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INTERVIEW Jürgen Vogel : „Ötzis Tattoos haben mir echt gut gefallen“

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Aus der Onlineredaktion

Schauspieler Jürgen Vogel über eine Rolle, die ihm viel abverlangt hat.

svz.de von
erstellt am 02.Dez.2017 | 16:00 Uhr

Er hat schon so manche Extremrollen gespielt, meist allerdings in der Großstadt von heute. Für „Der Mann aus dem Eis“ schlüpfte Schauspieler Jürgen Vogel in die Rolle des Ötzi, eines Jägers aus der Jungsteinzeit, der vor 5300 Jahren im Tisenjoch in den Ötztaler Alpen hinterrücks mit einem Pfeil in die Schulter getötet wurde. Was ihm die Rolle körperlich abverlangt, aber auch als Schauspieler gegeben hat, schildert der 49-Jährige im Interview mit unserer Redaktion in Berlin.

Jürgen, hatten Sie sich schon vor dem Film für Ötzi und die Fakten interessiert?
Nein. Ich kann mich natürlich an die Nachricht erinnern, als der Ötzi entdeckt und als Mann aus der Jungsteinzeit weltbekannt wurde. Aber erst jetzt durch den Film habe ich mich viel mehr mit diesem spannenden Thema befasst und habe mir die Mumie im Museum in Bozen angeschaut.

Wie war die Begegnung mit dem Alter Ego?
Als ich ihn so gesehen habe, musste ich auch daran denken, dass er nun schon 5300 Jahre alt ist und immer noch dort liegt, wo Menschen ihn anschauen können. Ob er jemals seine Ruhe findet? Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde. (lacht) Nein, im Ernst: Ich bin fasziniert davon, wie hoch entwickelt die Kultur und Sprache in der Jungsteinzeit schon waren. Das hatte ich nicht erwartet: Landläufig denkt man bei Steinzeit ja an Menschen, die in Höhlen leben und außer „Uga Uga“ nicht viel artikulieren konnten.

Was hat Ihnen speziell an Ötzi imponiert?
Ötzi war ein professionell ausgebildeter und ausgerüsteter Jäger. Beim Bogenschießtraining für den Film habe ich gemerkt, wie treffsicher man einen Bären oder anderes Großwild erledigen kann, wenn man Pfeil und Bogen beherrscht. Der Ötzi hatte außerdem eine Kupferaxt dabei, die er zum Bauen und zur Selbstverteidigung benutzte. Mit Nadel und Faden konnte er seine Kleidung und Ausrüstung selber nähen. Er trug praktische Rucksäcke und hatte einen effektiven Strohschutz, den er sich bei Schnee und Regen über den Körper zog.

Wie fühlte sich die Fell- und Lederkleidung an?
Krass. Ich hatte ja zum Glück noch Unterwäsche drunter, sonst hätte ich mir durch die harten Nähte die Haut wundgerieben. Ich musste ja viel wandern und rennen. Beim Ötzi waren die Nähte eingetragen und geschmeidig. Die Kleidung hat wirklich warm gehalten. Das Ziegenfell weist sogar Wasser ab, weil es eine leichte Fettschicht hat.

Ist Ötzi für Sie eine Art Held der Frühgeschichte?
Auf jeden Fall: Ötzi war zum Zeitpunkt seines Todes für damalige Verhältnisse steinalt, hatte jede Menge Krankheiten und Kämpfe zu überstehen und läuft trotzdem noch über einen 3000 Meter hohen Pass. Er ist ein zäher Bursche gewesen.

Wie haben Sie sich körperlich und mental auf diese strapaziöse Rolle vorbereitet?
Ich musste konditionell fit sein und habe mich mit langen Läufen darauf vorbereitet. Gerade in der Höhe war die Arbeit extrem anstrengend. Wir waren auf einer Höhe von 3700 Metern unterwegs. Einige am Set litten tatsächlich unter Höhenkrankheit. Wir konnten in den Bergen nicht immer bis an die Motive heranfahren. Das bedeutete: Von einer Basis mussten wir zu Fuß los. Zwölf-Stunden-Tage waren da keine Seltenheit. Und am nächsten Tag mussten wir wieder ganz früh los, um im Tageslicht zu drehen. Bei diesen Strapazen acht Wochen lang die Konzentration und Spannung zu halten war schwierig. Am Ende waren wir auch mit Schneefall und eisigen Temperaturen konfrontiert.

