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Internetphänomene : Mit ein paar Klicks zum Trend

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Cha-Cha Baby, Rickrolling, Dudeoir oder die Gauck-Photobomb: Kuriose Internet-Hypes sind fast so alt, wie das Internet selbst

svz.de von
erstellt am 18.Apr.2016 | 11:45 Uhr

Ohne das Internet hätten die meisten von uns wahrscheinlich gar nicht mitbekommen, dass sogar Bundespräsident Joachim Gauck ein echter Scherzkeks sein kann. Denn während es vergangene Woche im Schloss Bellevue um ernste Themen wie Integrationspolitik, Asylverfahren und Einwanderung gehen sollte, photobombte Gauck eine Journalistin. Ohne zu wissen, dass diese gerade live für Flüchtlinge streamte. Und ohne zu erahnen, wie sehr er sie damit erschrecken würde. Damit sicherte er sich den einen oder anderen Lacher im Netz.

Doch wer denkt, solche viralen Trends gibt es erst seit Aufkommen der sozialen Medien, der irrt oder ist zu jung, um sich zu erinnern. Denn der wahrscheinlich erste Internet-Hit stammt aus dem Jahr 1996.

Wir erinnern uns zurück: An die Zeit des Web 1.0. Als Webseiten durchschnittlich 30 Sekunden zum Laden brauchten. Als die meistbesuchten Websites Aol und Yahoo waren. Lange vor Facebook und der Alleinherrschaft von Google, in der durchschnittliche User gerade einmal 30 Minuten monatlich im Netz verbrachten. Da zu dieser Zeit nur knapp 36 Millionen Menschen das World Wide Web nutzten – heute sind es über 3,3 Milliarden – verbreitete sich ein animiertes Gif (ein Bildformat) via E-Mail. Es zeigte ein Baby in Windeln, das einen Cha-Cha-ähnlichen Tanz aufführt. In den 1990ern wurde die Animation in vielen Werbungen und Programmen gezeigt. Unter anderem auch in der Serie Ally McBeal. In wiederkehrenden Halluzinationen symbolisierte es Allys tickende biologische Uhr. Dank der musikalischen Unterlegung – ein Blue Swede Cover von „Hooked on a Feeling“ – kennt man das Cha-Cha Baby bis heute auch als das „Oogachaka Baby“.

Sänger Rick Astley wurde ebenfalls zum Internet-Phänomen. Fast 30 Jahre ist es her, dass er mit „Never Gonna Give You Up“ seinen größten Hit landete. Spätestens nach ein paar Jahren wäre dem Song das übliche Schicksal vorbestimmt gewesen. Er würde nur noch sporadisch auf 80er Themenparties gespielt werden und schließlich in Vergessenheit geraten. Bis vor neun Jahren war das so.

Doch im Mai 2007 postete jemand im Internet einen Link, der zum ersten Trailer des Spiels „Grand Theft Auto IV“ führen sollte – heute schon ein Klassiker. Die User wurden jedoch stattdessen auf Rick Astleys Youtube Video weitergeleitet. Damit war das „Rickrolling“ geboren und verbreitete sich rasch im Netz. Nur ein Jahr später sollen bereits mehr als 18 Millionen Menschen von Rick Astley überrascht worden sein. „Never Gonna Give You Up“ wurde im Internet erneut gehyped.

Und auch außerhalb des World Wide Web schlug das „Rickrolling“ Wellen. So wurde bei den MTV Europe Music Awards 2008 die Kategorie Best Act Ever eingeführt, bei dem die Nominierung sowie die Wahl des Siegers vom Publikum übernommen wurde. Und es kam, wie es kommen musste: Neben Christina Aguilera, Greenday, U2, Tokio Hotel und Britney Spears war auch Rick Astley für den Titel nominiert – und gewann ihn, aufgrund seiner neu gewonnenen Internet-Fans.

Er und das Cha-Cha Baby sind nur einige der Running Gags und kuriosen Trends, die durch das Internet geistern und sich oft rasend schnell verbreiten. Man nennt solche Phänomene auch Memes. Sie sind Ideen, Verhaltensweisen oder Bilder, die nachgeahmt und von Mensch zu Mensch übertragen werden.

 

Brutstätte vieler Ur-Memes ist wohl das Forum 4Chan. Die Website verbindet über 50 verschiedene Kanäle. Von Waffen und Anime bis Kochen ist so ziemlich alles vertreten. Ihr berühmtestes Forum ist das themenlose /b/-Board. Wäre das Internet eine Stadt, wäre dieses Forum der Stadtteil, in dem man nachts nicht alleine sein möchte. Denn dort findet alles Platz, meist anonym. Und bis auf Kinderpornografie wird kaum etwas gelöscht. Bekannt sind 4Chan und das /b/-Board jedoch vor allem für eines: Sie sind Ursprung der Anonymous-Bewegung, die seit 2008 zunehmend politisch mit Protestaktionen auf sich aufmerksam macht.

Dank des Internets und unserer veränderten Kommunikationsstruktur verbreiten sich Bilder und Videos inzwischen unfassbar schnell. Wurden Ereignisse in den Nachrichten früher Tage später in Glossen oder Karikaturen kommentiert, ist das heute in Minuten möglich.

Nachdem Fußballer Zinédine Zidane beispielsweise bei der Weltmeisterschaft 2006 seinem Gegenspieler Materazzi einen heftigen Kopfstoß verpasste, wurde er damit innerhalb von Stunden zum Internet-Hype. Tausende Memes, Spiele und Songs entwickelte die Netzgemeinde, um sich über sein Verhalten lustig zu machen.

Der neueste Trend, der gerade das Netz belustigt, heißt Dudeoir. Es ist die männliche Form der Boudoir-Fotografie, die sonst leichtbekleidete Frauen in sexy Posen zeigt. Oft werden diese Fotoshootings genutzt, um eine körperliche Bestform bildhaft festzuhalten. Und warum sollte diese Möglichkeit nur Frauen vorbehalten bleiben? Das dachte sich auch der Kanadier Brendon Williams. Er wollte seiner Frau ein Geburtstagsgeschenk machen, das sie nicht vergessen würde und ließ sich in sexy Posen und engem Unterhöschen ablichten.

Auch die Internetgemeinde ließ er daran teilhaben. Über Nacht wurde sein Fotoalbum 100 000 mal angesehen. Kein Wunder, denn wer an ein sexy Boudoir Model denkt, hat sicher keinen haarigen Mann mit Waschbär- statt Waschbrettbauch vor Augen.

Memes und Internettrends machen aber nicht nur Spaß. Ihr Erfolg ruft auch immer mehr Unternehmen auf den Plan. 2006 erwarb beispielsweise der Condé Nast Verlag (Herausgeber von Titeln wie Vogue und GQ) die Website reddit.com, auf der User Links hochladen und gegenseitig bewerten. Heute wird die Seite jeden Tag von mehr als einer Million Menschen besucht. Auch das „Cheezburgernetwork“, zu dem Websites wie failblog.com und memebase.com gehören, fährt angeblich jährlich Gewinne von vier Millionen Dollar ein.

Kein Wunder, dass wir Tag für Tag mit Neuem überschwemmt werden. Da vergisst man fast, dass Spiele wie Moorhuhn mal voll im Trend lagen oder wir uns wochenlang gefragt haben, ob ein Kleid nun Schwarz-Blau oder Weiß-Gold war.

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