redaktion einen Pflock durchs Herz. Und ansonsten liegt bei mir auf dem Tisch noch „4321“ von Paul Auster. Unter anderem, weil ich dieses Jahr schon zweimal fürs deutsche Fernsehen in Amerika drehen durfte und noch mal wissen wollte, warum mich dieses Land als Teeny so begeistert hat.

Hat es das?

Die Amis waren für mich sehr lange sehr große Vorbilder. Ihr Mut, die Chancen, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen, die Comebacks, alles, was sich in den 70er und 80er Jahren an der Westküste getan hat, die Hippiebewegung – all das war für mich mal Amerika. Paul Auster schreibt in seinem Buch über genau diese Zeit, die man ganz vergessen hat wegen dieses Fratzenmonsters, das da jetzt rumschreit und die Aufmerksamkeit von wirklich wichtigen Themen ablenkt. Sie glauben nicht, wie viele Menschen in den USA sich bei mir für diesen Typen entschuldigt und gesagt haben: Es tut uns wahnsinnig leid, was wir da getan haben. Der Spirit ist immer noch da, aber die anderen schreien halt gerade lauter.

Haben Sie in den USA denn nur gedreht oder hatten Sie auch ein bisschen Zeit fürs Land?

Zuletzt haben wir in Boston fürs ZDF gedreht, und ich hatte viel Zeit, mich umzugucken. Das ist das Tolle, wenn man nicht die absolute Hauptrolle spielt. Die hatte Gesine Cukrowski, dadurch war sie jeden Tag in jeder Szene. Und ich hatte auch mal sechs Tage Zeit, um nach New York zu fahren.

Auch nicht schlecht.

Jaaaa. New York ist für mich immer noch eine absolut inspirierende Stadt und bis heute unerreicht. Dieses Gefühl, man würde in eine Steckdose gesteckt und mit weit aufgerissenen Augen rumlaufen und alles aufsaugen, hat sich nie verloren, seit ich mit 17 zum ersten Mal da war. Und das, obwohl sich New York total verändert hat und mittlerweile unglaublich viel reglementiert ist. Dagegen ist Berlin der reinste Abenteuerspielplatz.

Was war am schönsten?

Manchmal falle ich schon sehr früh morgens aus dem Bett. Da hab ich mich am Sonntagmorgen um fünf Uhr aufs Citybike gesetzt und war fast alleine auf der Straße, als ich vom Central Park durch ganz Manhattan nach Downtown gerollt und dann am Ufer entlang vom Hudson zum East River gefahren bin. Wahnsinn. Die Leute stehen ja alle auf Sonnenuntergänge, ich bin eher der Typ Sonnenaufgang. Da hat man sogar eine Stadt wie New York fast für sich allein.

Jetzt mal Schluss mit der Schwärmerei. Seit Anfang des Jahres engagieren Sie sich für den Weißen Ring. Warum gerade dafür?

Sie sind an mich herangetreten und hatten auch schon mit Ulrike Folkerts etwas gemacht, weil es ja so naheliegend ist: Tatort-Kommissar unterstützt Verbrechensopfer. Im Tatort rennen wir immer dem Täter hinterher, aber was passiert nach einer Tat eigentlich mit dem Opfer? Wer kümmert sich darum? Was braucht dieser Mensch? Wie kann man ihm helfen? Und da gibt’s beim Weißen Ring eben Tausende von geschulten, ehrenamtlichen Helfern, die sich kümmern. Wir Schauspieler können am Ende des Drehtags mit unserer Leiche noch einen Kaffee trinken, aber das ist natürlich nicht wirklich so.

Haben Sie eigentlich auch Berührungspunkte mit der echten Polizei?

Beim Dreh sind natürlich immer auch ein paar echte Polizisten dabei. Und in den letzten Jahren wurde zweimal bei uns eingebrochen, da hat man dann natürlich auch den entsprechenden Kontakt. Als Jugendlicher habe ich ein bisschen Quatsch gebaut, da habe ich sie auch kennengelernt, aber da weiter nachzuhaken lohnt sich nicht für Sie (lacht). Ich habe letztes Jahr noch mal etwas Nachhilfe bei der Polizei genommen und mir unter anderem zeigen lassen, wie man Räume sichert, nachdem ich mich bei einem der letzten Tatorte sehr erschrocken hatte, wie Stedefreund durch die Gegend geeiert ist.

Und was haben Sie gelernt?

Man hält die Waffe nicht mehr so vor sich, dass man womöglich seinem Kollegen in die Achillesferse schießt. Da bin ich dann auch richtig Junge und fühle mich ein bisschen wie beim Räuber und Gendarme-Spiel. Und dann habe ich noch einen Nachmittag bei der Mordkommission verbringen dürfen. Am liebsten hätte ich nachher gefragt: Geht da auf dem zweiten Bildungsweg noch was? Ich würde mich gerne bewerben.

Wären Sie gerne ein richtiger Kommissar?

Nein, ich bin dankbar, dass bei uns alles nur Fiktion ist. Und daran möchte ich auch gerne noch mal diejenigen Zuschauer erinnern, die immer noch denken, dass um 20.15 Uhr die Nachrichten weiterlaufen. Nein, wir befinden uns im Reich der Illusion, des Märchens, und wir dürfen manche Sachen machen, die nicht der Realität entsprechen. Ich find es manchmal grauenhaft, wie ernst der Tatort genommen wird und wie wenig die Menschen noch bereit sind, sich Geschichten erzählen zu lassen.

Für 2019 haben Sie und Sabine Postel Ihren Ausstieg aus dem Bremer Tatort angekündigt. Dabei ist er doch eine Erfolgsgeschichte.

Es gibt eine ganze Menge Gründe und diese Entscheidung ist über Jahre bei Sabine und mir gereift, aber am Ende ging’s mir auch darum, wieder mehr Freiheit zu haben und selbst entscheiden zu können. Ich bin beruflich nicht angetreten, um ein Leben lang Kriminalkommissar zu sein, sondern ich bin Schauspieler.


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