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Angela Merkel ist Person des Jahres : „Menschlichkeit, Güte, Toleranz“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kanzlerin der freien Welt: Für ihre Politik des „Wir schaffen das“ kürt „Time“ Angela Merkel nun mit der höchsten Auszeichnung.

svz.de von
erstellt am 09.Dez.2015 | 21:00 Uhr

Was passt nicht in die Reihe: Sowjet-Diktator Josef Stalin, Nazi-Reichskanzler Adolf Hitler, Terror-Kalif Abu Bakr al-Bagdadi und Bundeskanzlerin Angela Merkel? Dass das US-Magazin „Time“ die CDU-Politikerin mit dem Titel „Person des Jahres“ 2015 kürt, muss als Würdigung von Merkels unermüdlichem Krisenmanagement und ihrer Führungsstärke verstanden werden. Zugleich tritt die 61-Jährige damit in den Kreis einer höchst fragwürdigen Gesellschaft.

Zwar sind es häufig Verfechter des Friedens, mutige Abenteurer und kühne Wissenschaftler, die zur „Person of the Year“ (POY) gewählt werden. Der indische Widerstandskämpfer und Pazifist Mahatma Gandhi (1930) war ebenso dabei wie der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King (1963) und der reformorientierte Kremlchef Michail Gorbatschow (1987, 1989). Gleich elf US-Präsidenten wurden insgesamt 19 Mal mit dem Titel ausgezeichnet. Auch einflussreiche Frauen waren hin und wieder dabei.

Doch mit Hitler (1938) und Stalin (1939, 1942) sowie nun mit Al-Bagdadi (Platz 2) und US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump (Platz 3) hebt „Time“ die Kanzlerin auch in eine Gruppe von Massenmördern, brutalen Fanatikern und rassistischen Scharfmachern. Warum? Weil es nicht um moralische Rückendeckung geht, sondern darum, den einflussreichsten Menschen im Weltgeschehen und die größten Nachrichten des jeweiligen Jahres zu finden.

Zugleich muss die Wahl auch in 20, 30 Jahren noch Bestand haben. „Im Idealfall wollen wir, dass unsere Person des Jahres eine Momentaufnahme dessen ist, wo die Welt gerade steht, und ein Bild dessen, wohin sie sich entwickelt. Jemand, oder in seltenen Fällen etwas, das sich wie eine Kraft der Geschichte anfühlt“, sagt die stellvertretende „Time“-Chefredakteurin Radhika Jones. So waren es 2014 die Ärzte im Kampf gegen Ebola, davor Papst Franziskus.

Zur Begründung schreibt „Time“: „Bei Merkel schwang ein anderer Wertekanon – Menschlichkeit, Güte, Toleranz – mit, um zu zeigen, wie die große Stärke Deutschlands zum Retten statt zum Zerstören genutzt werden kann. Es ist selten, einen Anführer bei dem Prozess zuzusehen, eine alte und quälende nationale Identität abzulegen.“ Merkel habe von ihren Bürgern mehr gefordert, als die meisten Politiker sich trauten, sie sei gegen Tyrannei und Eigeninteressen eingetreten und habe in einer Welt mit wenig Vorbildern eine „unerschütterliche moralische Führung“ geboten.

Schon am 9. Oktober hatten so manche Bürger in Deutschland gespannt auf die Entscheidung der norwegischen Jury in Oslo gewartet, wer den Friedensnobelpreis bekommt. CDU-Politiker hatten die Kanzlerin schon im Frühjahr dafür vorgeschlagen, weil unter ihrer Vermittlung ein Friedensabkommen für die Ukraine gelungen war. Dann spielte Merkel eine tragende Rolle bei der finanziellen Rettung Griechenlands. Auch hier brachte eine lange Nacht des Ringens während eines EU-Gipfels im Juli in Brüssel den Durchbruch. Vor allem die harte deutsche Haltung von Merkel und ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble führte dazu, dass Athen schließlich einlenkte und weitere Reformen versprach. Dafür hielt die Europäische Union zusammen und Griechenland wurde vor der Pleite bewahrt. „Kanzlerin der freien Welt“ schreibt „Time“ auf dem neuen Cover – eine Anspielung auf den „Führer der freien Welt“, dem inoffiziellen Titel für US-Präsidenten.

Aber womit Merkel die Welt am meisten begeisterte, war ihre offenherzige Aufnahme von Flüchtlingen in der Not, als Tausende Menschen, darunter viele Syrer, am Bahnhof in Budapest festsaßen und nicht sicher war, ob die ungarischen Sicherheitskräfte eine Eskalation verhindern können. Merkel ging unbürokratisch voran mit ihrem Credo „Wir schaffen das“ und lehnt bis heute auch eine Obergrenze von Flüchtlingen in Deutschland ab. Die eigene Partei hat sie damit nachhaltig verschreckt. Aber viele hielten es im Oktober für möglich, dass der Friedensnobelpreis an Merkel geht. Den bekam aber das tunesische Quartett.

Merkel habe mehr Mut als die meisten Politiker und eine „unerschütterliche moralische Führung“ bewiesen. Ein größeres Lob kann ein Regierungschef kaum bekommen. Davon profitiert auch die CDU. Ob die Partei es der Kanzlerin dankt, ist offen. Ihr Ansehen im Ausland dürfte durch den Titel nur weiter wachsen.

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