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Ostdeutsche lebt ihren Traum : Neues Leben in Lappland

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Ostdeutsche zog 2000 Kilometer weit, um ihren Traum zu leben: Mit zwei Rentieren und ihrem schwedischen Mann hat sich Uta Fransson selbstständig gemacht.

Das schnelle Klicken der Rentierhufe auf dem harten Waldboden sagt eindeutig: Lumi und Dalvi haben genau verstanden, worum es geht. Wenn Tord sie nämlich ruft, gibt es Futter: Flechten und leckeres Moos. Und dann bewegen sie sich auch gern mal ein bisschen schneller. „Das Klicken dient den Rentieren zur Orientierung. Wenn sie die Hufgeräusche ihrer Kumpel hören, wissen sie, dass die Herde noch beieinander, also alles in Ordnung ist.“ Tord hat in seiner Familiengeschichte auch Wurzeln schwedischer Ureinwohner, der Samis. Er kennt sich aus mit den Waldtieren Lapplands.

Lumi und Dalvi sind allerdings zahm. Jemand wollte die Rentiere vor ein paar Jahren dringend abgeben. „Da mussten wir bei Nacht und Nebel in den gefrorenen Novemberboden noch Pfähle für einen Pferch rammen!“ Tagsüber arbeitete Tord damals noch als Lehrer am Gymnasium. Inzwischen ist er 70 und die große Stütze für seine Frau Uta, die 2009 ihre Firma „arctic glas“ auf dem gemeinsamen Grundstück in Renvallen bei Arvidsjaur eröffnete.

Uta Fransson hat den Tisch gedeckt, es ist kurz nach 12 Uhr. Zeit für das typische schwedische zweite Frühstück, Lunch: Brot, Aufstrich, Kaffee. „Ich sehe es noch genau vor mir – wie meine Familie und ich 1990 die Sachen gepackt haben und mit dem VW-Bus gen Norden gefahren sind. Skandinavien hat uns damals allerdings nur mit Regen und Nebel empfangen. Am Meer saßen wir und genossen die Freiheit.“

Die hatte sich die Mutter von vier Kindern ein Jahr vorher schon erkämpft: Im September 1989 blieb sie nach der Hochzeitsfeier ihrer Kusine in Hamburg verbotenerweise einfach im Westen. „Mein Mann und die Kinder sollten aus Dresden später nachkommen, so hatten wir es geplant.“ Weil in Schleswig-Holstein entfernte Verwandte wohnten, schickte man sie aus dem Zentralen Aufnahmelager in Gießen zunächst nach Harrislee. „Dort fand ich bei einer ganz lieben Familie – bei Ulla und Wilfried Beckedorf – zunächst ein Zuhause.“

Als die Grenze geöffnet wurde, zogen ihr Mann und die vier Kinder nach und die Familie bekam eine Wohnung in Flensburg, wo drei der Kinder heute noch wohnen. In den Urlauben zog es die Familie immer wieder nach Skandinavien. Die Kinder besuchten damals die dänische Schule. „Sie sprachen inzwischen gut dänisch. Aber als es darum ging, in den lappländischen Bergen mit dem einsamen Angler Tord zu kommunizieren, der dort abends ein Lagerfeuer angefacht und die Familie zu sich eingeladen hatte, da saß ich ,Sprachtalent’ dann plötzlich allein mit ihm am Feuer!“ Und irgendwie begann es zwischen den beiden zu knistern  …

Uta gießt ihrem Mann Tord Kaffee nach, er lächelt sie an. Sie genießen die kurze freie Zeit miteinander, während draußen dicke weiße Flocken in die gerade frei geschobene Hofeinfahrt schweben und die Thermometer-Säule unaufhaltsam klettert. Für morgen sind Sonne und Temperaturen bis zu plus acht Grad angesagt – ein ungewöhnlicher Wärmeeinbruch für März. Normal sind jetzt minus zehn Grad. „Aber was ist schon normal?”, fragt Tord. „Anfang Januar hatten wir ungewöhnlich lange Kälte bis minus 42 Grad, dafür liegt fast ein Meter Schnee weniger als vor einem Jahr.” Bis Ende April hält der meistens, manchmal auch bis Mitte Mai. Noch türmt er sich weit über einen Meter, die Straßen sind mit fester weißer Eisdecke überzogen.

„Mich hat diese Landschaft, dieses Klima hier im Norden von Anfang an fasziniert”, erzählt Uta. „Als leidenschaftliche Fotografin vor allem das Licht. Natürlich sind im Dezember so kurz unterhalb des Polarkreises die Tage kurz – mit gerade einmal vier Stunden Sonnenlicht. Aber schon jetzt im März sind sie wieder länger als in Deutschland.” Ab Mitte Mai sind dann auch die Nächte hell. Der Zufall half damals ein wenig nach, als sich Uta – die sich inzwischen von ihrem Mann getrennt hatte – parallel in Deutschland und im nordschwedischen Gällivare bewarb. „Ich hatte in Flensburg alles versucht – als Verkäuferin gearbeitet, im Kindergarten, geputzt, Automaten befüllt, zuletzt war ich in einem Privathaushalt. Aber es gab einfach keine festen langfristigen Stellen, die mich ausgefüllt hätten.“ Denn eigentlich wollte sie nach der Schulzeit in die künstlerische Richtung gehen. Ihr Traum war eine Lehre als Dekorateurin oder bei einem Goldschmied. Aber da gab es leider keine Plätze. „In der Porzellan-Manufaktur Meißen hätte ich anfangen können. Das wollte ich nicht.“ So blieb ihr die Apotheke ihrer Mutter, sie wurde Apothekenhelferin.

