Interview Dieter Kosslick : Mister Berlinale

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Festival-Chef Dieter Kosslick hat wegen #MeToo Filme abgelehnt.

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10. Februar 2018, 16:00 Uhr

Am Donnerstag beginnt die 68. Berlinale. Vorab erklärt der Festival-Chef Dieter Kosslick, wie die #MeToo-Debatte das Programm prägt, welche Stars er am liebsten auf dem roten Teppich sieht und warum in diesem Jahr auch Landwirtschaftsminister Schmidt ins Kino gehen sollte.

Herr Kosslick, Sie stehen vor Ihrer 17. Berlinale. Im nächsten Jahr läuft Ihr Vertrag aus; wenn Sie nicht doch noch verlängern, bleiben Ihnen zwei Berlinalen. Haben Sie noch was Besonderes vor?
Ich würde nichts nachholen wollen – sondern eher ein paar Leute noch mal dabeihaben. Zum Beispiel Frances McDormand, Isabella Rossellini, Meryl Streep, Tilda Swinton. Ich würde die Zeit gern mit meinen „Cousins“ beschließen – so nennt Tilda, die dieses Jahr auch wieder kommt, die Leute, enge Freunde und Menschen, die ihr nahestehen.

Gibt es ein Erlebnis, das Sie sich einrahmen würden?
Eines? Das ist schwer, aber ich würde sagen: Als die Rolling Stones mit Scorseses „Shine a Light“ da waren, ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Als Festivaldirektor konnte ich einen Super-Film präsentieren und meinem Hobby frönen: Ich habe nun eben auch mal in einer Rock‘n’Roll-Band gespielt.

Was sind die wichtigsten Filme des anstehenden Festivals?
Das kann ein Festivaldirektor nicht beantworten. Im Wettbewerb sind 19 Filme – und wenn Sie 19 Kinder hätten, welches wäre dann ihr liebstes? Wenn Sie nach einem Film fragen, den ich außerhalb des Wettbewerbs wichtig finde, würde ich auf Fernando Solanas‘ Dokumentation über ökologische Verbrechen der industriellen Landwirtschaft hinweisen. Er beobachtet in Argentinien die Missbildungen von Kindern. Sie wuchsen in der Nähe von Glyphosat-besprühten Feldern auf und sind dort zur Schule gegangen. Das sollten sich alle ansehen, vor allem der Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, mit dessen Stimme dieses völlig verharmloste chemische Mittel in der EU für weitere fünf Jahre zugelassen wurde.

Ihr Eröffnungsfilm ist Wes Andersons „Isle of Dog“, dessen Helden Trickfilm-Hunde sind. Konnten Sie die Synchronsprecher für den roten Teppich gewinnen? Von Bill Murray bis Scarlett Johansson ist ein gutes Dutzend Superstars dabei.
Auf jeden Fall. Selbst wenn nur die Hälfte all der Schauspieler kommt, die da bellen, haben wir einen sehr glamourösen Eröffnungsabend.

Ausgerechnet am Eröffnungstag der Berlinale startet in den deutschen Kinos der Oscar-Favorit „The Shape of Water“. Warum hatte der seine Premiere in Venedig und nicht bei Ihnen?
Es gibt Filme, die rechtzeitig für Cannes fertig werden, Filme, die rechtzeitig für Venedig fertig werden. Und solche, die es zur Berlinale schaffen. Letztes Jahr waren dies zum Beispiel die beiden ebenfalls für den Oscar nominierten Bären-Preisträger „Körper und Seele“ und „Eine fantastische Frau“. Die Produzenten und Verleiher können einen Film nicht Monate lang liegen lassen bevor er ausgewertet wird. Das war mal so, sogar vor 17 Jahren noch, als ich zum ersten Mal nach Hollywood gefahren bin. Da waren im Herbst Filme fertig, die sie bis zur Berlinale zurückgehalten haben. Das ist längst vorbei – aus Angst vor Piraterie und auch weil die Filme mit Krediten finanziert werden und schneller in die Kinos kommen müssen, wenn sie fertig geworden sind.

Ein bisschen hat es womöglich auch mit dem Oscar zu tun?
Das stimmt. Viele Filme laufen im Dezember und Januar an, weil sie sich für die Oscars qualifizieren wollen; das setzt einen vorherigen Filmstart voraus.

Die deutschen Filme, die zuletzt am meisten für Furore sorgen, liefen in Cannes: Maren Ades „Toni Erdmann“ und Fatih Akins „Aus dem Nichts“ – Filmemacher, deren Karriere mit Berlinale-Bären begann.
Maren Ade hatte vorher all ihre Filme bei uns gezeigt und auch Bären gewonnen. Bei „Toni Erdmann“ hieß es, der Film ist nicht fertig. Um Fatih Akin hatte ich mich natürlich auch bemüht, er hatte ja 2004 bei uns einen Goldenen Bären gewonnen. Wenn Sie fragen wollen, ob die Berlinale nach Cannes hintanstehen muss: Nein, aber andere sehen das anders.

