Interview DJ Felix Jaehn : Nach dem Rausch

Stimmung am Mischpult:Felix Jaehn legt bei einer Silvesterparty am Brandenburger Tor auf.
Stimmung am Mischpult:Felix Jaehn legt bei einer Silvesterparty am Brandenburger Tor auf.

Mit „Cheerleader“ landete der DJ Felix Jaehn einen Welthit, rund um den Globus legt er für Feierwütige auf. Doch wenn es ihm zu viel wird, ruht er sich in einem Dorf im Norden aus – ganz nah bei seiner Mutter.

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10. März 2018, 05:00 Uhr

Als DJ ist Felix Jaehn permanent unterwegs. Er legt überall auf der Welt auf: in den USA, in Südamerika, Asien, Afrika, Europa. „Wenn ich drei, vier Nächte am Stück zu Hause bin“, sagt er, „ist das für mich Luxus.“ Ein notwendiger Luxus. Dauernd um den Globus zu jetten, schlaucht den 23-Jährigen ganz schön. Darum hat er sich selbst im vergangenen Oktober eine mehrmonatige Pause verordnet: „Weil ich fast drei Jahre unterwegs war, musste ich mal durchatmen.“

„Ein guter Typ mutiert niemals zum Arschloch.“

Das kann der gebürtige Hamburger am besten daheim in einem Dorf – den Ortsnamen verrät er zum Schutz seines Privatlebens nicht – im Klützer Winkel zwischen Lübeck und Wismar. Dort ist er mit seinen Geschwistern aufgewachsen, 2017 hat er in der kleinen Gemeinde mit rund 80 Einwohnern gebaut: ein Haus mit eigenem Studio. Seine Mutter ist jetzt seine Nachbarin. Auch zu den übrigen Dorfbewohnern hat er ein entspanntes Verhältnis: „Bei uns kennt jeder jeden. Wir haben einen wirklich familiären Vibe.“ Manchmal klingeln die Kinder aus der Nachbarschaft spontan bei Felix Jaehn, um mit ihm Fußball zu spielen.

Genau diese Normalität braucht er. Trotz seiner beachtlichen Karriere ist Jaehn ein bodenständiger Typ. „Ich glaube nicht, dass Erfolg einen Menschen grundlegend verändert“, grübelt er. „Ein guter Typ mutiert niemals zum Arschloch.“ Weil er das verinnerlicht hat, schmückt er sich nicht mit fetten Goldketten, sondern trägt beim Interview im Büro seiner Berliner Plattenfirma einen schlichten dunklen Pullover zur Jeans. Im Gespräch begegnet er seinem Gegenüber freundlich, zugewandt, offen. Er hält stetig Blickkontakt. Angesichts seiner vielen Auslandsaufenthalte verwundert es nicht, dass er regelmäßig Anglizismen in seine Sätze einstreut. Sie wirken bei ihm überhaupt nicht aufgesetzt, englische Begriffe wie Slot, Mindset oder Playlist haben sich einfach in seinen Wortschatz eingeschlichen.

Vermutlich hat er sie in den USA eingesogen, wo er mit seinem Remix des in der ursprünglichen Fassung des Jamaikaners Omi nicht übermäßig populären Reggae-Titels „Cheerleader“ 2014 einen Nummer-eins-Hit landete. Das war seit 1989 – damals führten Milli Vanilli mit „Blame It On The Rain“ die US-Hitparade an – keinem Deutschen mehr gelungen: „Die Tragweite dieses Ereignisses habe ich erst in Nachhinein kapiert.“

Denn auf einmal ging alles Schlag auf Schlag, „Cheerleader“ schoss in mehr als 50 Ländern an die Spitze der Charts: „So einen Hit zu haben ist wie ein Rausch.“ Der für Jaehn zum Glück nicht mit einem fiesen Kater endete. Er hat sich nicht beirren lassen, sondern konsequent weitergearbeitet. Mit Herbert Grönemeyer hob er die Fußball-Hymne „Jeder für jeden“ zur Europameisterschaft 2016 aus der Taufe. Er engagierte die finnische Sängerin Alma für sein Top-Drei-Lied „Bonfire“.