Beim Bewerbungsgespräch in Gällivare im Jahr 2001 bei einer deutschen Solarmodulfabrik war man ziemlich verblüfft, dass jemand einen fast 2000 Kilometer langen Anfahrtsweg auf sich nahm. Doch es hat sich gelohnt für Uta. „Meine Kinder waren von meinem Umzug nicht so begeistert – Therese begann damals gerade zu studieren, die Zwillinge und der Jüngste waren in der Lehre. Aber ich tat es für mich.“ Und sie traf Tord wieder. Die beiden genossen nun nicht nur die Landschaft Lapplands, sondern auch ihre Liebe wuchs.

Uta begann, mit Airbrush Aquarelle zu malen und belegte Fotokurse. Mit dem Wohnmobil tourten Tord und sie in ihrer Freizeit durch Lappland, auch, um ein Haus in ländlicher Idylle für sich zu suchen. „Tatsächlich fanden wir unser Renvallen unweit von Arvidsjaur am wunderschönen Fluss Svärdälven aber dann im Internet“, erzählt Tord. Als Lehrer konnte er überall arbeiten. Für Uta wurde die Fahrstrecke nach Gällivare nun jedoch zu lang. Sie kündigte nach acht Jahren in der Qualitätskontrolle der Firma – und bekam als Abschiedsgeschenk von ihren Kollegen unter anderem eine gefrostete Glasvase.

„Das ist es!“ In dem Moment wusste Uta, wie ihre Zukunft aussehen könnte: Künstlerisches und Handwerkliches ließen sich im Glas verknüpfen, die Idee für ihre Selbständigkeit war geboren. Die ersten Sandstrahlversuche unternahm sie in einer ausgedienten Außentoilette. „Das war im Jahr 2009“, erinnert sie sich und streichelt ihren kleinen Hund, der sie ganz sicher um sein Leben vor jedem Bösen verteidigen würde. Er, die Katze und der Kater haben sich durchgesetzt: Ihnen wird gern gefühlte 50 Mal am Tag die Tür zum Raus- und Reingehen geöffnet.

Utas Firma Arctic Glas ist mit den Jahren enorm gewachsen. Neben der Werkstatt gibt es heute eine Ausstellung, einen Online-Shop – sie schickt die bestellte Ware nicht nur an Privatleute, sondern auch an Boutiquen, Hotels und Cafés. Außerdem betreibt sie ein Sommer-Café. „Das Café war wirklich nicht geplant“, erzählt sie schmunzelnd. „Ja, es gab ein ganz lustiges Wortspiel: Glass heißt im Schwedischen Speiseeis. Und darum verlangte tatsächlich ein Gast Kaffee und Eis!“

Im Jahr darauf hat Tord für seine Uta dann eine Grillkota, eine Grillhütte, gebaut, in der sie nun Kaffee und leckere Waffeln verkauft. Am liebsten aber wirbelt sie in ihrer Werkstatt, zaubert filigrane Muster ins sandgestrahlte Glas – Wildtiere, Vögel, Angler oder auch samische Schriftzeichen. „Ich mache, was mir und anderen gefällt. Es ist ein wunderbares Gefühl, dieses positive Feedback zu bekommen!“ Von Hochzeitsgläsern, Schalen und Sektkelchen über Windlichter bis zu Vasen und Firmengeschenken mit Logo entwirft sie die Motive am Rechner und stellt die Schablonen her. Gerade hat sie ihr Repertoire erweitert: Aktuell arbeitet sie an selbst designtem Silberschmuck.

„Ich habe in Schweden meine Freiheit gefunden, bin zufrieden und habe einen tollen Mann“, sagt Uta und strahlt dabei so eine innere Ruhe aus, dass man ihr die Sieben-Tage-Arbeitswoche fast rund ums Jahr nicht anmerkt. „Ja, ich bin angekommen: Ich genieße den Zusammenhalt und die Unkompliziertheit der Schweden. Konkurrenzdenken und Ellenbogeneinsatz sind hier lange nicht so ausgeprägt wie in Deutschland.” In Firmen werde vieles gemeinschaftlich entschieden.

Ob es ihr nicht zu einsam sei im fernen Lappland, werde sie oft gefragt. „Definitiv nein.” Gäste aus über 30 Ländern seien schon in ihrer Boutique gewesen, neben der Ladentheke hängt ein Autogramm von Peter Maffay. „Wir haben viele Freunde, nette Nachbarn und natürlich auch ganz viel Arbeit, die einen kaum zum Nachdenken kommen lässt.” Aber: „Ich vermisse meine Kinder, die sechs Enkelkinder und natürlich meine Mutter, die alle so sehr weit weg sind.“ Zum Glück kann sie übers schnelle Internet das Werden und Wachsen der Kleinen verfolgen. Und ab und an gibt’s eben eine kurze Überraschungstour nach Norddeutschland.



www.arcticglas.se
www.lappland-shop.se






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