Sie sind Kampfsportler. War das ein Vor- oder Nachteil für die Nahkampfszenen, die ja archaisch wirken mussten?
Ich mag es, wenn es so roh ist. Die Technik reduzieren kannst du immer gut, solange du weißt, wie du fällst und wie kräftig ein Schlag sein muss, um jemanden ernsthaft zu verletzen oder zu töten.

Haben Sie selbst etwas Archaisches in Ihrem Wesen?

Ich bin vom Typ auf jeden Fall jemand, der sehr instinktiv ist. Das kann ein Nachteil sein, aber viel öfter ein Vorteil. In solchen Situationen, wenn es ums Existenzielle geht, kann man einen Unterschied im Vergleich von heute und früher nennen: Die Menschen haben vor allem deswegen überlebt, weil sie ganz stark dem Instinkt gefolgt sind. Ängste, Vermutungen, Stimmungen, Schwankungen, Gefühle – der Mensch hat viele Instinkte, denen er in der heutigen Welt kaum noch folgt. Es würde uns guttun, wieder stärker auf die innere Stimme zu achten.

Was wurden in der Maske alles an Ihnen verändert?
Ich habe mir einen Vollbart wachsen lassen, der war also echt. (lacht) Für die Haare hatte ich eine Perücke zu tragen. Trotzdem habe ich jeden Tag fast zwei Stunden lang mit Maske und Klamotten verbracht.

Mussten Ihre Tattoos überdeckt werden?
Nur für eine Szene ganz am Anfang, in der ich oberkörperfrei zu sehen bin.

Die Vorliebe für Tattoos haben Sie mit Ötzi gemeinsam. Würden Sie sich ein Ötzi-Tattoo als Erinnerung stechen lassen?
(lacht) Weiß ich noch nicht. Das hängt vom Erfolg des Films ab. Ötzis Tattoos haben mir aber echt gut gefallen. Ich wollte nur jetzt nicht gleich übertreiben. Ich habe ihn gespielt, jetzt muss ich nicht auch noch seine Tattoos haben.

Sie haben im Film eine fiktive Sprache gesprochen. Wie war das für Sie?
Fremdartig. Aber ich weiß gar nicht, ob sie so fiktiv war. Linguisten haben sich für den Film mit einer Sprache beschäftigt, wie sie zu der Zeit in der Gegend hätte sein können. Aber ich hatte ja nicht so viel zu sprechen. (lacht)

Paleo-Diät ist gerade ein angesagter Trend: viel Fleisch, Obst, Gemüse, aber Verzicht auf Kohlenhydrate und Milch. Ist das was für Sie?
In der Vorbereitung zum Dreh habe ich einfach weniger Zucker gegessen und wie sonst auch auf meine Ernährung geachtet: zum Beispiel viel Wasser und wenig Säfte getrunken. Viel Fleisch zu essen halte ich aber auch nicht für so gesund.

Der Plot wird stark beherrscht von Gewalt und Rache und Naturerlebnissen. Kommen das soziale Alltagsleben und der Humor der damaligen Menschen nicht zu kurz?
In der Geschichte vielleicht, aber man kann ja jederzeit eine andere erzählen. Es kommt immer etwas zu kurz. In der Komödie kommt oft die Action zu kurz. Für uns war klar: Das ist eine Abenteuer- und Rachegeschichte. Der Film erzählt etwas über die Zeit, aber vor allem über die Figur des Ötzi. Wir wissen, dass er umgebracht wurde, aber wir wissen nicht von wem und warum. Aus diesem Rätsel haben wir eine spannende und möglichst unterhaltsame Vorgeschichte entwickelt. Wir behaupten nicht, dass es so war.

Ein Überraschungsgast im Cast ist der italienische Schauspieler Franco Nero. Ein Held Ihrer Jugend?
Total. Ich war froh und auch stolz darauf, mit Franco drehen zu dürfen. Er ist ein netter Kollege und toller Schauspieler. Er spielt im Film eine erhabene Figur, könnte auch eine Art Engel sein.

Die DNA des Ötzi wurde analysiert. Die mütterliche Linie ist ausgestorben, die väterliche findet sich auf Sardinien und Korsika wieder. Würden Sie gern Ihre Abstammung kennen?
Weiß nicht. Was sollte mir das bringen?

Man kann heutzutage Institute damit beauftragen...
Ich wage zu bezweifeln, dass man dort tatsächlich die Wahrheit über seine Vorfahren erfährt. Das wäre mir zu unsicher.

Wenn Sie einen Trip in der Zeitmaschine frei hätten, wohin ginge die Reise?
(lacht) Ganz klar in die Zukunft. Ins Jahr 3000. Ich würde auch liebend gern mal in einem Science-Fiction-Film mitspielen.
 

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