Jugendforscher : „Nicht gewohnt, auch mal Kritik zu bekommen“

Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance
Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance

Mangelnde Ausbildungsreife Folge von Überbehütung. Wissenschaftler sieht „Helikopter-Eltern“ kritisch

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22. Juli 2018, 20:45 Uhr

Die von Firmen oft beklagte mangelnde Ausbildungsreife von Jugendlichen ist nach Ansicht des Berliner Jugendforschers Klaus Hurrelmann auf den Erziehungsstil der Eltern zurückzuführen. „Das Verwöhnen und Überbehüten von Kindern greift immer mehr um sich, mit weitreichenden Folgen“, sagte Hurrelmann der in Bielefeld erscheinenden „Neuen Westfälischen“.

Unternehmen und Hochschulen begegneten bei der Nachwuchssuche immer häufiger jungen Menschen, die unsicher, unselbstständig und unfähig seien, mit Kritik umzugehen.

In der modernen schnelllebigen Zeit hätten Mütter und Väter den Eindruck, dass sie immer weniger beeinflussen könnten, und entwickelten sich zu sogenannten Helikopter-Eltern, sagte Hurrelmann.

Zudem steige die Zahl der Einzelkinder, die mehr Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekämen. Auch bei Konflikten in der Schule lösten sie die Probleme, betonte der Wissenschaftler: „Für schlechte Noten sind dann die Lehrer verantwortlich.“

Das Verwöhnen und Überbehüten von Kindern ist nach Meinung des Erziehungswissenschaftlers gut gemeint, sorgt aber dafür, dass Eltern ihren eigentlichen Erziehungsstil verfehlen. „Wenn Kinder nie ein Nein hören, nicht einmal kleinste Widerstände überwinden müssen und immer in engem Kontakt mit den Eltern stehen, dann entwickeln sie sich nicht in die starken und sozialen Persönlichkeiten, die sie sich wünschen“, sagte Hurrelmann.

Unternehmen und Hochschulen seien den Umgang mit „fragilen Persönlichkeiten“ nicht gewöhnt, sagte Hurrelmann weiter. Das Konfliktpotenzial zwischen Auszubildenden und Studierenden mit ihren Ausbildern sei in solchen Fällen entsprechend hoch. So komme es schnell zu Kurzschlussreaktionen wie Kündigungen oder Studienabbrüchen, wenn es einmal Streit gibt. „Weil die Bewerber einfach nicht gewohnt sind, auch mal Kritik zu bekommen“, sagte der Wissenschaftler, der an der Hertie School of Governance in Berlin forscht.

Kinder entwickeln sich laut Hurrelmann auch dann zu fragilen Persönlichkeiten, wenn sie von Eltern vernachlässigt werden. „Rund zehn Prozent der Eltern fördern und fordern ihre Kinder nicht“, sagte er. Beide extremen Erziehungsstile schadeten der Entwicklung von Mädchen und Jungen.

„Kinder benötigen eine Mischung aus Anerkennung, Anleitung und Anregung“, sagte Hurrelmann und plädierte zugleich für mehr Unterstützungsangebote für Eltern: „In Kitas könnte man Elterntrainings besonders gut integrieren, denn der Bedarf ist groß.“

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