All diese Stücke finden sich nun auf seinem Debütalbum „I“, das Remixe mit Eigenkompositionen vereinigt. Erstaunlicherweise hat Felix Jaehn, der inzwischen international recht gut vernetzt ist, für seine Songs hauptsächlich unbekanntere Sänger ins Boot geholt. Bei „Ain’t Nobody“ zum Beispiel gesellt sich Jasmin Thompsons Stimme zu tanzbaren Beats. Felix Jaehn hat die junge Britin auf ihrem Youtube-Kanal entdeckt: „Ich bin stets offen für neue Talente.“ Mit Hilfe der Nachwuchskünstler stellt er auf seiner CD melancholischere Titel und typische Clubnummern einander gegenüber: „Egal wie unterschiedlich meine Songs sind: Letztlich durchzieht sie immer ein positiver Vibe.“

Warum liegt auf der Hand: Von einem DJ wie Jaehn erwarten die Leute, dass er sie bei Laune hält. Selbst wenn er Kopfschmerzen hat oder müde ist: „Vor einem Auftritt muss ich in den Performance-Modus reinkommen und alles andere ausblenden.“ Das erfordert Disziplin. Besonders bei zwei, drei Gigs pro Tag. Es ist nicht gerade ein Spaß, nachts in einem Club aufzulegen und dann früh morgens zu einem Festival in einer anderen Stadt zu fliegen. Zumal er von Natur aus kein Nachtmensch ist: „Ich brauche eigentlich viel Schlaf. Und zwar regelmäßig.“

„Meine Brüder fanden es früher nicht so witzig, wenn ich zu Hause gesungen habe.“

Ob seine raue Stimme seinem permanenten Schlafmangel geschuldet ist? Nein, er hat Knötchen auf seinen Stimmbändern. Deshalb kann er keine Töne halten: „Meine Brüder fanden es früher nicht so witzig, wenn ich zu Hause gesungen habe.“ Also begann Felix Jaehn, der sein Abitur in Schönberg am Ernst-Barlach-Gymnasium machte, seine Musikalität anders auszuleben. Als Kind spielte er Geige, im Teenageralter beschallte er mit seinem Computer Geburtstagspartys. Mit 15 ging er als Austauschschüler für drei Monate nach Neuseeland, wo er eigene Playlists zusammenstellte.

Das war die Basis für seine DJ-Karriere, die in Lübeck allmählich ins Rollen kam. Felix Jaehn legte anfangs im „Parkhaus“, „Cargo“ oder „Riverboat“ auf. Auch die Kieler „Pumpe“ oder das „K2“ in Schwerin buchten ihn. Mit 17 zog er für ein Jahr nach London, wo er die Point Blank Music School besuchte. Danach begann er in Berlin ein Betriebswirtschaftsstudium. Das kickte ihn allerdings nicht so sehr wie die Musik. Er stand lieber hinter seinem DJ-Pult, statt zur Uni zu gehen. Mit seinen Remixen heimste er Gold- und Platinauszeichnungen ein.

Mittlerweile hat Felix Jaehn einen prall gefüllten Terminkalender. Er gastierte sogar schon im Londoner „Ministry of Sound“, einem der größten und berühmtesten Clubs der Welt. Besonders gern denkt er an einen Auftritt in der mexikanischen Stadt Monterrey zurück. Um 15 Uhr in der prallen Sonne. „Wegen der Uhrzeit hatte ich zunächst Bedenken“, gesteht er. „Doch spätestens als ich ,Viva México‘ rausgehauen habe, waren 50 000 Menschen voll auf meiner Seite.“ Solche Momente genießt Jaehn natürlich. Trotzdem braucht er zwischendurch kleine Auszeiten – sei es in der Hotelsauna oder während eines Kurzurlaubs. Weil er 2017 zwischen ein paar Gigs in Südafrika und Indonesien einige Tage frei hatte, machte er mit seinem Bruder eine Safari: „Ich habe praktisch einen Traumurlaub eingeschoben.“

Das funktioniert recht gut. Bloß beziehungstechnisch läuft es im Augenblick nicht so rund für ihn. Obgleich viele Mädchen stundenlang für ein Autogramm von ihm anstehen, ist er nach wie vor Single: „Momentan steht der Job ganz klar im Fokus.“ Zumal es für ihn nicht so leicht ist, die Richtige zu finden. Wenn er eine Frau kennenlernt, weiß er nicht: Interessiert sie sich wirklich für ihn? Oder eher für seinen Promi-Status?

„Ich habe auf allen Ebenen die Schutzmauern ein bisschen höher gezogen und überlege genau, wen ich in meinen inneren Kreis hineinlasse.“ So soll das aber auf Dauer nicht bleiben. Irgendwann will Felix Jaehn sesshaft werden, eine eigene Familie gründen: „Wenn ich nicht mehr jeden Tag unterwegs sein möchte, könnte ich mich noch mehr aufs Produzieren konzentrieren oder vielleicht als Manager für junge Künstler arbeiten.“ Angst davor, eines Tages womöglich vor dem Nichts zu stehen, hat er jedenfalls nicht: „Ehrlich gesagt mache ich mir keine Sorgen um meine Zukunft.“

Felix Jaehn live: Donnerstag, 5. April, 19.30 Uhr, Hamburg, Mehr! Theater am Großmarkt

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