Und was sind die Gründe?
Da müssen Sie die Leute fragen. Wenn man einige Zeitungen liest, könnte man meinen, dass man die Berlinale abschaffen sollte und besser ganz nach Cannes geht. Wenn man aber in Cannes ist, sagen alle, wie schlimm es dort ist: Vor der Berlinale ist dann wieder in Cannes alles besser. Was soll ich da widersprechen? Jedes Jahr beantworte ich zwei Monate lang diese fürchterliche Frage. Wenn ich im nächsten Jahr meine letzte Berlinale habe, freue ich mich auf nichts so sehr wie auf das Ende dieses Themas.

Sie leiten das größte Publikumsfestival der Welt und begeistern 335 000 Zuschauer für taiwanesische Arthouse-Filme mit Untertiteln – für den Rest des Jahres gehen die Leute in „Fack ju Göhte“. Bewirkt die Berlinale denn gar nichts?
„Fack ju Göhte“ trifft den Nerv von sieben Millionen Leuten; und wenn so viele Menschen ins Kino gehen, finde ich das gut. Umgekehrt ist es natürlich interessant, dass bei uns in zehn Tagen Hunderttausende normaler Menschen in abenteuerliche Filme gehen – offensichtlich besteht gesellschaftlich auch noch ein anderes Bedürfnis.

Hollywood wird von der MeToo-Debatte durchgeschüttelt. Sie waren in Hamburg mal Sprecher der Leitstelle für die Gleichstellung der Frau. Hat das die Berlinale geprägt?
Das sollte mich natürlich genügend sensibilisiert haben. Ich habe mein Leben lang mit überwiegend weiblichen Teams gearbeitet, in Hamburg, später auch als Präsident der ersten europäischen Filmförderung. Auch dann bei der Filmstiftung NRW, und hier bei der Berlinale. Beim Personal kann man das Geschlechterverhältnis leicht beeinflussen. Bei den Filmen, ist es schwieriger, aber die Zahl der Einreichungen von Regisseurinnen steigt. In diesem Jahr sind es im Wettbewerb vier – was bei 19 Filmen natürlich wenig ist. Aber früher waren es gar keine. Bei den Kamerafrauen gibt es weniger, beim Drehbuch und in der Produktion holen die Frauen auf – bei der Berlinale überholen sie sogar. Ich weiß nicht, ob das bewusste oder eher unbewusste Entscheidungen sind, ob es überhaupt an mir liegt. Aber es war sicher nicht schlecht, dass ich diese Erfahrung mitgebracht habe.

Ridley Scott hat Kevin Spacey aus „Alles Geld der Welt“ rausgeschnitten, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden. Würden Sie, wenn Sie es könnten, beide Fassungen zeigen?
Der Vergleich wäre auf jeden Fall interessant. Ob ich es machen würde, weiß ich nicht. Das berührt eine Debatte, die auch auf der Berlinale geführt wird: Kann man die Kunst vom Künstler trennen? Wenn man sich die Filmgeschichte daraufhin ansieht, die Kulturgeschichte überhaupt, dann wird man wahrscheinlich zur Ansicht kommen: Man muss es trennen. Als Veranstalter haben wir uns in diesem Jahr trotzdem anders entschieden. Wir haben in diesem Jahr Arbeiten von Leuten nicht im Programm, weil sie für ein Fehlverhalten zwar nicht verurteilt worden sind, es aber zumindest zugegeben haben.

Verraten Sie die Namen?
Nein.

Tilda Swinton wird vorgeworfen, dass sie in „Doctor Strange“ als Weiße eine ursprünglich asiatische Figur gespielt hat, Liam Neeson, dass er in der MeToo-Debatte vor Hexenjagd warnt. Die moralische Sensibilisierung ist derzeit sehr hoch. Zu hoch?
Bei all diesen Debatten finde ich vieles ganz kompliziert, Grenzen zu setzen. Seit 17 Jahre umarme ich auf dem roten Teppich Tausende von Menschen. Ist das noch politisch korrekt?

Ich denke, da dürfen wir Einvernehmlichkeit unterstellen. Wenn Deneuve nicht umarmt werden will, merken Sie es.
Das stimmt. Bei MeToo gibt es meines Erachtens eine klare Grenze: Alles, was durch Gewalt aufgezwungen wird, ist ein Vergehen. Jenseits dieser Grenze gibt es aber viele Schattierungen und Einzelfälle, über die man diskutieren muss. Und auch dazu ist die Berlinale da. Wir haben einen Film über Astrid Lindgren im Programm: Darf Pippi Langstrumpfs Vater noch ein „Negerkönig“ sein? Muss man das Wort entfernen? Was hat es bedeutet, als Lindgren es vor vielen Jahrzehnten geschrieben hat? MeToo ist auch bei der Berlinale 2018 präsent. Im Bereich des Filmmarkts diskutieren wir auf mehreren Veranstaltungen Diversität, Inklusion aber auch Geschlechter-Gerechtigkeit. Als Festival möchten wir nicht nur Entwicklungen verfolgen, sondern auch ein Ort sein, wo Probleme gehört und diskutiert werden.

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