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Manfred Stolpe wird 80 : „Menschen wollen keine Parolen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Manfred Stolpe blickt zurück auf die letzten acht Jahre, die Politik und spricht über die aktuellen Fehler der SPD

Am Pfingstmontag begeht er seinen 80. Geburtstag: Manfred Stolpe (SPD), der erste Ministerpräsident von Brandenburg. Benjamin Lassiwe hat mit ihm gesprochen.

Herr Stolpe, Sie werden 80 Jahre alt. Wie blicken Sie auf diesen Tag?
Manfred Stolpe: Das ist ein Tag, den ich mit Dankbarkeit erlebe. Denn eigentlich sollte ich ja vor acht Jahren schon gestorben sein. Damals hatten meine Ärzte Krebs bei mir festgestellt und mir nicht mehr viel Zeit zum Leben prognostiziert. Inzwischen aber sind die Behandlungstechniken besser geworden, die Medizin und die Chemotherapie. Und von allem habe ich profitiert. Wenn Sie so wollen, habe ich vor acht Jahren mein zweites Leben angefangen. Heute ist es mir wichtig, dass ich die in Ost- und Westdeutschland zerstreute Familie sammele. Die jungen Leute aus Bayern und Brandenburg sollen ins Gespräch kommen. Deswegen feiere ich meinen Geburtstag mit allen zusammen auf der Insel Usedom.

Haben Sie den Eindruck, dass so etwas auch außerhalb Ihrer Familie funktioniert?
Wenn man sich begegnet, wenn man gemeinsame Herausforderungen hat, wie wir sie etwa beim ersten Aufbau in Brandenburg hatten, dann verschwinden Vorurteile. Dann merkt man, wie sich Menschen aus Ost und West gegenseitig ergänzen. Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, dann wird in Deutschland nicht mehr von Unterschieden zwischen Ost und West die Rede sein, sondern eher von Nord und Süd.

Hoffen Sie dennoch darauf, dass die Ost-West-Verbindungen in Brandenburg noch etwas dichter werden – in einem gemeinsamen Bundesland mit Berlin?
Ich glaube, dass dieses Bundesland kommen wird. Ich vermute allerdings, dass es dann etwas größer werden würde, als nur Berlin und Brandenburg. Wenn es um Organisationsfragen und Finanzen geht, wäre es vernünftig, wenn man etwa Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt noch mit dazu nimmt.

Wie erklären Sie sich den Aufstieg der AfD?
Das hängt aus meiner Sicht vor allem damit zusammen, dass zu viele Leute in den anderen Parteien oft zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Sie haben zu oft geglaubt, dass die Themen, die sie im Parlament oder in Zeitungen diskutieren auch Themen sind, die die Menschen auf der Straße inte-ressieren. Man hätte schon wach werden müssen bei der sinkenden Wahlbeteiligung. Die wachsende Zahl der Nichtwähler ist doch ein Beleg dafür, dass Politik ein Problem hat, die Menschen zu erreichen. Man muss sich mehr Mühe geben, mit den Menschen zu reden. Denn sie wollen nicht nur Parolen hören, sondern ernst genommen werden.

Sie sind Ehrenvorsitzender der Brandenburger SPD. Haben Sie den Eindruck, die SPD hat es begriffen?
Bei der Bundes-SPD habe ich manchmal schon die Sorge, ob sie nahe genug bei den Menschen und ihren Sorgen ist. Ich erlebe oft, dass dort oft sehr rationale Argumente genutzt werden. Aber dabei wird vergessen, dass die Meinungsbildung ja nicht nur rational erfolgt. Gefühle spielen eine große Rolle,wie wir vor 20 Jahren bei der gescheiterten Länderfusion erlebt haben.

Wann hatten Sie den Eindruck, aus Dietmar Woidke könnte etwas werden?
Von Anfang an. Wegen seiner Größe, aber auch wegen seiner Gabe, zuzuhören und sich nicht immer nach vorne zu drängen. Die, die immer das Gefühl haben, sie müssten in der ersten Reihe stehen und von allen Kameras erfasst werden, die haben nicht immer Glück. Ich bin sicher, er ist der richtige Mann für Brandenburg.

Sie haben zu DDR-Zeiten als Konsistorialpräsident die Kirche gegen den Sozialismus verteidigt. Wie empfinden Sie heute die rot-rote Landesregierung?
Das sind neue Leute. Aber ich habe damals schon gelernt, zu differenzieren. SED-Funktionär war nicht gleich SED-Funktionär. Wir hatten in Potsdam das Glück, dass hier einige vernünftige gesprächsbereite Leute waren. Auch Hans Modrow in Berlin war jemand, mit dem man reden konnte. Cottbus hatte die starke Position, Energiebezirk zu sein. Die Leute dort waren nicht so getrieben von Berlin. Damals kam es da-rauf an, mit den richtigen Leuten zu reden und auf dieser Klaviatur spielen zu können.

Waren Sie ein guter Klavierspieler?
Ich war ein guter Klavierspieler, aber ich habe unterschätzt, dass die Anderen immer ihre Vermerke schrieben, und alle befördert werden wollten. Je mehr man als Schreiber gut wegkam, desto mehr wuchsen die Chancen auf Beförderung. Es war für mich nach der Wende eine echte Überraschung, dass die Stasi mich deswegen zu einem inoffiziellen Mitarbeiter gemacht hatte.

Daher gab es den Untersuchungsausschuss im Landtag. Wenn Sie auf die Zeit zurückblicken – ist man damals aus Ihrer Sicht fair mit Ihnen umgegangen?
Die Bevölkerung ja. Da hatte sich herumgesprochen: Das ist einer, der hat den Menschen in schwerer Zeit geholfen. Das kann ja gar nicht stimmen, was sie ihm andichten.

Und die poltitische Klasse?
Differenziert.

Wir danken für das Gespräch.
 

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erstellt am 16.Mai.2016 | 00:00 Uhr

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