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WOCHENEND-INTERVIEW : Niedergedrückt von der Angst

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Musiker Nicholas Müller mit neuer Selbstachtung: Wie der Ex-„Jupiter Jones“-Sänger die Panik in den Griff bekam.

svz.de von
erstellt am 13.Dez.2015 | 09:00 Uhr

Ein grauer Mittag in Münster. Vor der Lambertikirche stehen die Buden des Weihnachtsmarkts. Der Reporter zieht sich in den Schatten der Arkaden zurück und sucht die Klingel der Agentur, in der das Interview stattfinden soll – da tut sich die Tür auf, und ein großer und freundlich dreinblickender junger Mann mit wild tätowierten Armen tritt auf den Bürgersteig. Nicholas Müller, der 34-jährige Ex-Sänger von Jupiter Jones.

Du hast dir die Themen Angststörung und Panikattacken zu eigen gemacht. Wenn man verfolgt, was du in jüngster Zeit singst oder sagst und wo, kann einen das Gefühl beschleichen, dass du in Sachen Angst missionarisch unterwegs bist…
Na ja, so eine klassische Missionarstätigkeit ist ja doch eher was Fragwürdiges… Das ginge so in die Richtung „Ach, lass uns nach Afrika reisen und alle Naturgötter abschaffen und das Christentum verbreiten“... (lacht).

Aufklärerisch unterwegs.
Das ist besser! Das Motto ist eher „Lasst uns über etwas sprechen, das eigentlich alle betrifft und worüber die Menschen viel zu wenig wissen“. Das mache ich sehr gerne, und es hat sich herausgestellt, dass man es wirklich sehr häufig machen muss. Einmal reicht da meistens nicht.

Woran machst du das fest?
Daran, dass es immer noch ein großes Informationsdefizit gibt, was die Erkrankung angeht. Das wird einem bewusst, wenn man mit der „Deutschen Angstselbsthilfe“ spricht. Die sagen nämlich, neben der Finanzierung ist die Aufklärungsarbeit eines ihrer größten Problemfelder. Dass das Thema noch so schambesetzt ist, was es nicht muss. Was sich bei Depressionen und Burn-out schon ein bisschen gebessert hat, ist bei der Angst immer noch gegeben. Dabei ist es eine der am häufigsten auftretenden psychischen Erkrankungen.

So offen mit seinen Gefühlen umzugehen ist mutig – wie sind die Reaktionen darauf?
Da ist echt viel Empathie dabei, weil ganz viele Menschen plötzlich so was schreiben wie: „Hey, das habe ich auch!“ Was für mich genau den Effekt erzielt, den wir haben wollten. Nachdem ich bei Stern TV war, hatte ich über 300 private Nachrichten bei Facebook, Der totale Wahnsinn – da muss ich mir auch noch mal was überlegen, wie ich das handeln kann. Das waren teilweise richtige Briefe, von der Länge her, nicht nur so: „Hey, toller Auftritt.“

Du hast das Wort Empathie benutzt. Mir scheint, dass dir das besonders wichtig ist. In einem anderen Interview hast du mal gesagt, als die Angststörung richtig ausgebrochen war, hast du „deine Empathie verloren“. Wie ist das gemeint?
Ich habe den guten Willen der Menschen um mich herum nicht mehr wahrnehmen können, habe mich nur um mich selbst gedreht. Ganz konkret ist das bezogen auf meine Frau, die ist von meiner Therapeutin angewiesen worden, während meiner Panikattacken eben nicht den Krankenwagen zu rufen. Und deswegen habe ich sie wirklich angepflaumt – freundlich ausgedrückt. Ich hatte wirklich Zeiten, in denen ich mich so gestraft gefühlt habe, dass ich mit sämtlichen Instanzen, mit Gott und allem, drüber diskutiert habe: Warum denn gerade ich? Und das ist nicht sehr empathisch, weil die Menschen um mich herum mit darunter gelitten haben, was ich gerade durchmache.

Warum sollte sie denn nicht den Krankenwagen rufen?
Die Panikattacken waren die pure Angst vor dem Tod, ohne, dass da wirklich was war außer der Angst. Ich dachte, ich sterbe, jetzt gleich. Ich hatte Hitzewallungen, Schwindel, Herzrasen, kalten Schweiß, all so was. Später habe ich mich dann immer auf den Boden gelegt, die Beine angewinkelt und gewartet, dass es weggeht. Das hatte ich weit über tausendmal.

Die Angststörung ist ausgebrochen, nachdem du den Tod deiner Mutter hautnah miterlebt hast. Ist das nicht ganz normal, dass einem das Angst macht und einen in die Warumschleifen hineinbugsiert?
Klar. Und das ist jedem gestattet. Allerdings muss man halt irgendwann den Absprung schaffen und wieder rauskommen aus diesem Strudel. Fürsorge, Selbstliebe, Achtsamkeit, dass man sich selber wieder lieben lernt, so was ist wichtig. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man dann sagen muss: Okay, alles klar, jetzt muss ich mich auch wieder um den Rest kümmern, nicht immer nur um mich. Und das ist eben gar nicht so einfach, wenn man so lange an sich selber rumoperiert hat.

Du bist dann ausgestiegen, hast „Jupiter Jones“ verlassen, mitten auf der Welle des Erfolgs. Nimmt der Rest der Band dir das übel?

Wenn du zwölf Jahre zusammen unterwegs bist, ist das fast beziehungsähnlich. Und dann macht man nach zwölf Jahren Schluss. Da telefonierst du erst mal nicht mehr, ganz egal, ob das im Guten oder im Schlechten auseinandergegangen ist. Das wird die Zeit einfach zeigen, was passiert.

Und jetzt? Wenn du morgens in den Spiegel guckst – ist dann wieder genug Selbstliebe da?
Boah, das ist aber auch eine fiese Frage… Morgens, das ist eher so: Um Gottes willen, wer bist du? Na komm, ich wasch dich trotzdem… (lacht). Ich bin jetzt nicht so der klassische Popstar. Ich habe dann auch noch so eine Knirsch-Schiene drin und solche Angelegenheiten…

Mahlst du dir deine Zähne kaputt?
Aber wie! Ich habe mir tatsächlich vor Kurzem eine Füllung aus dem Zahn geknirscht (lacht).

Aber mal im Ernst: Kannst du dich selbst wieder lieb haben?
Also, in erster Linie geht es um dieses Leistungsträgerding. Dass man sich selbst so oft zwingt zu sagen: Ich muss, ich muss, ich muss. Dabei stimmt das gar nicht. Und die Frage ist doch: Was muss ich wirklich? Und was kann ich und möchte ich auch? Und inwiefern helfe ich Leuten damit, wenn ich das jetzt durchziehe, obwohl ich es eigentlich gar nicht kann? Oder ist es besser zu sagen: Heute nicht, aber dafür dann morgen wieder. Das ist ein Teil der Fürsorge und Selbstliebe. Das ist ganz, ganz wichtig.

Deine Tochter kam, während du in der Auszeit warst. Das war auch für den Heilungsprozess wichtig?
Total. Ich kenne genug Menschen, die gerade mit einer solchen Aufgabe in eine ähnliche Problematik gerutscht wären. Plötzlich zu merken, okay, ich bin jetzt für ein Leben verantwortlich, ich muss nicht mehr bloß den Haushalt stemmen, das hat mir gutgetan. Ich bin ja jetzt wirklich dafür verantwortlich, dass dieser kleine Mensch angstfrei überlebt.

Klingt anspruchsvoll. Ein Kind angstfrei aufwachsen lassen in einer Welt wie dieser...
Na klar, einen Menschen in eine Welt zu entlassen, in die man aktuell einen Menschen nicht unbedingt entlassen möchte, und ihm trotzdem beizubringen, dass sich jeder Tag lohnt, das ist eine unheimlich wichtige Aufgabe. Dabei habe ich wahrscheinlich viel mehr gelernt als sie. Also sie hat mir mehr beigebracht als ich ihr.

Was deine konkrete Panik ausgelöst hat, waren die ersten richtig heftigen Todeserfahrungen. Erst deine Oma, dann deine Mutter. Das Lied „Still“ von Jupiter Jones beschreibt diesen Prozess, wie deine Mutter im Zimmer oben stirbt, während du unten liegst. Das ist quasi der Tag nach dem Ableben meiner Mutter. Dem „Spiegel“ hast du gesagt, du hättest dir die Hände an der Wand blutig geschlagen.

Ja, das war fast filmreif, tatsächlich. Das war mein erster Reflex. Ich musste irgendwas verprügeln, da hat sich die Wand halt angeboten.

Hat sich denn dieses Gefühl mittlerweile gewandelt? Kannst du in die Trauer reingehen, wenn das Thema aufkommt? Oder ist dann sofort die Angst da, die das überschwemmt?
Nein. Das ist es eben. Trauern ist eine wichtige Angelegenheit. Ich habe einen zehnwöchigen Klinikaufenthalt hinter mir, und da habe ich zum ersten Mal exzessiv getrauert. Ich habe da eine Trauer erlebt, die war so mächtig, dass ich gedacht habe, es ist schon wieder irgendwas falsch. Aber die Menschen sagten: Nein, das ist genau richtig, das ist eben die Trauer.

Keine Wut mehr, keine Verzweiflung, keine Ohnmacht?
Ich bin immer noch stinksauer. Als meine Mutter gestorben ist, war sie nur 15 Jahre älter, als ich es jetzt bin. Wenn ich mir überlege, dass ich jetzt nur noch 15 Jahre zu leben hätte, dass dann mein Kind gerade mal 16 Jahre alt wäre, macht mich das sauer. Das war so unnötig. Aber es ist jetzt okay. Ich habe mit der Sache nicht abgeschlossen, auch nicht meinen Frieden gemacht. Es ist mehr so eine Art Waffenstillstand, aber ein endgültiger.
 

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